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Von der feministischen Hausarbeitsdebatte zur postpatriarchalen Life-Life-Balance und darüber hinaus...

Ina Praetorius

Allmählich spricht es sich herum: Wirtschaft ist mehr als Geld und Markt. Wirtschaft ist, was wir alle täglich tun, damit sieben Milliarden Erdenbürgerinnen und Erdenbürger alles bekommen, was sie brauchen. Ob ich ein Mittagessen koche oder mitten in der Nacht ein kotzendes Kind tröste, ob ich für die Nachbarin Einkäufe erledige oder der Flüchtlingsfamilie die Wohnung einrichte – all dies ist Teil der «gesellschaftliche(n) Veranstaltung zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse der Lebenserhaltung und der Lebensqualität» (Ulrich 2008, 11). – Ob auch Schönheitsoperationen, Streubomben, die siebenundzwanzigste TV-Talkshow und Finanzspekulationen zu der arbeitsteiligen, bedürfnisbefriedigenden Veranstaltung gehören, die sich «Wirtschaft» nennt, daran habe ich je länger je mehr meine begründeten Zweifel. Aber okay, gehen wir einen Schritt nach dem anderen. Überfordern wir die obsessiv aufs Geld fixierten Damen und Herren ProfessorInnen, Journalisten und Manager nicht mit allzu viel Umdenkarbeit auf einmal.

Hausarbeit, Care, Daseinsfürsorge, Lebensweltökonomie ... Um etwas richtig zu beschreiben, braucht es Wörter, die dem, was wirklich ist, möglichst nahe kommen. Dass in den siebziger- und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Bücher mit Titeln wie Mann, Marx spricht nicht über Hausarbeit (Joosten 1980) oder Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung (Neusüss 1985) oder Frauen, die letzte Kolonie (von Werlhof u.a. 1983) erschienen, liegt daran, dass Feministinnen damals systematisch solche Wörter für ihre eigenen Alltage suchten und fanden. Sie wollten einander und der Welt erklären, inwiefern die Genossen der 68er-Bewegung Frauenalltage kaum korrekter beschrieben als die heftig kritisierten «bürgerlichen» Ökonomen. Zunächst als Reaktion auf eine Linke, die sich nicht um die Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft diesseits geldvermittelter Tauschakte kümmerte, entstand die «Feministische Hausarbeitsdebatte». Sie wurde zur Grundlage dessen, was heute als Care-Ökonomie oder Care-centered Economy (Praetorius 2015) das verschwiegene un- und unterbezahlte Wirtschaften ins Licht der Öffentlichkeit rückt.

Nach langen Jahren der Sprachsuche, in denen wir mit Wörtern wie Hausarbeit, Fürsorgearbeit, Hausfrauisierung, Reproduktion(-sarbeit) oder Lebensweltökonomie (Jochimsen u.a. 2004) experimentierten, etabliert sich etwa seit Anfang des neuen Jahrtausends der Anglizismus Care als Verständigungsbegriff für alle, die über den geldzentrierten Mainstream hinaus auf die Grundbedeutung des Ökonomischen zurück kommen. Dieser Begriff «Ökonomie» leitet sich nämlich von den griechischen Wörtern für Haushalt (oikos) und Gesetz (nomos) ab, bedeutet also keineswegs «Lehre vom Geld und vom Markt», sondern: «Lehre vom Haushalten» oder «Gesetz des Hauses». Dass es Aufgabe der Haushalte ist, für das Lebensnotwendige zu sorgen, stand schon im vierten Jahrhundert vor Christus fest: Für Aristoteles, der die Oiko-Nomia in seinem Buch Politik erstmals systematisch entfaltet hat (Aristoteles 1973, von Schweitzer 1991), ist der Haushalt die Basisinstitution des menschlichen Zusammenlebens, in dem «die notwendigen Güter» her- und bereitgestellt werden, ohne die «man weder leben noch vollkommen leben» kann (Aristoteles 1973, 51). Allerdings hat schon der antike Denker eine Grenze gezogen zwischen «höheren», mit Männlichkeit und Freiheit assoziierten Sphären, und dem «niederen» Bereich des Hauhaltens, in dem Frauen, Sklavinnen, Sklaven, Kinder und Haustiere unter der Aufsicht eines Hausherren die Grundbedürfnisse aller zu befriedigen und so die vermeintliche «Unabhängigkeit» der Herren herzustellen hatten. Diese Grenze wirkt nach bis in unsere Gegenwart. Heute verläuft sie zwischen einer «höheren», mit Männlichkeit, Freiheit und Geld assoziierten Marktsphäre, die sich irreführenderweise als «die Ökonomie» ausgibt, und einem verschwiegenen Bereich un- oder unterbezahlter Tätigkeiten, in der viel mehr Frauen als Männer – zunehmend Migrantinnen – dafür sorgen, dass alle bekommen, was sie brauchen, um in der Öffentlichkeit als «unabhängig» in Erscheinung treten zu können.

Zunehmende Aufmerksamkeit für Care auch in der Schweiz Am 17. Juni 1994 reichte die damalige FraP!-Abgeordnete Christine Goll im Nationalrat die Motion Nummer 94.33-09 ein. Diese Motion führte, nach einer Reihe vergleichbarer parlamentarischer Vorstösse, zur Einrichtung des Moduls «unbezahlte Arbeit» im Rahmen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake). Seit rund zwanzig Jahren also werden vom Bundesamt für Statistik regelmässig Daten zur unbezahlten Arbeit erhoben. In der Medienmitteilung zur neuesten Erhebung (19. Februar 2015) heisst es: «8,7 Milliarden Stunden sind im Jahr 2013 in der Schweiz unbezahlt gearbeitet worden. Damit wurde für die unbezahlte Arbeit 14 Prozent mehr Zeit aufgewendet als für die bezahlte Arbeit (7,7 Milliarden Stunden). Die gesamte, im Jahr 2013 geleistete unbezahlte Arbeit wird auf einen Geldwert von 401 Milliarden Franken geschätzt.»1

Zwar werden die Daten bis heute von den «grossen» Medien und den wirtschaftswissenschaftlichen Institutionen kaum zur Kenntnis genommen oder gar ausgewertet. Trotzdem verstehen immer mehr Menschen, wie wichtig – und gleichzeitig massiv ungerecht organisiert – Care für das menschliche Zusammenleben ist, zumal auch international immer mehr verlässliches Datenmaterial zur Verfügung steht. In der Schweiz sorgten vor allem die Organisation Wide (Women in Development Europe), Publikationen des Denknetz (Baumann u.a. 2013) und der Zeitschrift Widerspruch (Care, Krise und Geschlecht 2013) sowie die Debatte um die «Volksinitiative für ein bedingungsloses Grundeinkommen» für zunehmende Aufmerksamkeit. Der Dokumentarfilm «Hilfe aus dem Osten. Pflegemigrantinnen in der Schweiz» und die dazu gehörige TV-Sendung «Der Club» vom 13. August 2013 sensibilisierten zusätzlich für die Problematik der Care-Migration. Auch als im März 2014 in Berlin die Care-Revolution (care-revolution.org) ausgerufen wurde, waren viele Frauen aus der Schweiz beteiligt. Im Dezember 2015 schliesslich wurde in St. Gallen der Verein WiC (www.wirtschaft-ist-care.org) gegründet, der es sich zum Ziel gesetzt hat, mit Projekten und Aktionen dafür zu sorgen, «dass Care-Leistungen als vollwertige Arbeit öffentlich anerkannt, dokumentiert und wertgeschätzt werden» (Belz u.a. 2016). Im Januar 2016 lancierte der Verein die Postkartenaktion «Karwoche ist Carewoche» (karwoche-ist-carewoche.org). Im April 2016 schrieb WiC die Dekane aller wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten und Fachbereiche der deutschsprachigen Schweiz an, um die Forschungssituation hinsichtlich der Care-Arbeit zu eruieren. Und am 17. September 2016 veranstaltet WiC in Zusammenarbeit mit den Zeitschriften Neue Wege und Rosarot in Zürich eine Ideenwerkstatt zum Thema «Life-Life-Balance» (vgl. Veranstaltungs-hinweise in diesem Heft).

Weitere Aktionen, Kampagnen, Vernetzungen und Publikationen werden folgen. Die Care-centered Economy ist unstoppably auf dem Weg. •

Ina Praetorius, *1956 in Karlsruhe, Germanistin und evangelische Theologin, ist freischaffende Autorin und Referentin. www.inapraetorius.ch

Literatur Aristoteles: Politik. Übersetzt und herausgegeben von Olof Gigon, München 1973.

Hans Baumann, Iris Bischel, Michael Gemperle, Ulrike Knobloch, Beat Ringger, Holger Schatz (Hg.): Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus. Denknetz Jahrbuch, Zürich 2013.

Gaby Belz, Martha Beéry-Artho, Cornelia Camichel-Bromeis, Ina Praetorius, Nadja Schnetzler: Karwoche ist Carewoche – Wirtschaft ist Care. Ein neuer Verein und sein erstes Projekt (19.02.2016);www.bzw-weiterdenkende/2016/02/karwoche-ist-carewoche-wirtschaft-ist-care-ein-neuer-verein-und-sein-erstes-projekt/

Care, Krise und Geschlecht. Widerspruch (Beiträge zu sozialistischer Politik) 62, Zürich 2013.

Dokumentarfilm «Hilfe aus dem Osten. Pflegemigrantinnen in der Schweiz» www.srf.ch/sendungen/dok/hilfe-aus-dem-osten-pflegemigrantinnen-in-der-schweiz-2.

Maren A. Jochimsen, Stefan Kesting, Ulrike Knobloch (Hg.): Lebensweltökonomie. Bielefeld 2004.

Andrea Joosten: Mann, Marx spricht nicht über Hausarbeit. Berlin 1980.

Christel Neusüss: Die Kopfgeburten der Arbeiterbewegung oder: Die Genossin Luxemburg bringt alles durcheinander. Hamburg 1985.

Ina Praetorius: Wirtschaft ist Care oder: Die Wiederentdeckung des Selbstverständlichen, Berlin 2015. – Die Vielfalt der Care-Bewegung (2016); inabea.wordpress.com/2016/04/04/die-vielfalt-der-care-bewegung/

Rosemarie von Schweitzer: Einführung in die Wirtschaftslehre des privaten Haushalts. Stuttgart 1991.

Peter Ulrich: Integrative Wirtschaftsethik. Grund-lagen einer lebensdienlichen Ökonomie. Bern/Stuttgart/Wien, 4. vollständig neu bearbeitete Auflage 2008.

Claudia von Werlhof, Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen: Frauen, die letzte Kolonie. Reinbek b.Hamburg 1983.