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An Europas Grenze: Fluchten, Fallen, Frontex

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Kaspar Surbers Reportagen von den Grenzen Europas sind nicht nur gut erzählt, sondern auch auf der Höhe der aktuellen theoretischen Diskussion. Sie überführen die in der Migrationsdebatte festgefahrene Dualität von Problem und Lösung eines funktionalen Fatalismus und setzen dagegen einen dynamischen Ansatz von Bewegung und Entwicklung. Surbers Berichte von verschiedenen Schauplätzen des Migrationsdramas unserer Tage führt klar vor Augen: Wenn es hier etwas hinzunehmen gibt, dann die Tatsache, dass Menschen von zu Hause weggehen und nicht die Praxis, die dies verhindern will.

Im Schifffahrtsmuseum von Amsterdam hängt ein Triptichon des Künstlers Peter van Dongen. Es trägt den Titel: «Africa-Holland-Line». Die erste Szene zeigt einen Mann mit einem T-Shirt des Fussballers Lionel Messi, der von einer Anhöhe zum Strand hinuntergeht, wo unweit des Ufers ein kleines, überfülltes Boot wartet. Der am Elend der Bootsflüchtlinge geschulte Betrachter liest dieses Bild automatisch als eine Art Abstiegsszene, als Vorausahnung eines drohenden Untergangs. Dem zweiten Blick fällt aber auf, dass das Bild gerade diese Sichtweise unterläuft, indem der Strand als eine Art Unterwasserwelt gemalt ist und der vermeintliche Abstieg zum lebensgefährlichen Boot aus der Perspektive des Mannes eher als ein Auftauchen an die frische Luft erscheint.

Um einen ähnlichen Perspektivenwechsel geht es dem Journalisten Surber in seinem Buch «An Europas Grenze». Er schreibt: «Europa wird angesichts programmatischer Erklärungen, seiner Datenbanken und Zäune oft pauschal als Festung interpretiert. Doch die Begegnungen mit den Menschen, die unterwegs sind, zeigen ein komplexeres Bild.» Es geht vor allem darum, diese Menschen nicht nur als Opfer zu sehen, sondern auch als Individuen mit spezifischen Wünschen und Bedürfnissen. Surber fasst entsprechend Migration als dynamische, nur begrenzt planbare, ja manchmal exzessive menschliche Praxis, weder gut noch schlecht, sondern einfach vorhanden. Ganz entscheidend ist von daher der Begriff der «Autonomie der Migration». Er ist der theoretische Angelpunkt, um die Kritik an der staatlichen Migrationspolitik nicht allein aus moralischen Gesichtspunkten führen zu müssen. Denn wenn erstens Migration als eine Realität menschlichen Lebens überhaupt und insbesondere moderner Gesellschaften aufgefasst wird und zweitens nicht nur als Notwehr unter Lebensbedrohung, sondern auch als Akt der Selbstbestimmung, dann sitzt die Politik, die alles unternimmt, diese Tatsache zu verdrängen und echte von falschen Migrationsgründen unterscheidet, im falschen Boot – und nicht die Flüchtlinge, die allen Hürden zum Trotz täglich in Lampedusa landen.

Surber hat diese afrikanischen Bootsfahrer «Glücksritter» genannt und er verwendet damit genau jenen Begriff, den Marx für die Hersteller des Weltmarkts gebrauchte, welcher zur kapitalistischen und also zweideutigen Einheit der Menschheit führte, als deren Echo nun die neuen Konquistadores von der anderen Seite der Welt ihr Glück versuchen. Ihr Glücksversprechen ist Europas Angst. Und diese Angst ist das Glück der rechten Parteien und der gesamten Grenzindustrie. Als ihr modernster und gleichzeitig mythischster Zweig kann die obskure europäische Grenzschutzorganisation Frontext gelten, deren zynische Sprache und quasi kafkaeske Selbstbeauftragung Surber mit einer schönen Geschichte von Franz Kafka über den Meeresgott Poseidon ins rechte Licht rückt.

Surbers nüchterner Ton in der Beschreibung der verschiedenen Schauplätze seiner Reisen ist dieser Haltung angemessen und trotzdem verschwindet sein Engagement nicht dahinter, sondern verschafft sich Luft in wunderschönen erzählerischen Details, mal deutlich empört, mal klammheimlich erfreut. Etwa wenn der junge Tunesier, der gleich nach seiner Ankunft in Lampedusa mit seinem wenigen Geld neue blaue Turnschuhe kauft und man geneigt ist, ihm gerade deswegen keine Chance zu geben, einige Seiten später sich bereits per E-Mail aus Berlin meldet. Oder auch im Kapitel «Das Urteil», worin es um den Strassburger Schuldspruch vom 23.2.2012 gegen Italien geht, dessen Behörden im Fall der Hinderung von 231 Flüchtlingen an der Landung auf italienischen Boden, des Verstosses gegen die Menschenrechtskonvention angeklagt waren. Surber arbeitet die historische Bedeutung dieses Urteils heraus, nachdem nun Grenzkontrollen «keine schutzbedürftigen Personen am Zugang nach Europa» mehr hindern dürfen. Mit dieser und anderen Begebenheiten wird gezeigt: Auch die Asylpolitik, die oft in der Linken als ein unumstössliches Desaster empfunden wird, ist ein offenes politisches Feld. Dieses gilt es genau zu analysieren, um situationsangepasst handeln zu können; mal juristisch, mal symbolisch und in der Schweiz auch immer wieder mit einem Referendum. Die Realpolitik erscheint im Buch denn auch in Gestalt und Namen ihrer wirklichen Akteure und nicht nur, wie sonst oft genug, als Verdikt in Form von Entscheiden und Gesetzen. Zum Beispiel in einem Gespräch mit Bundesrätin Simonetta Sommaruga. Bei allem Bemühen um Versachlichung und Humanität, das darin zum Ausdruck kommt, spürt man doch das Scheitern dieses Versuchs und ein grosses Unbehagen an der Gefangenschaft in einer schiefen Systematik starrer Grenzen und daraus resultierender Grenzregime. Um den gegenwärtigen Kampf von Konstruktion und Dekonstruktion von «Europas Grenze» zu beschreiben, reiste Surber nach Athen, Lampedusa, Warschau, Strassburg, Bern. Er hätte auch noch weiter gehen können, nach Weissrussland, zu den Kooperationsübungen deutscher Polizisten mit Lukaschenkas Polizei oder nach Marokko, wo auf ihrem Weg nach Europa hängengebliebene und in Lagern internierte afrikanische Flüchtlinge, sich zu organisieren beginnen. Ein weiterer Band hätte genügend Stoffe. Doch auch so ist deutlich genug, dass Europas Grenze zwar mächtig ist und doch im Fluss, mal für die einen neu gebaut wird, mal für die anderen verschwindet, aber doch permanent mit oder ohne Passierschein überschritten wird.

Hier und da wurde Surber und dem Verfasser des Nachworts, dem Philosophen Andreas Cassee, ihren abschliessenden «Ausblick» auf eine Welt der offenen Grenzen als nicht ganz zum nüchternen Ton passende Naivität angekreidet. Mit demselben Recht kann zurückgefragt werden, ob denn nicht aller Widerstand gegen eine Politik, die in der Logik nationaler Grenzen und Migrationsauffassungen gefangen ist, ohne die grundlegende Idee einer freien Bewegungsordnung für alle Menschen genauso naiv wäre.

Kategorie Buch
Titel An Europas Grenze: Fluchten, Fallen, Frontex
Identifikation ISBN 3-905-80059-4
Bild An Europas Grenze: Fluchten, Fallen, Frontex
Autor Kaspar Surber
Verlag Echtzeit Verlag
Art Taschenbuch (176)
Preis 0.00