Weil Gott es so will

Geneva Moser, 23. März 2021
Neue Wege 4.21

Geneva Moser: Sr. Philippa Rath OSB, Ihr Buch Weil Gott es so will versammelt 150 persönliche Berichte von Frauen, die sich zur Priesterin oder Diakonin berufen fühlen, dieser Berufung in ihrer Kirche aber nicht folgen dürfen. Wie kam es zu diesem Buch?

Philippa Rath: Zwei Bischöfe raunten mir bei der ersten Vollversammlung des deutschen Reformprozesses «Synodaler Weg» im Feb­ruar 2020 in Frankfurt bei einer Tasse Kaffee zu, dass es doch gar keine Frauen gebe, die sich zu Weiheämtern in der Kirche berufen fühlten. Ich war erst sprachlos. Und dann wollte ich den Gegenbeweis antreten. Das war der Start zu diesem Projekt. Ich schrieb zwölf befreundete Frauen an, von denen ich genau wusste, dass sie sich zum Diakoninnen- bzw. Priesterinnenamt berufen wissen. Deren Antworten wollte ich dann in das Synodalforum «Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche» einbringen, damit das Thema Berufung von Frauen endlich Gehör und Eingang in die synodalen Beratungen findet. Aus den zwölf Anfragen wurden dann allerdings innerhalb von nur fünf Wochen 150 Texte. Das kam für mich völlig überraschend und war sehr bewegend, fast schon überwältigend. Um all diesen wunderbaren Lebens- und Berufungsgeschichten gerecht werden zu können, ist dann das Buch Weil Gott es so will entstanden.

Was hat Sie an den Erzählungen am meisten berührt oder beschäftigt?

Vor allem berührt mich nach wie vor sehr, dass die authentischen Berufungen der Frauen in unserer Kirche allzu oft belächelt, nicht ernstgenommen und dementsprechend auch nicht geprüft werden. Dabei handelt es sich bei diesen Frauen keineswegs um Randexistenzen, sondern sie kommen aus der Mitte der Kirche und engagieren sich seit vielen Jahren, zum Teil seit Jahrzehnten, mit grosser Leidenschaft in und für die Kirche. Sie sind fest verwurzelt im Glauben; sie lieben ihre Kirche, leiden aber zugleich auch zutiefst an ihr. Sie leiden unter Diskriminierung und Ausgrenzung, unter mangelnder Teilhabe und Mitverantwortung, daran, dass sie ihre eigenen theologischen und geistlichen Kompetenzen zu wenig einbringen können und abhängig sind vom Wohlwollen männlicher Amtsträger.

Das Ringen um Geschlechter­gerechtigkeit in der römisch-­katholischen Kirche ist alt, und es kann zermürben. Was gibt Ihnen dennoch Hoffnung?

Hoffnung gibt mir vor allem, dass so viele Frauen in aller Welt nicht mehr bereit sind, zu schweigen und sich mundtot machen zu lassen. Dass sie kämpfen wollen um die Anerkennung ihrer Berufung und sich damit für wirkliche Geschlechtergerechtigkeit in der Kirche engagieren. Hoffnung macht mir auch, dass viele Männer, auch Kleriker und Bischöfe, sich langsam für dieses Anliegen öffnen und dass sie die gerechte Forderung der Frauen zunehmend unterstützen.

In der Schweiz «feiern» wir dieses Jahr fünfzig Jahre politische Rechte von Frauen, Resultat eines jahr­zehntelangen Kampfes. Welche Faktoren sind nötig, dass sich der Zugang zu Ämtern und Würden in der römisch-­katholischen Kirche auch für Frauen öffnet und sich das Priester­verständnis verändert?

Das Entscheidende ist für mich, dass ein Bewusstseinswandel stattfindet – weg von einem hierarchischen, von Männern dominierten Kirchenbild hin zu einer diakonischen Kirche. In einer solchen sind Frauen und Männer gemeinsam mit den Menschen unterwegs und sorgen sich radikal im Geist Jesu um das Heil der Seelen und um gerechte Strukturen in Kirche und Gesellschaft. Wir müssen auch endlich einsehen, dass es eben nicht reicht, dass die Kirche in vielen Dokumenten und päpstlichen Verlautbarungen immer wieder von der Würde der Frau spricht und ihre Gleichberechtigung in Staat und Gesellschaft einfordert. Sie muss mit gutem Beispiel vorangehen. Nur dann bleibt sie glaubwürdig und kann Vordenkerin und Vorreiterin für eine bessere Welt sein.

Evangelische Christ*innen oder kirchenferne ­Menschen mag das beharrliche «Bleiben und ­Kämpfen» von Menschen wie Ihnen irritieren: Warum nicht einfach gehen? Oder: Warum nicht einfach handeln, die Sache selber in die Hand nehmen und Eucharistie feiern, Kranke salben, Beicht­gespräche führen?

Es mag sein, dass manche so denken. Aber ich bin nun einmal tief in meinem Glauben verwurzelt, ich bin Ordensfrau, Benediktinerin, und ich liebe meine Kirche. Ich bin allerdings davon überzeugt, dass Gott sie sich nicht so gedacht hat, wie sie derzeit aussieht. Deshalb möchte ich dazu beitragen, dass wir dem ursprünglichen Bild wieder näherkommen.

Gehen ist mir zu einfach. Veränderungen, wenn sie nachhaltig sein sollen, müssen von innen heraus geschehen. Und was das Tun betrifft, so geschieht ja schon sehr viel. Schauen Sie nur auf die Kirche bei Ihnen in der Schweiz. In vielen Diözesen sind Frauen ganz selbstverständlich Gemeindeleiterinnen. Sie taufen, sie beerdigen, sie predigen, sie segnen Kranke. Das kann für unsere deutsche Kirche ein Vorbild sein. Sehr viel passiert auch bereits: in den Frauenorden, in Frauengruppen aller Art, ob in den katholischen Frauenverbänden, in Gruppen wie Maria 2.0 oder in Initiativen wie Voices of Faith, Catholic Women’s Council oder der Junia-Initiative. Derzeit bricht viel auf, was mich mit Hoffnung erfüllt.

Wie sähe ein nichtklerikales Priester*innen-Verständnis in einer geschlechter­gerechten Kirche aus?

Ich denke, wir sollten aufhören, uns auf Priester und Weihe­träger zu fixieren, und das überhöhte und hierarchische Klerikerbild vom Sockel herunter auf den Boden holen. Das würde Machtmissbrauch vorbeugen und entspräche auch mehr dem Wirken und Handeln Jesu. Es gibt so viele verschiedene Charismen und Begabungen. Diese sollten wir in den Gemeinden mit offenem Blick und offenem Herzen anschauen und die Ämter und Dienste dann demgemäss verteilen, unabhängig vom Geschlecht. Die Heilige Geistkraft weht, wo sie will. Wir sollten in und mit ihr «segeln», anstatt ihr vorzuschreiben, wen sie beruft und welches Geschlecht die Berufenen haben müssen.

Inwiefern geht der Kampf für Geschlechter­gerechtigkeit in der Kirche auch Frauen/Menschen ausserhalb der Kirchen etwas an? Wie steht er in einem Zusammenhang mit anderen Kämpfen um soziale Gerechtigkeit?

Ich bin überzeugt, dass die christlichen Kirchen wie auch die anderen Religionen nach wie vor eine starke Stimme in der Welt und in den einzelnen Gesellschaften haben. Zwar ist die Zeit vorbei, dass sie – zumindest in Westeuropa – eine unüberhörbare moralische Instanz waren. Aber viele Menschen achten schon sehr genau darauf, was sie sagen und was sie tun. Umso mehr geht es jetzt darum, das verloren gegangene Vertrauen und die Glaubwürdigkeit Schritt für Schritt zurückzugewinnen. Das gelingt sicher nicht mit Worten allein, ihnen müssen Taten folgen, unübersehbare und radikale Reformen innerhalb der Kirche selbst. Dann besteht vielleicht eine Chance, dass das – ja unzweifelhaft vorhandene – grosse Engagement der Kirchen für Frieden, Gerechtigkeit und für die Bewahrung der Schöpfung wieder ernstgenommen wird und Frucht bringen kann für die Welt.

Sr. Philippa Rath OSB, *1955, ist seit dreissig Jahren ­Benediktinerin der Abtei Sankt Hildegard in Rüdesheim am Rhein. Sie studierte Theologie, Geschichte und Politik­wissen­schaften.

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com