Was nicht hinein passt

Katharina Payk, 23. April 2019
5.19

Queer-Theorie und Theologie haben einiges gemeinsam. Beide haben das Potenzial zur Irritation und Widerständigkeit. Wo sie zusammenkommen, entstehen neue Perspektiven.

Für viele ist der Begriff queer mit all seiner Anwendungsvielfalt aus dem täglichen Leben nicht mehr wegzudenken. Für manche ist queer ein Ärgernis, weil sie befürchten, dass es konkrete lesbische, schwule, bisexuelle und trans Lebensrealitäten durch ein trendiges Über-­Label verwischen könnte. Wieder andere fragen sich jedes Mal erneut, was queer eigentlich bedeutet. Der Begriff und das dahinterstehende Konzept brauchen in der Tat viel Erklärung, Diskussion und Nach-Denken. Es ist also keine Schande, wenn jemand das Gefühl hat, den Begriff nicht richtig greifen zu können. Eigentlich ist das Konzept queer auch so angelegt: nie zu Ende gedacht, sondern offen und durchaus uneindeutig – genau wie es auch Theologie ist.

Begriffsgeschichte

Früher waren «schwul» und «lesbisch» ab­­wertende Bezeichnungen für homosexuell l(i)ebende Menschen, welche sich diese schliesslich selbstbewusst rückangeeignet haben. Dieses «Reclaiming» passiert mit vielen Bezeichnungen marginalisierter Gruppen. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Krüppelbewegung, in der Menschen mit Behinderungen den Begriff Krüppel (englisch «crip») mit seinem gewaltvollen Potenzial entmachten und ihn für sich behaupten: als Selbstbezeichnung. 

Auch queer hat eine solche Begriffsgeschichte. Etymologisch vom deutschen Wort quer («kwer») abstammend und seit dem 16. Jahrhundert ins Englische entlehnt, bedeutet es im Amerikanischen so viel wie «seltsam», «verrückt», «fragwürdig», «falsch». Anders als hier im deutschsprachigen Raum, wo queer mittlerweile oft nur mehr mit verrückten Parties, coolen Vertreter_innen des Künstler_innenmilieus oder Einhorn-Glitzer-Outfits in Verbindung gebracht wird, klingt es im Englischen anders: Queer bleibt dort ein krasses Wort, in dem die Härte der ursprünglichen negativen Bedeutung mitklingt. Und wer über die Aneignung des Begriffs durch die LGBTI1-Community weiss, der_die hört die Wut und die Ernsthaftigkeit, die mit dem darin anklingenden erbitterten Kampf für die Menschenrechte homosexueller, trans und intergeschlechtlicher Personen mitschwingen.

Im anglo-amerikanischen Sprachraum hatte sich queer nämlich als Schimpfwort etabliert, um Menschen, die in ihrer Sexualität vom Mainstream abweichen, zu bezeichnen. Durch schwule, lesbische, bisexuelle und trans Menschen selbst erfuhr der Begriff eine Neubewertung. In der Bewegung für die Rechte der Homosexuellen wurde der Ausruf «We are here, we are queer, get used to it!» in den 1990er Jahren zu einer Art Kampfansage gegen Homophobie und Gewalt gegen LGBT. Damit verlor die einstige fiese Fremdzuschreibung queer ihr herabwürdigendes Potenzial.

Lebenskonzept

Queer kann einerseits als Regenschirm­begriff verstanden werden, unter dem sich alles, was nicht straight, nicht geradlinig, nicht den gesellschaftlichen Normen entspricht, versammelt. Darunter fallen zum Beispiel Lesben, Schwule, bisexuelle, trans und intergeschlechtliche Menschen. Manche finden auch, dass polyamor L(i)ebende, also Menschen, die im Einverständnis aller Beteiligten mit mehr als einer Person in Liebesbeziehung(en) sind oder sein wollen, ebenfalls dazu zählen. Polyamore oder offene Beziehungen werden von anderen oft herabgestuft in ihrer Verbindlichkeit oder Ernsthaftigkeit; ausserdem können nur Beziehungen zwischen zwei Personen zivilrechtlich verankert werden. Auch BDSM2 zählen manche zum Queer-Konzept dazu. Rollenspiele, Dominanz und Unterwerfung, Lustschmerz oder Fesseln – solche «sadomasochistischen» Neigungen werden von viele Menschen konsensuell ausgelebt, sind aber in unserer Gesellschaft nach wie vor nicht schick, sondern gelten als unseriös und werden von Betroffenen oft geheim gehalten – aus Angst, man könne sie als krank oder pervers einstufen.

Queer ist aber andererseits nicht mit LGBTI gleichzusetzen. Es ersetzt nicht die politischen Kämpfe einzelner Gruppen wie beispielsweise lesbischer Frauen und macht sich dies auch nicht zum Anspruch. So schreibt die Queer-Forscherin Annamarie Jagose: «Die Lesben- und Schwulenbewegungen waren grundsätzlich der Idee von Identitätspolitik verpflichtet, denn Identität galt als notwendige Voraussetzung effektiven politischen Handelns. Queer dagegen nimmt einen eher vermittelten Bezug auf Identifikationsmuster.»3 Man könnte queer daher auch als eine Methode bezeichnen, die immer wieder den Finger in die Wunde legt, sobald sich Kategorien festzuschreiben drohen. Queer ist eine Haltung, eine Brille, ein Werkzeug, eine Lebensweise – eng verknüpft mit Diskursen rund um Sexualität, Begehren und Gender. Der Blick geht dabei immer auf Menschen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, die beschimpft oder ignoriert werden, weil sie nicht in die gängigen «westlichen» Schemata passen. Damit verbunden gehört zu queer auch die Infragestellung von Körpernormen: Dicke, behinderte, Schwarze, trans und intergeschlechtliche Körper etwa erleben im Queer-Konzept eine Art Rehabilitation ihrer Beschädigungen durch erlebte Diskriminierung und Gewalt. Schönheit, Gesundheit und Eindeutigkeit werden neu definiert beziehungsweise durcheinandergeschüttelt und auf den Kopf gestellt.

Theorie

Queer hat längst in die Wissenschaft Einzug gehalten, in Form der Queer-Theorie, deren Name die feministische Wissenschaftlerin Teresa de Lauretis 1991 prägte, oder der Queer Studies, die queer auf die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen anwendbar machen. Eine der einflussreichsten Wegbereiter_innen der Queer Theory ist die Philosophin und Philologin Judith Butler, die insbesondere in ihrem 1990 erschienenen Buch "Das Unbehagen der Geschlechter" (Original: Gender Trouble) Geschlecht und sexuelle Identität als performativ und diskursiv hergestelltes Konstrukt beschreibt.

Queer Studies sind eine sogenannte Querschnittsdisziplin. Das bedeutet, dass sie sich – genau wie die Gender Studies, mit denen sie eng verwandt sind – auf viele akademische Fächer anwenden lassen und dort jeweils Fragestellungen aufwerfen, die innerhalb patriarchaler und heteronormativer Wissenszugänge sonst keine Beachtung finden. So gibt es beispielsweise das Queer Reading in den Literaturwissenschaften, das auch auf die Bibel angewandt werden kann. Dabei werden Figuren, Situationen, Sachverhalte und Ebenen von Texten mit queeren Fragestellungen konfrontiert.

Queere Theologie

Queer weicht und bricht ewig geglaubte Wahrheiten und starre Kategorien auf. Das ist besonders wichtig und hilfreich, wenn man theologisch arbeitet oder in religiösen Zusammenhängen lebt und wirkt. Schliesslich haftet der christlichen Religion eine besonders hartnäckige Freude an Regelhaftigkeit, Verbot und Norm an.

Durch queer können neue und kreative Formen von Moralität geschaffen und gelebt werden, schreibt die englische Queer-Theologin Susannah Cornwall in ihrem Werk Con­troversies in Queer Theology. Die Queer-Theologie betont ausserdem die Uneindeutigkeiten und Umkehrungen der christlichen Religion als Stärke – etwa Gottes (Nicht-)Gender oder Gottes Menschwerdung sowie die Auflösung von vermeintlichen Gegensatzpaaren wie stark/schwach.

Eine Maxime von Queer-Theologie ist: Religion ist an sich queer. Der Theologe Gerard Loughlin erklärt: «Theology is a queer thing. It has always been a queer thing. It is a very strange thing indeed, especially for anyone living in the modern West of the twenty-first century.»4 Theologie relativiere die irdischen Dinge oder gleiche sie aus: Sie ist der Auffassung, der Mensch könne sich selbst nur verstehen, wenn er versucht, seine Beziehung zu dem Unbekannten, das Anfang und Ende des Menschseins ist, zu verstehen. Theologie wird in unserer spätmodernen Welt immer mehr als «strange» wahrgenommen: «the thing that doesn’t fit in», so Loughlin treffend – das, was nicht hineinpasst.

So wird beispielsweise Religiös-Sein heutzutage verbunden mit: von gestern sein, keinen klaren Verstand haben, nicht aufgeklärt sein, angepasst sein. Dabei können Religion und Glaube sehr wohl dekonstruktivistisch und auch widerständig sein. Biblische Werte etwa widersetzen sich gängigen Vorstellungen von Leistung, Menschsein und Beziehungen.

SchwulLesBische Theologie versteht die homosexuelle Orientierung als eine gute Gabe Gottes. Sie macht anti-heteronormative Beziehungen und Figuren (wie z. B. Ruth und Naomi) in der Bibel sichtbar – das ist nach wie vor wichtig. Queere Theologie hingegen weist etwa auf konkrete Dekonstruktionen in Bibeltexten hin. Sie entdeckt die Fleischwerdung Gottes als queeren Akt: Wenn man Gott und Mensch als wesenhaft verschieden sieht, dann ist die Inkarnation doch eine grundlegende Verunsicherung, ja: ein Widerspruch – eigentlich.

Queere Theologie fordert die Bilder heiliger Körper in unseren Köpfen heraus: Jesus war nicht weiss und wahrscheinlich auch nicht dünn, erklärt Lisa Isherwood in ihrem Werk The Fat Jesus: Christianity and Body Image. Sie entwirft auf der Grundlage von Mt 11,19, wo Jesus als «Fresser und Weinsäufer» bezeichnet wird, einen dicken Jesus, der nicht will, dass wir unser Verlangen nach Nahrung zügeln, sondern, dass wir uns leidenschaftlich engagieren für das Verlangen der Welt nach Essen, nach Sattwerden.

Das Konzept Queer bringt Irritationen und Störungen in die Theologie ein. So wie es auch manche verstört, wenn ein Mensch sich als gläubig outet. Queer berührt und verhandelt Fragen des Menschseins genauso, wie das Theologie tut.

Queer zeigt sich etwa in lesBiSchwulen Lebensweisen, in Transitionen oder wenn intergeschlechtliche oder behinderte Menschen geboren werden. Queer ist auch, wenn ich es nicht pervers finde, wenn jemand BDSM mag. Aber queer geht nicht in dem Einzelnen auf. Es erschöpft sich nicht in der Aufzählung der mittlerweile fast endlos zu knüpfenden Kette des LGBTI(QQAA)5-Akronyms. Und auch nicht in Regenbogenparaden. Es will weitergedacht werden und weiter herausgefordert werden. Diskutiert, wieder verworfen, gefunden und wieder verloren werden. Es darf gefeiert werden. Queer scheut es dabei nicht, schlüpfrig zu sein und schrill – genau darin liegt sein Gehalt. Jedoch darf man nicht vor lauter Glitter vergessen, dass queer immer etwas Politisches anhängt.●

○Teile des Artikels sind bereits auf evangelisch.de publiziert worden.

  1. LGBTI steht für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Inter.

  2. BDSM steht für: Bondage & Disziplin, Dominanz & Submission, Sadismus & Masochismus.

  3. Annamarie Jagose: Queer Theory. Eine Einführung. New York 2001.

  4. Gerard Loughlin: Queer Theology. Rethinking the Western Body, 2007, S. 7

  5. LGBTIQQAA steht zum Beispiel für Lesbian, Gay, Bisexual, Trans, Inter, Queer, Questioning, Asexual, Allies.

  • Katharina Payk,

    *1980, ist evangelische Theologin und lebt in Wien. Sie ist Redakteurin beim feministischen Magazin an.schläge und schreibt für den Blog kreuz und queer auf evangelisch.de. Sie lehrt ausserdem an verschiedenen Universitäten im Bereich Gender Studies und Religion.