Verstehen kann verändern

Esther Gisler Fischer, 16. Juli 2020
Neue Wege 7/8.2020

Scham und Schuld sind tief menschliche Gefühle. Können Gefühle Gesellschaften und Ethnien zugeordnet werden und, falls ja, was bringt das? Eine anthropologisch-ethnologische Spurensuche.

Im Ersten Buch Mose, der Genesis des Alten Testaments, verbindet sich das Wissen um Gut und Böse mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen. Diese Erzählung wird als die Begründung der Schuldfähigkeit des Menschen gelesen. An diesen Punkt gelangten die ersten Menschen durch ihre Reflexionsfähigkeit. Sie wiederum befähigte sie zu Selbsterkenntnis, gerade auch zur Erkenntnis ihrer Nacktheit.

Scham scheint es im Paradies nicht gegeben zu haben. Erst nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies schämten sich die Menschen und sahen sich so, wie sie die Schöpfkraft aus Lehm geschaffen hatte: Als «Erdlinge», Adamim. Diese Erzählung kann exemplarisch stehen für die Genese menschlicher Emotionen. Es ist nicht leicht, die Affekte von Scham und Schuldgefühl zu beschreiben und sie zu differenzieren. Schuldgefühl enthält im Wesentlichen den Vorwurf einer moralischen inneren Stimme, falsch gehandelt zu haben oder handeln zu wollen. Ein Schuldgefühl ist die Annahme, jemanden zu schädigen; reale Schuld dagegen ist sozusagen objektiv, sie entsteht durch eine Handlung, die einer anderen Person Schaden zugefügt hat.

Scham dagegen kann die ganze Existenz in Frage stellen und somit als bedrohlich erlebt werden. Sie hat einen körperlichen Charakter, der sich auch in Sprachbildern äussert: Man möchte im Boden versinken, um nicht gesehen zu werden; frau schlägt die Augen nieder oder errötet, wie um noch einen weiteren Grund zu liefern, beschämt zu werden oder sich beschämt zu fühlen.

Scham und Schuldgefühl sind, kurz gesagt, affektive Begleiter einer negativen Beurteilung des eigenen Selbst. Zu Schuld und Scham als von Individuen empfundene Gefühle lassen sich bereits in der Antike Diskurse finden. Debatten dazu werden bis in die Gegenwart geführt, sowohl in der Philosophie und Psychologie über die Ethik bis aktuell hin zu den Neurowissenschaften. Scham und Schuld werden dabei fast immer in irgendeiner Form in Relation zueinander gesetzt. Je nach Disziplin wird der Vergleich der beiden Emotionen unterschiedlich ausgearbeitet.

Scham und Schuld kulturell konnotiert

Auch in der Ethnologie wurden und werden die Konzepte von Scham und Schuld rezipiert. So wurde in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufgrund einer vergleichenden Feldforschung der amerikanischen Ethnologin Ruth Benedict die Unterscheidung von Schuld- und Schamkulturen (guilt and shame cultures) rege diskutiert.

Ihr Ansatz kurz zusammengefasst: In einer kollektivorientierten Kultur haben Existenz und Wohlergehen einer Gemeinschaft Vorrang vor den Interessen eines Individuums. Dessen Entwicklungsaufgabe besteht darin, ein insofern eigenständiges Mitglied der Gemeinschaft zu werden, als es auch ohne Fremdzwang zu deren Wohlergehen beiträgt. Das Individuum soll die Anerkennung der Gruppe und damit die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft wahren.

Eine Schuldkultur priorisiert das Individuum gegenüber der Gemeinschaft so deutlich wie möglich, innerhalb der Grenzen, die das Kollektiv als solches konstituieren. Identität gewinnt das Individuum in der Verwirklichung von Autonomie, von Selbstbestimmung. Normvorstellungen manifestieren sich in einer «Schamkultur» eher durch Autoritäten im Aussen (extrinsisch) und in einer «Schuldkultur» eher durch das eigene Gewissen (intrinsisch).

Ruth Benedict wandte Kategorien an, welche bereits von ihrer Kollegin Margaret Mead in groben Zügen skizziert worden waren. Sie betrat nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges damit schwieriges Terrain und setzte sich dem Verdacht aus, den ehemaligen Kriegsgegner Japan diskreditieren zu wollen. Ihr wurde von der Wissenschaftsgemeinschaft unterstellt, sie bewerte die japanische Kultur als Schamkultur und im Vergleich zur US-amerikanischen als weniger entwickelt. Nach einer kurzen Konjunktur wurde es somit wieder still um die Konzeptualisierung von Kulturen als Schuld- beziehungsweise Schamkulturen.

Regulatoren von Beziehungen zu anderen

Dass die Verknüpfung eines individuellen und eines kollektiven Zugangs zum Thema Scham und Schuld dennoch gewinnbringend sein kann, liegt für mich im Erkenntnisinteresse, kulturelle Phänomene gerade auch in ihrer Fremdheit besser zu verstehen. Dies kann hilfreich sein für die Interkulturelle Arbeit in verschiedenen Kontexten.

Zwischen den Polen von Individualismus und Gemeinschaft oszillieren auch die Gefühle. Menschen werden in Wertesysteme hineinsozialisiert, welche es ihnen ermöglichen, sich in ihrem Umfeld sozial adäquat zu bewegen. Konflikte müssen in diesem Spannungsfeld gelöst werden. Das Innen und das Aussen sind miteinander möglichst in Einklang zu bringen. Dabei legen unterschiedliche kulturelle Sprachspiele unterschiedliches Gewicht auf die Loyalität eines Individuums der Gemeinschaft (und ihren Normen und Werten) oder dem persönlichen Gewissen gegenüber. Konzepte von Scham und Schuld können so gesehen als heuristische Werkzeuge im Dienste eines besseren Verstehens von Handlungen von Individuen in ihrem kulturellen Kontext verstanden und genutzt werden. Die Versuchung bei einer kulturrelativistischen Herangehensweise besteht jedoch darin, menschliche Werthaltungen und Handlungen allein der Herkunftskultur zuzuschreiben.

  • Esther Gisler Fischer,

    *1968, arbeitet als Pfarrerin. Seit ihrem Studium der Theologie, Ethnologie und Religions­wissenschaften mit Schwerpunkt Islam beschäftigt sie sich mit kontextuellen Theologien aus Frauensicht, der Rolle von Frauen in religiösen und kulturellen Traditionen und mit Konzepten vom «guten Leben», die ein nachhaltiges, friedlicheres und gerechteres Zusammenleben von Menschen untereinander und der Mitwelt ermöglichen. Sie ist Mitglied der Redaktion der Neuen Wege.