Suche den Frieden …

Geneva Moser, 18. November 2019
Neue Wege 11.19

Gerne wäre ich friedlicher. Stattdessen gerate ich leicht in Aufruhr, bin schnell kampfbereit, fühle mich angegriffen. Da braucht es manchmal nur ein vielleicht etwas ungeschickt gewähltes Wort, das mich an falscher Stelle trifft – und schon ist die kurze Lunte meiner gesammelten Pulverfässer gezündet. Auch wenn ich im Lauf der Jahre die eine oder andere Strategie geschickter Löschmanöver gelernt habe, lässt sich die Explosion nicht immer verhindern. Das hat sicherlich auch Vorteile: Schon als Kind brachte mich alles, was ich als Ungerechtigkeit wahrnahm, zielsicher an die Decke. Und sicher hat diese Kampflust mich auch zur Aktivistin gemacht. Aber wie gesagt: Ich wäre gerne friedlicher. Friede – der fasziniert mich nämlich. 

Suche den Frieden und jage ihm nach. Diesen biblischen Psalm haben die Kirchen als Jahreslosung für das Jahr 2019 gewählt. Einst von Otto Riethmüller, Mitglied der Bekennenden Kirche, eingeführt, um den Worten der Nationalsozialist*innen ein Bibelwort entgegenzusetzen, haben die Losungen selbst den Charakter von «Versen des Friedens». Suche den Frieden und jage ihm nach. Auch im Prolog der Benediktsregel steht der Psalm. Von Benedikt von Nursia ungefähr um das Jahr 540 verfasst, dient diese Regel heute allen benediktinischen Klöstern und Ordensgemeinschaften als Grundlage, die das Zusammenleben der Gemeinschaft bis ins Detail regelt, von der Weinration über die Gebetshaltung bis zur Wahl des Abtes. Benedikt hat eine klare Vorstellung, wie Christus-Nachfolge aussehen soll: Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht?, zitiert er den Psalm Davids. Und eben: die Jagd nach dem Frieden. Da steht nicht: Sei nett und freundlich. Oder: Sei gelassen und lasse den Konflikt an dir vorüberziehen. In Suchen und Jagen stecken Aggression, Verzweiflung, Stress und auch Gewalt, Überlebenskämpfe, Todesangst. Suchen und Jagen sind unruhige Zustände, getrieben und haltlos. Kompromisslos. Als wäre der Frieden immer kurz davor, wieder zu verschwinden, rennend, flüchtig, heimatlos. Ob in der Gegenwartskirche im Jahr 2019 oder in der Jahrhunderte alten benedik­tinischen Tradition ­– Gott-Suche, Nach-Folge ist also: Hinterher rennen. Jagen. 

Ich erinnere mich ganz deutlich an den Moment, als ich im Fernseher die beiden Türme des World Trade Center habe einstürzen sehen. Gerade mit dem Chaos der eigenen Pubertät beschäftigt, war dieser Moment eine Art Zäsur in meinem Leben. Er hat ein diffuses Gefühl hinterlassen: In dieser Welt gibt es Mächte, die Böses wollen, die Unfrieden stiften, und ich bin ihnen ausgeliefert. Widerstand oder Schutzversuche sind zwecklos. Dass das nur die halbe Wahrheit ist und zudem das Resultat einer guten Portion Propaganda, ändert nichts daran, dass 9 / 11 mich auf seine Weise pessimistisch politisiert hat. Friede ist unmöglich.

An die Friedensbewegung erinnere ich mich nicht, ich bin zu jung dafür. Und doch hege ich nostalgische Gefühle für sie. Eine Bewegung, die unterschiedlichste Menschen im Protest vereint und noch dazu auf eine positive Vision hin – das vermisse ich bisweilen. Eine Bewegung, die den Frieden als Massstab nimmt: für das Zusammenleben, das Miteinander, im Mikrokosmos des sozialen Lebens, wie auf ganz globaler Makroebene zwischen Ländern, Völkern und Regierungen. Eine Bewegung, die weiss: Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden. Ohne Abrüstung, ohne Kriegsdienstverweigerer, ohne bindende Abkommen, ohne Menschenrechte gibt es keinen Frieden. Und auch nicht ohne Solidarität mit Menschen in Not. Eine Bewegung, die den Frieden sucht und jagt, als etwas Fragiles und Verletzliches, Etwas, was wir gemeinsam bewahren. Friede als Etwas, was gemeinsam errungen werden kann und muss. 

Dieses vielleicht etwas verstaubte Wort und sein christlicher Überbau – ich wünsche es mir manchmal zurück als Flagge vor unseren Fenstern, als Leitlinie für internationale Abkommen, als tiefen Atemzug im Konfliktgespräch, als Brille im Blick auf mich und meine Mitmenschen, als innere Ruhe, als Massstab fürs Staatsbudget und als Motor für Solidarität. Ich wäre gerne friedlicher. Suchend geborgen in Gott. Ruhelos zuhause. Friedlicher.●

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com