Spassverderberin!

Geneva Moser, 17. November 2021
Neue Wege 11.21

Seit Jahren hängt über meinem Bürotisch ein Zettel mit den Worten «Jammertante! Spassverderberin!». Ich hatte diese Worte aus einer feministischen Zeitschrift ausgeschnitten, und sie haben mich an unterschiedliche Büroplätze begleitet. Das Papier ist von der Sonne verfärbt und vom Dahängen staubig geworden. Nicht gerade ermutigend, diese Zuschreibungen. Und doch tun sie mir gut.

Ich glaube ja, dass Menschen in der Regel ein tiefes Bedürfnis nach Verbindung, Zugehörigkeit und Anerkennung haben. Sich unverstanden oder ausgeschlossen zu fühlen, halten die meisten nur schlecht aus. Das macht es so schwierig, Kritik zu üben. ­Diese «kritische Position» bedeutet ­Distanz, einen Schritt «raus» an den «Ort der Kritik» zu gehen, weg von der Meinung der anderen, weg vom Gemeinsamen. Anpassungsscham reguliert unsere Zugehörigkeit zu einer ­Gruppe sorgfältig. Wie ein Alarm­system meldet sich Scham, wenn wir die sozialen Regeln und Konventionen einer Gruppe brechen. ­Natürlich hat es Vorteile, dass mich diese Scham beispielsweise daran hindert, nackt in den nächsten Intercity zu steigen. Aber sie meldet sich eben auch da, wo Kritik angebracht wäre: Du kannst doch jetzt nicht … 

Eine meiner Lieblingskulturwissenschaftlerinnen, Sara ­Ahmed, hat dafür ein einpräg­sames Bild benutzt: Stellen wir uns ein Abendessen in der Familie vor. Einige Menschen sitzen am gemeinsamen Tisch. In der höflichen Konversation – vielleicht in freundlicher, warmer, positiver, ja sogar fröhlicher Stimmung – fällt eine Aussage, die dich trifft. Ein subtiler Sexismus vielleicht. Eine kleine Bemerkung. Oder du merkst, dass die Männer im Gespräch nur einander anschauen. Nie aber dich. Als wärst du, die Frau am Tisch, nicht hier. Es wird gelacht. Die Stimmung ist gut. Man ist zufrieden. Die ­nächste Aussage trifft dich ein bisschen mehr. Ruhig versuchst du zu widersprechen, vielleicht sorgfältig und freundlich. Das nächste Beispiel trifft dich noch mehr. Nun fasst du den Mut und sagst etwas. Explizit. Deutlich. Die Stimmung bricht. Da ist sie, die Spassverderberin, die Jammertante. Feminist Killjoy. Was vorher angenehm floss, wird plötzlich angespannt. Du bist es, die*der Spannung erzeugt hat. 

In Sara Ahmeds Analyse: Wenn etwas als sexistisch oder rassistisch benannt wird, dann wird es greifbar, fassbar. Für diejenigen aber, die den Rassismus oder den Sexismus vorher nicht gefühlt haben, wird er erst im Moment der Benennung existent. Das Benennen, dein Benennen holt ihn in den Raum: «When you expose a problem you pose a problem.»

Ich sage nicht, dass dieser Ort der Kritik, dieses «Ausserhalb», ein unhinterfragbar «richtiger» Ort ist. Es geht nicht darum, an der richtigen Stelle zu stehen. Auch am Ort der Kritik muss der Raum der Aushandlung so gross wie möglich gehalten werden: Wie war die Bemerkung gemeint? Gab es Gründe, warum sich die Männer im Raum gegenseitig angeschaut haben? Was habe ich genau erlebt? Was meinst du mit deiner Kritik? Was macht das mit dir, mit mir? Aushandlung ist auch vom Ort der Kritik aus möglich und nötig. Aber der Schritt an diesen Ort ist nicht leicht. Es ist ein Ort der Verletzlichkeit. Und einer, der mit strukturellen Schwierigkeiten verbunden ist, weil er einen Fluss unterbricht, weil er Spannung benennt, weil er «ausserhalb» liegt, sprachlich, emotional und physisch: Wie kann das Sprechen von diesem Ort aus verständlich sein? Wer wird gehört, auch dann, wenn ­er*sie wütend oder verletzt ist? Wer spürt die Spannung körperlich?

Sara Ahmed analysiert in ihrem Buch The Promise of Happi­ness, wie es die Rolle der US-amerikanischen Hausfrau in den 1950er Jahren ausmachte, für die Harmonie und das Glück der ­Familie zu sorgen. Ihre Auf­gabe war es, Wohlbefinden zu kreieren. Die feministische Bewegung, die mit dieser Rolle brach, fiel zunächst durch ihre Wut, ihr Unglücklichsein über die Verhältnisse auf. Feministin zu werden, hiess, unglücklich zu werden. Jenen Ort der Kritik aufzusuchen, der ausserhalb der «guten Stimmung», des Lachens, des Zufriedenseins liegt. Und dann natürlich auch, das Klischee der humorlosen Feministin gleich mit übergestülpt zu bekommen wie eine lila Latzhose, die von weitem zu erkennen und schwer wieder loszuwerden ist. 

Sara Ahmeds grosse Leistung ist es, dass sie dieser Rolle eine ironische Selbstbezeichnung gab. Feminist Killjoy: Wenn ihr mich schon Spassbremse nennt, dann BIN ich eben eine Spass­bremse und mache mir einen Spass da­raus. Irgendwie macht es das einfacher, die Rolle auszuhalten. Weil Hofnarren zum Hof dazugehören. Weil es verständlicher macht, was passiert, wenn eine*r Kritik anbringt. Weil ich schmunzeln muss, wenn ich die Worte über meinem Bürotisch lese.●

Literatur:

Sara Ahmed: The Promise of Happiness. Durham und ­London 2010.

 

 

Gefühlsduselei [die] — Substantiv, feminin; umgangssprachlich abwertend.

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com