18. Dezember 2021

Wunder

Sich von der Erde nähren, ohne die Welt zu verschlingen

Nancy Cardoso, 23. März 2021
Neue Wege 3.2021

Während der Shutdowns im Zuge der Covid-19-Pandemie stehen viele Wirtschaftszweige still. Doch die Ausbeutung der Natur ruht nicht. Ein Plädoyer für eine Sabbat-Lebensweise, die der Erde, den Menschen und den Tieren echte Auszeiten ermöglicht.

Das globale Zwangs-Time-out, der Shutdown, hat sich nicht gleichermassen auf die gesamte Gesellschaft ausgewirkt, am wenigsten auf den Planeten Erde: Die Erde wurde weiterhin ungehindert extensiv und intensiv bewirtschaftet und ausgebeutet. Dreihundert Menschenrechts- und Umweltorganisationen haben im Juni 2020 den Bericht Wie die globale Bergbauindustrie von der COVID-19-Pandemie profitiert veröffentlicht.1 Die Hauptaussagen lauten: Ungeachtet der Pandemie hat der Bergbau seine Aktivitäten weiter betrieben und Gewinne gemacht. Die Bergbaukonzerne ignorieren die Bedrohungen der Pandemie bewusst und setzen sich mit allen Mitteln dafür ein, dass der Bergbau als «systemrelevant» eingestuft wird. Regierungen und Politiker*innen bremsen mit Gesetzesänderungen die eh schon schwache staatliche Aufsicht und das Umweltmonitoring aus. Die Bergbauunternehmen nutzen die Pandemie, um die schmutzigen Spuren ihrer Zerstörungen zu vertuschen. Regierungen und Firmen in aller Welt ergreifen aussergewöhnliche Massnahmen, um gerechtfertigte Proteste zu unterdrücken.2

Die Erde hat nicht geruht

Auch das Agrobusiness wächst während der Pandemie weiter. Der brasilianische Sektor hat sich während der Covid-19-Krise profiliert. Ein aufgewerteter Wechselkurs und das Export­potenzial des brasilianischen Agrobusiness ziehen ausländische Investor*innen an.3

Die Finanzialisierung der Natur gewinnt mit der Pandemie nicht nur an Bedeutung, sie war auch an ihrer Entstehung beteiligt. Sektoren wie der Bergbau, extensive und intensive Landwirtschaft haben während der Pandemie nicht gelitten, sondern ihr politisches und wirtschaftliches Potenzial ausgebaut. Das ist ein Zeichen für die Normalisierung, ja sogar Banalisierung dieser globalen Krankheit: «In Lateinamerika, dem aktuellen Epizentrum der Pandemie, zeigt sich die Zerstörung besonders gravierend. Während die globale Wirtschaft praktisch stillstand, hat das Agrobusiness in der Region unbehindert und straffrei weiter funktioniert und die Schäden und negativen Auswirkungen auf Bevölkerung und Umwelt verschlimmert.»4

Weltweit erheben Kleinbauern- und Indigenenbewegungen, traditionelle Gemeinschaften und Umweltorganisationen Anklage gegen eine Handelspolitik, die die opportunistische Gewinnsicherung im Rohstoffsektor begünstigt und der Notwendigkeit zuwiderläuft, das globale Modell des Warenverkehrs und seiner Auswirkungen zu überdenken. Sie protestieren auch gegen die Fahrlässigkeit der Behörden und fordern, die nationalen Strategien für Nahrungssicherheit in Zeiten weltweit zunehmenden Hungers zu erhalten und zu garantieren. Das Coronavirus kann die Welt in eine andere «Pandemie» führen: Gemäss Welternährungsprogramm der Uno hat sich die Welthungersnot im Jahr 2020 höchstwahrscheinlich mehr als verdoppelt.5 Die weltweiten Preiserhöhungen sind eine Folge des Kampfes um Nahrung, den das Coronavirus anfacht.

Wir aber brauchen ein Time-out, das nicht auf ein unvorhersehbares Ereignis oder eine von äusseren Faktoren erzwungene Massnahme reduziert werden kann. Als persönlicher, als sozialer und als Körper der Welt sollten wir eine Pause, eine Auszeit und eine Ruhezeit einlegen, die eine Frucht gemeinsamen Wollens, erwünschter politischer Strategien und radikaler Spiritualitäten ist. Anstatt unerwarteter Zufälle brauchen wir vielmehr ein Time-out im Sinne von Unterbruch, Einschnitt oder Zäsur – als politischen, kulturellen und spirituellen Ausdruck eines kollektiven Willens, mit vielfältigen und mehrheitsfähigen Vereinbarungen und Übereinkünften, die dem gefrässigen Maul des Kapitalismus Einhalt gebieten.

Sabbat: politische Strategien und radikale Spiritualitäten

Die biblische Tradition könnte bei der Suche und Gestaltung einer solchen Auszeit hilfreich sein. Mit den Worten des lateinamerikanischen Theologen Milton Schwantes: «Für ein würdiges Leben in Gottes Gärten braucht es ‹eine Sabbat-Lebensweise›. Im Innehalten öffnen sich Fenster zu neuen Welten, zur Gesellschaft, um die Ausbeutung von Mensch und Tier zu überwinden.»6

Für die Wiederentdeckung des kleinbäuerlichen Horizontes der biblischen Bücher war eine aufmerksame Bibellektüre wichtig, motiviert vom Widerstand und von den Alternativen, die Kleinbauern, Indigene und traditionelle Gemeinschaften vorleben.7 Im ersten Buch der Bibel ist die Schöpfung ein kreativer Prozess, der Zyklen und Wechsel bestimmt, Widersprüche und Gemeinsamkeiten, die gezwungenermassen auf eine Auszeit hinweisen: «In Genesis 1.1–2,4 schafft die Schöpfung selbst den Sabbat als Ruhepause; dementsprechend ist er Teil der Schöpfung. Und er wird von Gott dem Schöpfer mit all seinen Kreaturen, Mensch und Tier, geteilt.»8

Gott ruht, nicht als Abschluss oder Ende des Schöpfungsprozesses: Die Ruhepause ist ein wesentlicher Teil des Prozesses, der Dynamik der sich stets erneuernden Schöpfung. Eine Zeitbestimmung, die den Raum neu erschafft: «Und Gott sah, dass es gut war.» Dieses Innehalten ist ein Moment, um das Entstandene und das Werdende zu betrachten. Die Zeit des Unterbruchs erlaubt es, diesen Zwischenraum nicht nur möglich zu machen, sondern ihn auch wertzuschätzen, seine Qualität und Güte, die kreative Fähigkeit, Gutes zu tun. Der Sabbat dient nichts anderem als dieser lebenswichtigen Verschnaufpause, um weiter schöpferisch zu sein. «Hier offenbart sich die Einsicht, dass die Schöpfung Lebensraum für alle Elemente des Universums ist. Neben dem ständigen Einwirken auf die Umwelt sind Ruhepausen, Auszeiten und Musse ebenso notwendig. Ein bekannter jüdischer Denker hat es folgendermassen ausgedrückt: ‹Der Schöpfungssabbat öffnet die Welt für die Ewigkeit.›»9

Der vermutlich aus der kananäischen Agrar- und Hirtenkultur stammende sabbath10 ermöglicht, im täglichen Tun und Leben dafür zu sorgen, dass die Arbeitszeit von schöpferischen Pausen unterbrochen wird, die der Reproduktion der Menschen-, Tier- und Pflanzenwelt dienen. Diese Lebensweise auf und mit dem Land drückt sich aus im Halten des Sabbat, in einem Tag, an dem alle in ihrem Tun innehalten, es betrachten und sagen: «Es ist gut!» Zudem bringt diese Ruhepause auch Theologie hervor, das heisst, sie schafft Raum und Zeit, in der eine Gemeinschaft auf und mit dem Land ihre schöpferische Lebenskraft feiert.

In diesem Sinne ist die Auszeit nicht nur Teil der Schöpfung, sondern sie erschafft Gott. Das bewusste Innehalten, welches die Lebensbedingungen erneuert, gibt Raum und Zeit, um das Heilige auf Erden und im Leben hervorzubringen und zu feiern. Eine solche Pause nicht einzuhalten, bedeutet Tod:

«Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; am siebten Tag aber sollst du ruhen, damit dein Rind und dein Esel ausruhen und der Sohn deiner Magd und der Fremde aufatmen können» (Ex 23,12).

«Sechs Tage sollst du arbeiten, am siebten Tag aber sollst du ruhen. Auch beim Pflügen und Ernten sollst du ruhen» (Ex 34,21).

«Sechs Tage darf man eine Arbeit tun, am siebten Tag aber ist für euch heiliger Sabbat, ein Feiertag für den Herrn. Jeder, der dann eine Arbeit tut, soll getötet werden» (Ex 35,2).

Spiritualität und Auszeiten

Der biblische Text besteht auf der Notwendigkeit einer Auszeit auch in verschiedenen Zeitspannen – auf den Ruhetag in der Wochen­gestaltung und ein Sabbatjahr in der Gestaltung eines Mehrjahreskalenders: «Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seinen Ertrag einsammeln. Im siebten aber sollst du es brach liegen lassen und nicht bestellen, und die Armen deines Volkes sollen davon essen. Und was sie übrig lassen, sollen die Tiere des Feldes fressen. So sollst du auch mit deinem Weinberg und mit deinen Olivenbäumen verfahren» (Ex 23,10–11).

Das Sabbatjahr rekonstruiert den wöchentlichen Ruhetag in erweiterter Form: Im siebten Jahr ruht das Land für ein ganzes Jahr, liegt brach und unbewirtschaftet. Im Sabbatjahr sollen die Menschen aber auch für die Armen und für das Vieh sorgen, für den Schuldenerlass und für die Befreiung von israelitischen Sklav*innen (Deut 15, 1–3, 4–6, 7–11, 12–18).

Gleichermassen ergibt es sich für eine erweiterte Zeitspanne von 50 Jahren (nach 7-mal 7 Jahren) mit einem Jubeljahr: «Und ihr sollt das fünfzigste Jahr für heilig erklären und eine Freilassung ausrufen im Land für alle seine Bewohner. Es soll für euch ein Jubeljahr sein, und jeder von euch soll wieder zu seinem Besitz kommen, und jeder soll zurückkehren zu seiner Sippe» (Lev 25,10).

Der Sabbat ist gelebte Weisheit der Völker in ihrer Beziehung zur Erde, hervorgegangen aus dem Zusammenleben und ihrem Wissen um die Notwendigkeit, ihre Erneuerbarkeit nicht zu überfordern, nicht zu erschöpfen, nicht auszulaugen, nicht auszubeuten: sich von der Erde ernähren, ohne die Welt zu verschlingen!

Der Sabbat, das Sabbatjahr und das Jubeljahr antworten auf zwei grundsätzliche Herausforderungen: auf die Notwendigkeit, die Bedürfnisse der Erde zu verstehen, und auf die Fähigkeit, Lösungen für den Kampf gegen soziale Ungleichheit zu finden. In diesem Sinne müssen die biblischen Texte aus der Perspektive des Bodens, der Erde, der Landwirtschaft und deren Spiritualitäten gelesen werden. Die Landwirtschaft ist Teil eines Gesamtwissens, das von sozialen Gruppen im Stoffwechsel mit der Natur erarbeitet und gestaltet wird. Dieser Wissenskorpus besteht aus Arbeits-, Freizeit-, Mystik-, Wertschöpfungskonzepten, aus Glücksentwürfen, die viel komplexer sind als nur die jeweiligen Produktions-, Verteilungs- und Konsumprozesse.

Die Rechte der Natur

Die Covid-19-Pandemie ist gekommen, um zu bleiben. Trotz Hygienemassnahmen und Impfungen bleiben die Exzesse des Kapitalismus, welche zur Erschöpfung der Lebensgrund­lagen des Planeten führen, weiterhin Tatsache und müssen bekämpft werden. Die kollektiven Anliegen und die politischen Strategien für diese neue Zeit verlangen von uns, dass wir die Kreisläufe von Krankheit und Profit unterbrechen und radikale Spiritualitäten suchen, welche die Rechte der Natur bekräftigen.11 Die Rechte der Natur anzuerkennen bedeutet, von einer anthropozentrischen zu einer soziobiozentrischen Perspektive zu wechseln, mit dem Ziel, das Verständnis von Menschenrechten um neue Rechtskategorien wie die Rechte der Natur zu erweitern – als Teil der permanenten Selbstbestimmung der Völker:12 «Die Natur hat viel zu sagen, und es ist an der Zeit, dass wir, ihre Kinder, uns nicht weiter taub stellen. Vielleicht hört sogar Gott den Ruf aus diesem andinen Land Ecuador und fügt ein elftes Gebot hinzu, das in den Weisungen am Sinai vergessen ging: ‹Du sollst die Natur lieben, von der du ein Teil bist.›»13

  1. Titel der englischen Originalversion des Berichts:
    Voices from the Ground. How the Global Mining Industry is Profiting from the COVID-19 Pandemic, Juni 2020.

  2. Andreu Wilson, Marcello Lima: Mineração, atividades essenciais e COVID-19, 18.4.2020.

  3. Marcos Carrieri: Agribusiness grows in pandemic,
    becomes more attractive
    , 5.6.2020.

  4. Grain.org: Agro-imperialism in the time of Covid-19. In: World Rainforest Movement Bulletin Jg. 250 (2020), S. 23–26.

  5. Carolina Riviera: O coronavírus pode levar o mundo a outra «pandemia»: o aumento da fome, 13.9.2020.

  6. Milton Schwantes: O descanso e as terras livres (Levítico 25), 13.7.2011.

  7. Sandra Nancy Mansilla (Hrsg.): Revista de Interpretação Bíblica Latino Americana Jg. 80 (2019), H. 80; Nancy Cardoso, Thiago Valentim, Múria Carrijo Viana, Luciano Bernardi (Hrsg.): Memória, Rebeldia e Esperança: dos pobres da terra e da Bíblia. São Leopoldo 2015.

  8. Schwantes, siehe Fussnote 6.

  9. Aus einem Interview mit Haraldo Reimer. Moisés Sbardelotto: A terra, os pobres, os animais: uma visão ecológica da vida, 4.10.2010.

  10. Tamara Prosic: Annual Festivals in the Hebrew Bible I: Theoretical and Methodological Concerns. In:
    Religion Compass Jg. 4 (2010) H. 4. DOI: 10.1111/j.1749-8171.2010.00255.x

  11. Alberto Acosta: Por uma Declaração Universal dos Direitos da Natureza. Reflexões para a ação, 31.3.2010.

  12. Generalversammlung der Vereinten Nationen: Armonía con la Naturaleza, 13.7.2018.

  13. Eduardo Galeano: A natureza não é muda. 16.6.2008.

 

Übersetzt aus dem Portugiesischen von Roswita Schäffer.

 

  • Nancy Cardoso,

    ist methodistische Theologin und Professorin an der Methodistischen Universität von Angola. Ihre Theologie bezeichnet sie als «ökologisch und ausgehend von den Kämpfen feministischer Bäuerinnen und von der Ernährungssouveränität». Als Beraterin unterstützt sie die Land-Pastoralkommission, welche Kleinbäuerinnenbewegungen in Brasilien begleitet.