Secret Muslim Theory

Ozan Zakariya Keskinkılıç, 31. Juli 2026
Neue Wege 4.26

Es ist Montagnachmittag, ich sitze in der U-Bahn neben zwei Jugendlichen, die sich Filmtrailer auf dem Handy ansehen: Mortal Combat. Der Astronaut. Der Teufel trägt Prada, Teil 2. «Hast du schon gehört, Anne Hathaway ist Muslimin!», sagt er. «Laber nicht», antwortet sie. Gemeinsam scrollen sie auf TikTok nach Beweisen. Im Interview mit dem People Magazine sagte die Schauspielerin vor Kurzem: «I want to have a long, healthy life, inshallah.» Dreimal schauen sich die zwei Friends den Clip an. Maschallah!, antworten sie im Chor, Hathaway ist eine Schwester. Sie lachen und jubeln, mit ihnen gefühlt die gesamte arabischsprachige Medienwelt. Aljazeera teilte das Video im Newsfeed, auch Al Arabiya berichtete über den Fall. Im Netz spekulieren Influencer*innen darüber, wie lange Hathaway schon secretly Muslim ist. Schliesslich sei ihre enge Freundin und Managerin Maha Dakil selbst muslimisch. Und ausserdem setze sich Hathaway ja als UN Women Goodwill Ambassador öffentlich für die Rechte vieler Musliminnen weltweit ein.

Auf Reddit fragt jemand: «What’s going on with Anne Hathaway?» Der Inschallah-­Fall scheint nicht alle zu begeistern. Manch einer befürchtet die islamische Unterwanderung Hollywoods. Eine Person reagiert in den Kommentarspalten: «Wait until they google the lyrics for Bohemian Rhapsody.» Im Song der britischen Rockband Queen aus dem Album A Night at the Opera singt Freddy Mercury dreimal hintereinander «bismillah!». Der islamische Ausspruch bedeutet übersetzt: Im Namen Gottes. Er findet sich übrigens auch auf Immanuel Kants Doktorurkunde von 1755 wieder, true story! Die Spuren führen sogar bis zu Goethe, dem grossen deutschen Dichter, der schrieb: «Ob der Koran von Ewigkeit sey?/ Darnach frag’ ich nicht!/ Ob der Koran geschaffen sey?/ Das weiss ich nicht!/ Dass er das Buch der Bücher sey/ Glaub’ ich aus Mosleminen-Pflicht.»1

Vor vielen Jahren, ich sass im Bus auf dem Weg zu einem Uniseminar, versuchte ein Kommilitone aus Pakistan, mich davon zu überzeugen, Goethe sei Muslim gewesen. Ich grinste dämlich und hielt die Gedichtverse, mit denen er seine Secret Muslim Theory untermauern wollte, für eine Fälschung. Schliesslich hatten wir damals in der Schule zwar Faust gelesen, nicht aber den West-östlichen Divan (1819). Ich war sofort hooked und kaufte mir ein Exemplar in der Buchhandlung, um weiterzulesen. Goethe schrieb über Allahs reine Namen und die koranischen Vermächtnisse, über Muftis und Huris, über Leila und Madschnun.

Für kurze Zeit wollte auch ich glauben, Goethe teilte heimlich dieselbe Religion wie ich. Das denken nicht wenige; im Internet brodelt die Gerüchteküche. Im Format Religion in 60 Sekunden stellt sich Prof. Dr. Wolfgang Reinhold der Diskussion: «War Goethe Muslim?»2 «Ich glaube, es ist so ein philosophisch verdichteter, konzentrierter Islam, den er sehr schätzt», sagt Reinhold. «Alltagspraktisch Muslim war er sicher nicht.» Dagegen würde sprechen, dass Goethe den deutschen Wein sehr geschätzt habe.

Das halte ich, to be honest, für kein überzeugendes Argument. Auch ich schätze ab und an ein Glas Rotwein und kenne andere gewissenhafte Geschwister, die zum gelegentlichen Rakı nicht Nein sagen. Das macht sie nicht weniger muslimisch – aber das ist ein anderes Thema.

Was Goethe betrifft, dauerte es nicht lange, bis ich verstand, dass er natürlich kein islamisches Glaubensbekenntnis abgelegt hatte, genauso wenig wie Kant und Mercury, geschweige denn Anne Hathaway.

Jahre später ging ich Goethes Gedichten in meinem Buch Muslimaniac weiter auf die Spur, an deren Anfang kein geringerer stand als Hafis (1315–1390).3 Der gefeierte persische Dichter zog Goethe in den Bann, und das so sehr, dass der Deutsche mit eigenen Versen auf den Seelenverwandten im Nahen Osten antworten wollte. Im West-östlichen Divan nimmt Goethe Bezug auf islamische Referenzen, ja er greift sogar auf persische Stilmittel zurück und lässt sie in die deutsche Dichtkunst einfliessen. Für mich steht Goethes Werk sinnbildlich für die in Europa jahrhundertelang wirkende schöpferische Inspiration aus islamischen Kulturen.

Es liessen sich unzählige weitere Beispiele für diese enge Beziehung finden, zum Beispiel in der Medizin und in der Philosophie, dafür stehen Gelehrte wie Ibn Sina (980–1037) oder Imam Ghazzali (1058–1111). Oder in der Malerei, Stichwort Orientalismus. Und selbst in der Sprache: Nehmen wir einen so alltäglichen Begriff wie «Matratze». Das Wort fand über das frühitalienische «materazzo» aus dem arabischen ﻣﻄﺮح (matrah) für Bodenkissen den Weg ins Deutsche. Dass neben Anne Ha­tha­way auch der Duden das Wort «inschallah» kennt, sollte niemanden verwundern, wohl aber, welch schlechte Definition er liefert: «auf ein zukünftiges Ereignis bezogener Ausdruck in der muslimischen Welt; wenn Allah will»4. Sie ist deshalb schlecht, weil sie so tut, als würde der Islam woanders wirken, statt Teil einer gemeinsamen Welt zu sein. Dabei ist «inschallah» auch in Europa Alltag, damals wie heute. Das Wort wird zudem nicht mehr nur von Muslim*innen genutzt, sondern von all jenen, die um seine Bedeutung wissen und ihre Wertschätzung zum Ausdruck geben.

Ich kann also sehr gut verstehen, woher die Begeisterung der jungen Hathaway-Fans stammt, so wie der Goethe-Fetisch meines ehemaligen Kommilitonen. Wer über Jahre und Jahrzehnte mit abfälligen Kommentaren aufwächst, sobald es um den Islam geht, und miterlebt, wie das Arabische im Alltag, in der Politik, in Film und Fernsehen für das Böse herhalten muss, der sehnt sich nach solch kleinen Gesten der Anerkennung. Es spielt deshalb keine Rolle, ob Hathaway oder Goethe zum Islam konvertiert sind; Hand aufs Herz, mit grosser Wahrscheinlichkeit sind sie es nicht, und das ist völlig in Ordnung. Viel wichtiger ist doch, was die Secret Muslim Theory eigentlich zum Ausdruck bringt: Junge Muslim*innen sehnen sich nach Verbindung, danach, in ihrer europäischen Heimat gesehen, gehört und verstanden zu werden. Wer kann es ihnen verübeln?

  1. Johann Wolfgang Goethe: West-östlicher Divan. München 2018, S.176.

  2. www.youtube.com/watch?v=xWwPfODp5Hk

  3. Ozan Zakariya Keskinkılıç: Muslimaniac. Die ­Karriere eines Feindbildes. Berlin 2023, S.140 ff.

  4. www.duden.de/rechtschreibung/inschallah

  • Ozan Zakariya Keskinkılıç,

    *1989, ist Politikwissenschaftler, freier Autor und Lyriker. Er lebt in Berlin. 2023 erschien Muslimaniac. Die Karriere eines Feindbildes, 2022 der Gedichtband prinzenbad. Im Sep­tember 2025 erschien sein Debütroman Hundesohn bei Suhrkamp. Er verfasst hier die Kolumne Anstoss! im Wechsel mit Iren Meier.