Religiöser ­Sozialismus für jeden Tag

Geneva Moser, 28. Januar 2026
Neue Wege 1.26

Haben Sie Neujahrsvorsätze? Der Theologe und Leonhard-Ragaz-Kenner Manfred Böhm macht mit seinem Buch Nur in Zelten wohnt Gott (Edition Exodus 2025) einen interessanten Vorschlag: Jeden Tag Texte von Leonhard Ragaz lesen! Das Buch  klein, schwarz, handlich  versammelt ausgewählte «Texthäppchen» aus dem umfangreichen Werk des religiösen Sozialisten Ragaz.

Man mag sich natürlich fragen: Braucht es wirklich ein weiteres Ragaz-Buch? Dessen Werke füllen Regalmeter. Wäre es nicht endlich an der Zeit gewesen, den Blick weg vom (männlichen) Einzelhelden hin zu den Dynamiken der religiös-sozialen Bewegung, zum Kollektiv und auch hin zu den Frauen jener Zeit zu lenken? Ragaz als Vater, Ehemann, Freund, als Privatmenschen mit existenziellen Fragen und Tiefpunkten zu zeigen, statt erneut ausschliesslich als den berühmten, radikalen, öffentlichen Theologen? Ja, das wäre es.

Und dennoch füllt dieses kleine Buch eine Lücke: Ein fundierter Kenner bereitet das enorme Werk von Leonhard Ragaz zugänglich auf, serviert es in appetitanregenden Häppchen Religiöser Sozialismus für jeden Tag. Der Herausgeber Manfred Böhm, der vor vierzig Jahren zum Religiösen Sozialismus von Ragaz promovierte, schreibt im Vorwort: «Dieses Lesebuch soll appetitanregend wirken. Es soll Ihre Neugier wecken, sich mit Ragaz zu beschäftigen und sich in seine Gedankenwelt einzulesen». Böhm ist dabei nicht nur ein Kenner, sondern auch ein Begeisterter: Sein Interesse an Ragaz ist kein historisches, sondern gilt in erster Linie der manchmal fast schon erschreckenden Aktualität dieses Denkens (Gefühlsduselei). Er ist überzeugt, dass Lesende «etwas von dieser Lektüre haben werden».

Die Anordnung der Texte ist abwechslungsreich, mal passend zum ­jeweiligen Tag, beispielsweise am 1. Mai oder zu christlichen Feiertagen, aber grundsätzlich assoziativ angeordnet. Das Themenspek­trum der ausgewählten Texte ist beeindruckend breit: Krieg und Friede, Arbeit, «die soziale Frage», der Faschismus, Abrüstung, der Erhalt der Schöpfung, das Verhältnis der religiös-sozialen Theologie zur Kirche, aber auch gewisse «Ragaz-Spezialthemen» wie «das Automobil» …

Das Leben und Denken von Leonhard Ragaz ist allerdings auch in Häppchen nicht unbedingt leicht verdaulich, sondern es konfrontiert mit den eigenen Unzulänglichkeiten und falschen Gewissheiten. Deutlich wird das am Kern von Ragaz’ Denken, der Reich-Gottes-Theologie, die gewissermassen auch den Titel des Buches liefert. Gott wohnt weniger in den eta­blierten Strukturen, den festen Häusern und Tempeln, dort, «wo man ihn zu besitzen glaubt» (21. September), sondern an den prekären Rändern, «in den Zelten».

So finden gelebter Glaube und Trans­zendenz in erster Linie dort statt, wo Menschen sich für eine gerechtere Welt  den neuen Himmel und die neue Erde  einsetzen und radikal die Hoffnung hochhalten. Die Kapitalismuskritik, wie Ragaz sie formuliert und lebt, rekonstruiert und dekonstruiert die herrschenden Verhältnisse mit Schärfe, aber sie setzt auch auf «Gott als umgestaltende Kraft», die durch Menschen wirkt. Ragaz geht dabei weit: Vor Gott komme es nicht darauf an, ob sein Name genannt wird, sondern darauf, dass Gerechtigkeit geübt werde (3. Juni). Praxis vor Bekenntnis, wie es Manfred Böhm auf den Punkt bringt. Und Böhm macht darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung «Religiöser Sozialismus» retrospektiv ein Glücksfall war: Sie verengt den Religiösen Sozia­lismus nicht auf eine bestimmte Religion oder Konfession, sondern lädt trotz und in seiner starken biblischen Verwurzelung vielfältig zur Identifikation ein. Nur in Zelten wohnt Gott ist dabei auf jeden Fall ein wunderbarer Einstieg  auf ein hoffnungsfrohes neues Jahr!

Manfred Böhm: Nur in Zelten wohnt Gott. Texte von Leonhard Ragaz. Edition Exodus, Luzern 2025. 422 Seiten.

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.