Neue Wege-Gespräch: «Bad Feeling» mit Potenzial

Geneva Moser, 19. Juni 2020
Neue Wege 7/8.2020

Scham gehört in der Wissenschaft der Affect Studies zu den «schlechten Gefühlen». Welche Rolle spielen diese Gefühle in der Ordnung der Gesellschaft, der Geschlechter, der Politik? Und: Wie kann Scham genutzt werden, um die Gesellschaft zu verändern? Neue Wege-Gespräch mit Andrea Zimmermann und Christa Binswanger.

Neue Wege: Christa Binswanger und Andrea Zimmermann, wofür haben Sie sich in den letzten Wochen geschämt? Was fällt Ihnen spontan ein?

Christa Binswanger: Mir fällt ein Erlebnis im Zusammenhang mit Corona ein. An einer Sitzung sprach jemand davon, dass im Herbst der Alltag an der Uni mit «den Gesunden» einfach weitergehen soll. Diese Trennung in «Gesunde» und «Kranke» finde ich problematisch. Da empfand ich Scham: Dieser Fauxpas könnte mir auch passieren, und gleichzeitig weiss ich, dass das eigentlich nicht passieren darf.

Andrea Zimmermann: Ich erinnere mich an eine Situation auf dem Wochenmarkt, wo ich mit meiner Tochter in der Warteschlange stand. Meine Tochter machte einen Schritt nach vorne. Es war noch genügend Abstand zu der Frau vor uns, aber die Frau drehte sich um und sagte zu mir: «Die muss aber schon Abstand halten.» Meine Tochter zuckte zusammen und trat zurück. Dieses Übertreten von etwas auf jemanden hin, diese mutmassliche Grenzüberschreitung – das löst Scham aus. Die Situation war auch deshalb schwierig, weil die Frau nicht direkt mit meiner Tochter sprach, sondern über sie hinweg mit mir.

NW: Gibt es Dinge, in Bezug auf die Sie im Laufe Ihres Lebens entschieden haben: «Dafür schäme ich mich nicht mehr!»?

AZ: Ich stolpere immer wieder über meine Körper­grösse und habe mir irgendwann gesagt, dass ich mich für mein Grosssein nicht schämen muss. Ein weiteres Beispiel ist die Frage, wie viel von mir öffentlich sein darf. Da hat sich meine Einstellung durch meine Tätigkeit als Dozentin an der Uni sehr verändert. Die Grenze zwischen privat und öffentlich, die ja immer schon eine politische ist und an der Scham eine grosse Wirkmächtigkeit hat, überprüfe ich anders. Ich gebe bestimmten privaten Momenten bewusst eine Öffentlichkeit, um normative Strukturen sichtbar zu machen und sie zur Diskussion zu stellen. Diese Form von Offenheit suche ich in der Diskussion mit Studierenden, aber auch in meinem privaten Umfeld. Ich möchte mich nicht von diesem Gefühl von Scham aufhalten lassen, Dinge zu thematisieren.

CB: Ich erinnere mich an ein Erlebnis in der Jugend. Ein Mitschüler sagte mir: «Mit Frauen wie dir kann man diskutieren, aber verlieben in sie kann man sich nicht.» An dieser krassen Zweiteilung – es gibt intellektuelle Frauen und es gibt begehrenswerte Frauen – habe ich mich in der Adoleszenz sehr abgearbeitet. Bin ich automatisch unattraktiv, wenn ich intellektuell sein möchte? Es gelingt mir heute zwar, das zu reflektieren, und doch bin ich in manchen Momenten darauf zurückgeworfen. Es gibt also Dinge, bei denen ich mich entschieden habe, mich nicht mehr zu schämen, aber es gelingt mir nicht immer. Ich bewege mich in einem Umfeld, das wirtschaftswissenschaftlich ausgerichtet und männlich dominiert ist. Da brauche ich immer wieder Selbstbestärkung. Oft muss ich vor vielen Menschen sprechen, und da ertappe ich mich beispielsweise dabei, dass ich mir über die Spuren des Alterns an meinem Körper Gedanken mache und das Gefühl habe, ich müsste etwas verstecken – obschon ich mich dafür nicht schämen möchte.

AZ: Im universitären Kontext spielt der Körper ja eine merkwürdige Nicht-Rolle. Da erlebe auch ich Situationen von schambesetzten Fragen: Bin ich zu sichtbar, zu präsent mit meinem Körper, meinen Gefühlen?

NW: Sie arbeiten in Ihren Forschungen zu Zusammenhängen von Politik und Gefühlen. Scham wird, wie viele Gefühle, als etwas sehr Individuelles, Persönliches angesehen. Welche politischen, kollektiven Dimensionen kann Scham haben?

AZ: Scham wird im wissenschaftlichen Gebiet der Affect Studies als eines der «Bad Feelings» eingeordnet. Sie wird nicht gerne gefühlt, bleibt negativ in Erinnerung und wird wenig thematisiert. «Bad Feelings» führen in die Vereinzelung und zielen auf eine individuelle Bewältigung. Entgegen der gesellschaftlichen Anrufung oder Aufforderung, die auf «funktionieren» und «klarkommen» abzielt, nehmen die Affect Studies – beispielsweise bei der Geschlechterforscherin Ann Cvetkovich – eine interessante Gegenperspektive ein: Vielleicht haben genau diese «schlechten Gefühle» ein Potenzial. Was wäre, wenn wir genau diese schlechten Gefühle zum Ansatzpunkt nehmen würden, um über Vereinzelung, gesellschaftliche Strukturen und ihre ausgrenzenden und diskriminierenden Effekte nachzudenken? Alle Gefühle, auch die Gegenseite der «guten Gefühle», können daraufhin befragt werden, was sie tun, was ihre Aufgabe in der gesellschaftlichen Ordnung ist.

CB: Nach Elspeth Probyn, ebenfalls Professorin der Gender Studies, zeichnet sich Scham durch eine doppelte Bewegung aus: eine Anziehung und ein Zurückgestossensein. Das macht dieses grosse Betroffenheitsgefühl aus. Ein weiteres zentrales Merkmal von Scham ist, dass sie enorm gegendert ist. Alle Beispiele, die wir in diesem Gespräch bisher machten, sind sehr weiblich codiert: zu viel Körper sein und zeigen, sich zu sehr exponieren. Im Bereich der Sexualität zeigt sich das deutlich: Frauen haben sich zu schämen, wenn sie zu viel begehren, Männer, wenn sie nicht immer begehren können. Eine weitere kollektive Dimension ist das Shaming, also Scham auszulösen. Shaming ist eine sehr stark vergeschlechtlichte, politische Handlung des Stillstellens: Personen werden auf die Vereinzelung zurückgewiesen.

NW: Nehmen wir dieses «Tun» von Scham genauer in den Blick. Wie ist Scham Grundlage von sozialen Ordnungen?

AZ: Scham hat dieses Moment der Sanktionierung: Wenn ich beschäme, sanktioniere ich. Das können wir beispielsweise auf Geschlechternormen anwenden. Dort, wo Weiblichkeit oder Männlichkeit in unserer hegemonialen Geschlechterordnung nicht so gelebt werden, dass sie lesbar sind, setzen Sanktionen ein. Scham einzusetzen, um eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung zu errichten und abzu­sichern, ist eine politische Handlung. Um das Beispiel der Sexualität wieder aufzunehmen: Es ist nach wie vor ein grosses Thema, Weiblichkeit mit einem aktiven Begehren zusammenzudenken. Das ist auch heute noch keine Selbstverständlichkeit und wird mit Slut-­Shaming sanktioniert.

NW: Das bedeutet?

AZ: Slut-Shaming ist ein stehender Begriff für die Beschimpfung von Frauen als Hure oder Schlampe. Damit werden Frauen sanktioniert, die ihr Begehren «zu offensiv» leben, sei das in ihrer Kleidung, ihrer Bewegung, ihrer Art und Weise, wie sie sich im Raum positionieren oder welche Positionen des Sprechens sie sich zutrauen. Slut-Shaming hat mit dem nach wie vor vorherrschenden Konzept von Weiblichkeit zu tun, das eher auf Objektivierung des weiblichen Körpers zielt, auf sein Wahrgenommenwerden. Weiblichkeit wird mit Passivität konnotiert und eben nicht mit Aktivität im Sprechen oder im Verhalten —­ schon gar nicht in der Sexualität.
Mit den Slut Walks, diesen Demonstrationen, die 2011 zum ersten Mal stattfanden, wird auf diesen Modus des Beschämens reagiert und ihm die Kraft genommen. Shaming führt dann nicht in die Vereinzelung, sondern in die Kollektivierung: Die Slut Walks reagierten auf die Aussage eines kanadischen Polizisten, Frauen sollten sich nicht wie Schlampen kleiden, um nicht vergewaltigt zu werden. Die Demons­trant*innen eigneten sich das Schimpfwort Slut als Selbstbezeichnung an und gingen gemeinsam auf die Strasse. Sie demonstrierten gegen diese Form von Täter-Opfer-Umdrehung und das damit verbundene Slut-Shaming.

CB: Historisch gesehen fordern alle Formen des Heraustretens aus dem häuslichen Raum das bürgerlich-moderne Konzept von Weiblichkeit heraus, das bis in die 1970er Jahre dominiert hat: Alles, was sich der Herrschaft des männlichen Ehegatten entzieht, bewegt sich in Richtung Slut.

NW: Wenn ich aber an die «Körperscham» der Generation meiner Grossmutter denke, könnte der Eindruck entstehen, wir wären eine schamlose und schambefreite Gesellschaft. Wie hat sich das Affekt­regime punkto Scham in den letzten Jahren gewandelt?

CB: Ich beobachte da viele Widersprüche und Ambivalenzen. Wenn wir auf Normen schauen, dann gibt es ein klares Sexing-up in der Popkultur und damit eine starke Kommerzialisierung von bestimmten normierten Körpertypen. Die Grenzen, was als sexy gilt, sind sehr eng und klar. Und es gibt dieses Workover-Paradigma, das uns zur Arbeit am eigenen Körper aufruft, damit er dem normativen Körper möglichst nahekommt. Wenn er dann dort angekommen ist, soll er sich auch enthüllen und zeigen im öffentlichen Raum. Das gilt aber nur für ganz bestimmte Körper.

NW: Um nochmals auf den Begriff der Sanktionierung zu sprechen zu kommen: Gibt es ein Affektregime des Corona-­Notstandes? Welche Sanktionierungen beobachten Sie da?

AZ: Ich möchte gerne ein Phänomen aus der Zeit vor Corona aufgreifen, nämlich die Flugscham. Es war eindrücklich zu beobachten, wie schnell sich dieses Wort etabliert hat. Da hat sich etwas im normativen Setting der Gesellschaft verschoben, und zwar in die richtige Richtung, wie ich finde: Plötzlich gibt es eine Scham, nicht nachhaltig zu reisen. Diese Scham wird zum Ansatzpunkt, darüber nachzudenken, wie wir Mobilität gestalten wollen.

CB: Zurzeit setze ich mich intensiv mit den in Bezug auf Corona vulnerablen Personengruppen auseinander. Da beobachte ich eine Abwertung. Noch dreht sich der Diskurs um den Schutz dieser Personen, aber es gibt auch immer wieder besorgniserregende Aussagen. Immer mehr Stimmen, darunter auch Wirtschaftswissenschaftler*innen, legen nahe, dass der Schutz aufgegeben werden muss, um die Wirtschaft zu retten.

AZ: Wichtige Fragen stellen sich auch in Bezug auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Diese Problematik hat sich enorm zugespitzt in den letzten Wochen. Das zeigt die Grenzen von Solidarität in der Gesellschaft und der gemeinsamen Verantwortung für Sorgearbeit deutlich. Die doppelte Belastung durch Lohn- und Sorgearbeit – für Kinder im Homeschooling, in der Pflege und Betreuung von Menschen aus den Risikogruppen oder in direkter Solidarität mit Nachbar*innen, Freund*innen oder der Wahlfamilie – hat sehr wenig Sichtbarkeit.
Da spielt Scham auch eine Rolle: Es fällt zunehmend schwer, immer wieder auf sich aufmerksam machen zu müssen und sichtbar zu werden als jemand, die nicht voll belastbar und leistungsfähig ist. Menschen mit Behinderungen kennen das vermutlich aus ihrem Alltag. Da wird immer noch davon ausgegangen, dass wir das individuell klären müssen. Diesen Satz kann ich nicht mehr hören. Das sind Fragen, die uns als Gemeinschaft betreffen und die wir gemeinsam lösen sollten. Auch fand ich beispielsweise die Beifallsbekundungen für das Pflegepersonal ambivalent, solange wir nicht über eine höhere materielle Anerkennung für diese Arbeit sprechen. Das dabei hergestellte Gemeinschaftsgefühl findet hauptsächlich auf den Balkonen der Klatschenden statt.

CB: Es ist problematisch, dass der Diskurs sich nicht auch um eine Aufwertung der Care-­Arbeit dreht, sondern wirtschaftsprognostisch vor allem auf die KMUs fokussiert. Die Genderung des Expertendiskurses ist da ein grosses Problem: Überall erklären kluge Männer, was eigentlich los ist, und irgendwo in einer Ecke der Zeitung spricht dann noch eine Pflegefachfrau über ihren 13-Stunden-Tag.

AZ: Genau, die psychischen und emotionalen Erschöpfungszustände gelten nicht als Expertise, weil nur eine ganz bestimmte Gruppe der Gesellschaft die Deutungshoheit hat.

NW: Welche Rolle spielen Gefühle in der Mobilisierung von Verschwörungstheoretiker*innen?

AZ: Das Bedürfnis nach Vergemeinschaftung kann ich nachvollziehen. Aber es stellt sich die Frage, wer diese Plattformen nutzt. Da wird viel Angst instrumentalisiert. Die Kollektivierung speist sich aus der Angst, der andere könnte über meine Bedürfnisse gestellt werden.
Es ist eine Angst um das Eigene. Eigentlich ginge es doch darum, die Sorge um das Selbst in den Zusammenhang mit der Sorge um die anderen zu stellen. Also neue Formen von Subjektivierung mit neuen Formen von Vergesellschaftung zu finden, statt wieder das unabhängige und freie Selbst ins Zentrum zu stellen und zu stärken.

CB: Die Nichtfassbarkeit des Virus schürt Ängste. Das verbindet die Demonstrierenden. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass diese diffusen und disparaten Aufmärsche zu mehr Solidarität führen. Dabei braucht es gerade Solidarität, beispielsweise mit Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus.

AZ: Und es gibt sie ja auch, diese zahlreichen Beispiele von Solidarität und Gemeinschaft.

NW: In den Vorbereitungen zu diesem Heft haben mich die Bücher Gesellschaft als Urteil und Rückkehr nach Reims von Didier Eribon beschäftigt. Der französische
Intellektuelle denkt darin intensiv über Scham nach: für die eigene Arbeiter­herkunft und die sexuelle Orientierung. Scham spielt eine grosse Rolle in der Konstruktion der eigenen Identität: Was kann ich sein, was darf ich sein? Gibt es dafür auch Beispiele aus Ihren Forschungen oder in Ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit?

CB: Das normative Setting, was sein darf und was nicht, ist sehr kontextabhängig. Das sieht man deutlich bei Eribon: Dieses ehemals kommunistische Milieu, welches aus Frustration nach rechts gerutscht ist, ist unglaublich homophob. In meiner Habilitation beschäftige ich mich mit männlicher Scham. Ich habe Max Frischs Stiller und Verena Stefans Häutungen analysiert und eine spezifisch männliche und eine spezifisch weibliche Scham miteinander in den Dialog gebracht. Stiller ist ganz stark in der Schweizer Gesellschaft der 1950er Jahre situiert, also in der bürgerlichen Kleinfamilie, in der bestimmte Dinge denkbar sind und andere nicht.
An Stiller wird deutlich, wofür Männer sich zu schämen haben: Die Hauptfigur Stiller kann im Spanienkrieg nicht töten, und ab diesem Moment ist er sexuell nicht mehr leistungsfähig. Schiessen und männliche Potenz werden gleichgesetzt. In dem Moment, wo er die Scham artikulieren kann, kann er wieder sexuell inter­agieren. In Stiller gibt es auch einen homosexuellen Mann, Alex Haefeli, der sich aus Scham für seine Sexualität das Leben nimmt. Sowohl bei Max Frisch als auch bei Verena Stefan legt eine Mischung aus Weiblichkeits-/Männlichkeitsvorstellungen und dem jeweiligen Milieu die Regeln fest, was sein darf und was nicht. Häutungen ist eine deutliche Ausbruchsgeschichte: Die Hauptfigur nimmt sich das Recht auf das, was sie nicht darf. Das ist bei Verena Stefan mit dem Zurücklassen der Heterosexualität verbunden.

AZ: Bei Eribon zeigt sich deutlich, wie stark diese Frage der Identität mit Zugehörigkeit zusammenhängt: Wo finde ich Anerkennung und welche Manöver sind notwendig, um diese Anerkennung zu erfahren? Das finde ich spannend, aber mich interessiert auch der Blick auf diejenigen, die dieses Gefühl nicht kennen und sich diese Fragen nie stellen. Einfach, weil sie so selbstverständlich dort sind, wo sie sind, und gar nicht antizipieren können, dass andere diese Gefühle haben.
Die Universität beispielsweise ist ein sehr homosozialer Raum, in dem Klasse und andere Ungleichheitsstrukturen stark zum Tragen kommen. Wie ist ein solcher Raum zu transformieren, wenn er voll ist mit Menschen, die diese Gefühle nicht kennen? Das zwingt diejenigen, die nicht in dieser Selbstverständlichkeit leben, ihre Gefühle offenzulegen und die Sehnsucht nach Anerkennung öffentlich zu machen, und diskriminiert sie im schlechten Fall erneut. Die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, nach Belonging, kennen wir alle, aber Zugehörigkeit zu erfahren ist für manche sehr viel schwerer als für andere. Daher frage ich mich, wie Gefühle als Ausgangspunkt für Kritik genutzt werden können, um eben nicht nur das eigene Empfinden zu reflektieren, sondern auch, um offen zu werden für die Perspektiven des Gegenübers. Da würde die Frage dann lauten: Wer kennt Scham nicht?

NW: Und gerade durch diese Selbstverständlichkeit ist die Hürde der Kommunizierbarkeit mancher Gefühle hoch: Wer Scham in einem solchen Setting artikuliert, landet schnell in der Hysterieecke.

AZ: Ja, mit dem Artikulieren von Gefühlen geht eine grosse Körperlichkeit einher. Das ist ein zentrales Anliegen der Affect Studies: den Körper wieder stärker in den Fokus zu nehmen. Gerade in einem Raum, der sehr intellektuell codiert ist, ist das enorm wertvoll. Es ist eine politische Frage: Welchen Stellenwert schreiben wir dem Körper, dem Körperlichen und dem Materiellen zu?

NW: Andrea Zimmermann, Sie sind ja auch Theologin, forschen aber nicht in diesem Gebiet. Fliesst Ihr theologisches Wissen in die Affektforschung ein?

AZ: Es hat auch etwas mit Scham zu tun, wann ich das sichtbar mache und wann nicht. Für viele ist es ja ein Widerspruch, als Geschlechterforscherin auch Diplomtheologin zu sein, und dann auch noch katholische. Das steht bei mir biografisch in einem engen Zusammenhang: Mein gesellschaftskritisches Nachdenken hat seine Wurzeln in der feministischen und der Befreiungstheologie. Da geht es, wie in der Geschlechterforschung auch, um eine Kritik an dem, was ist, und um einen Versuch, Dinge in Bewegung zu bringen und zu transformieren. Auch bei den Affect Studies ist der Zusammenhang offensichtlich: Es geht um das ganz alltägliche Leben. Das überzeugt mich an der feministischen und der Befreiungstheologie: Sie nehmen jene Dinge ernst, die wir im Alltag tun, theoretisieren sie und nehmen sie als Aufgabestellung für die Reflexion.

NW: Christa Binswanger, Sie schreiben von einer Ethik der Scham. Was verstehen Sie genau darunter?

CB: Scham hat diesen doppelten Effekt von Anziehung und Abstossung. Die Ethik liegt darin, darüber nachzudenken, welche Grenzen Scham aufzeigt: Was ist genau passiert, wo liegt diese Grenze und wie bin ich mit ihr umgegangen? Da fällt mir das Lied Hemmige von Mani Matter ein. Der Schluss sagt ja: Es bleibt zu hoffen, dass Menschen auch an ihren Hemmungen festhalten. In diesem Sinn zeigt Scham auch sinnvolle Grenzen auf. Wichtig ist, dass wir anhand der Scham darüber nachdenken können, wie wir diese Grenzen beurteilen und ob wir mit ihnen einverstanden sind oder nicht. Historisch kann man sagen: Grosse Bewegungen unserer Zeit, wie die Schwarze Bürger*innenrechtsbewegung und die Queere Bewegung, haben sich aus einem Shaming entwickelt. Sie haben das Shaming aufgegriffen, kritisch umgearbeitet und daraus eine Solidarisierung für eine Bewegung gewonnen.

NW: Gerade die queere Bewegung hat unterschiedliche Strategien im Umgang mit Scham entwickelt. Einerseits wurde das Bad Feeling transformiert und in Form von Pride, also Stolz, in Demonstrationen auf die Strasse getragen. Andererseits wird gerade das Negative an Scham als Potenzial genutzt, um auf diskriminierende Strukturen hinzuweisen. Wie beurteilen Sie das?

CB: Mir fällt dazu eine Anekdote aus dem Unterricht ein. Wir lasen einen affekttheoretischen Text zu diesem Thema. Einer der Studierenden äusserte sich zum Begriff einer «queeren Scham» sehr überrascht: An Queerness sei doch nichts Schamvolles. Er verband Queersein eher mit Stolz, mit Pride. Die Gefahr der Umdeutung von Scham zu Pride ist die Vereinnahmung. Die neoliberale Aufforderung lautet dann: Arbeite an dir selber, dann kommst du zu positiven Gefühlen. Gesellschaftliche Strukturen geraten aus dem Blick und das Kritikpotenzial der negativen Gefühle bleibt ungenutzt.

AZ: In diesem Beispiel wird auch deutlich, dass das Bewusstsein für Bewegungsgeschichte wichtig ist. Gay Pride ist ja nicht immer schon Pride gewesen, sondern hat sich als Protest und Form des Überlebens aus dem Shaming entwickelt. Einen Punkt möchte ich noch stark machen: Auch das Beharren auf dem Potenzial von negativen Gefühlen hat seine Ambivalenzen. Manchmal ist dieses Suchen nach ihrem Potenzial und diese kreative Nutzung von Bad Feelings auch ermüdend. Vielleicht geht es manchmal auch um das Aushalten solcher Gefühle – aber eben um das gemeinsame Aushalten. Vielleicht geht es darum, beieinander­zubleiben und die schlechten Gefühle solidarisch auszuhalten.


○ Andrea Zimmermann ist Oberassistentin am Zentrum Gender Studies der Universität Basel. Die ehemalige Schauspieldramaturgin forscht in der kulturwissenschaftlichen Geschlechterforschung zu Geschlechtertheorien, feministischer Kritik, Diversity & Gender Equality, Affect Studies und Psychoanalyse. Gemeinsam mit Dominique Grisard hat sie die Veranstaltungsreihe Art of Intervention ins Leben gerufen.

○ Christa Binswanger ist ständige Dozentin und Leiterin des Fachbereichs für Gender und Diversity an der Universität St. Gallen. Ihre Habilitation Sexualität  – Geschlecht – Affekt. Sexuelle Scripts als Palimpsest
in literarischen Erzähltexten und zeitgenössischen theoretischen Debatten
 ist im April 2020 erschienen.

 

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com