«Mystik ist menschen­möglich»

Geneva Moser, 18. Februar 2021
Neue Wege 3.2021

Niklaus Brantschen ist mit 83 Jahren erfolgreicher Buchautor, Grenzgänger zwischen den Religionen und begleitet suchende Menschen. Begleitet hat er auch Neue Wege-Redaktorin Geneva Moser. Im Lassalle-­­Haus Bad Schönbrunn sprachen die beiden über Spiritualität, Auszeiten und Zen.

NW: Vor fast zwanzig Jahren habe ich dich kennengelernt. Als du von der Leitung des Lassalle-Hauses zurücktratst, lebtest du eine Weile im Gästehaus des Klosters Wurmsbach. Als Schülerin im Klosterinternat hatte ich das Privileg, bei dir Zen-Unterricht zu erhalten. Nun komme ich als Redakteurin der Zeitschrift Neue Wege zu dir.

NB: Ich habe über den Titel Neue Wege nachgedacht. In der Apostelgeschichte taucht «der neue Weg» häufig auf. Die Christuslehre ist der neue Weg. Was bedeutet für dich «Weg»?

Meine Assoziation dazu ist die Erfahrung, dass Wege im Gehen entstehen. Oft erkenne ich sie erst rückblickend. Was sich während dem Gehen vielleicht wie Unterholz oder ein Laubberg anfühlt, ist im Rückblick ein Weg. Es ist nicht zufällig, dass ich genau dort durchgegangen bin.
Das Wandern hat dich sehr geprägt und du bezeichnest es als spirituelle Erfahrung.

Das Gehen in den Bergen ist eine wunderbare spirituelle Einübung: Schritt um Schritt, Atemzug um Atemzug, nicht zu schnell, aber auch nicht zu langsam. Auch in meinem hohen Alter wandere ich viel, dadurch fällt es mir leicht und dadurch wiederum macht es auch Freude. Was Freude macht, praktiziert man.

Mir ist im Treppenhaus aufgefallen, dass du zwei Stufen auf einmal nimmst.

Die Stufen sind niedrig. Der Architekt André Studer baute das Lassalle-Haus nach den Prinzipien der harmonikalen Architektur. Das Grundmass des Hauses ist ein «Fuss», also etwa 30 Zentimeter. Alle Masse im Haus sind ein Bruchteil oder ein Vielfaches davon. Die Stufen sind 15 Zentimeter hoch. Manchmal nehme ich drei Stufen, aber relativ langsam. Es geht mir nicht darum, Zeit zu gewinnen, sondern Kraft. Es ist ein Training und macht Spass.

Du sagst, der Weg entstehe im Gehen – gibt es denn nicht etwas Vorgegebenes? Der chinesische Weise Konfuzius sagt: «Der Weg ist in dir. Du kannst nicht für einen Moment von ihm getrennt werden. Das, wovon du getrennt werden kannst, ist nicht der Weg.» Der Weg ist das Innerste, die Seele, das Unzerstörbare. Das bedeutet: Du bist auf deinem Weg, wenn du deinem innersten Wesen treu bist; nicht in der Verausgabung, dem Ausser-sich-Sein, sondern in der Innerlichkeit, wenn du das Nach-innen-­Gehen systematisch pflegst. In Deuteronomium 30 ist das so formuliert: «Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, sodass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, sodass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten.»

Das spüre ich auch so im Alltag. Wenn ich den Aufwand nicht scheue und immer wieder versuche, zurück in die Stille zu kommen, dann weiss ich mich geführt, von innen. Aber ich falle oft wieder heraus aus diesem Wissen.

Der Weg ist da – aber du bist nicht da. Es geht um dieses Zurückkommen, immer wieder. Das mehr oder weniger oberflächliche Dasein, das Geschäftigsein, das Ge-rede, Ge-tue und Ge-habe versteckt wie ein Gestrüpp das, was wir jetzt Weg nennen. Sofort Einkehr zu halten ist nicht möglich, geht gegen den Strich, weil ich ja nach aussen lebe. Es braucht also einen Dreh, eine Umkehr. Viele Wege führen zur Mitte des Herzens und wieder zurück in die Welt. Allen gemeinsam ist, dass sie von der Oberfläche in die Tiefe, von der Zerstreuung zur Sammlung, vom Vielen und Vielerlei zum Einen führen. Für die einen ist es das Sitzen in Stille, das Zazen, für andere ist es eine andere Form der Meditation oder Kontemplation. Nicht wenigen hilft eine Auszeit, das Leben in seiner Fülle zu spüren und als Geschenk zu erfahren. Das braucht Zeit.

Beim Einatmen gehe ich nach innen, beim Ausatmen nach aussen. Dazwischen gibt es ein kleines Nichtmehr und Nochnicht. Atem zeigt, dass es beides braucht: Wer nur einatmet, erstickt, wer nur ausatmet, verliert sich. Innerlichkeit muss sich äussern. In der Praxis gibt es viele Möglichkeiten, diese Auszeit, diesen Rückzug einzuüben. Der Ort einer Auszeit spielt eine wesentliche Rolle.

Was zeichnet das Gebäude des Lassalle-­Hauses aus?

Innerlichkeit ist hier räumlich erfahrbar – und auch das Nach-aussen-Gehen. Die beiden Gebäudeflügel greifen wie Arme umarmend in die Landschaft. Es ist der Ansatz eines Kreises, aber er ist nicht geschlossen. Die Meditationsräume und Kapellen sind geschlossen, im Inneren.

Der Ort ist also für Innerlichkeit wesentlich …

… ja, und Zeit. Das sind vielleicht einige Minuten am Tag, morgens und abends. Man darf sich keine Illusionen machen: Für die meisten Menschen ist Zeit gerade am Morgen sehr knapp. Gut ist auch eine regelmässige Auszeit jeden Monat. Diese sollte in der Agenda fest eingetragen sein, wie ein anderer Termin, ein Rendezvous mit mir selber. Auch ein, zwei Wochen Auszeit im Jahr sind sinnvoll.

Du bist mit 22 Jahren in den Jesuitenorden eingetreten. Steckte dahinter auch die Sehnsucht, diesem Rendezvous mit dir selber mehr Platz einzuräumen?

Ich las damals Der Berg der sieben Stufen von Thomas Merton. Das öffnete etwas in mir, aber es war nicht die Sehnsucht nach Rückzug. Den hatte ich in den Bergen. Es ist für mich nicht einfach, zu umschreiben, was mich damals bewegte. Es war eine stark religiöse Entscheidung, die in meiner Beziehung zu Christus wurzelte. Dazu kamen grosse Ideale als junger Mensch und eine Faszination für die Jesuiten. Ich überlegte hin und her: Ich konnte mir nicht vorstellen, diesen Weg zu gehen und glücklich zu werden. Aber ich konnte mir auch nicht vorstellen, ihn nicht zu gehen und glücklich zu werden. Also probierte ich ihn aus. Und ich habe erfahren, dass der Weg im Gehen entstanden ist.

Der Jesuitenorden war damals verboten. In einem Interview sagtest du, dass du gerade deswegen Jesuit wurdest. Wie muss ich mir das Leben in einem verbotenen Orden vorstellen?

Das habe ich wohl etwas pointiert gesagt [lacht]. Für einen jungen Menschen ist es reizvoll, etwas auszuprobieren, was verboten ist. Ich dachte mir: Da muss doch etwas dran sein, dass der Orden verboten ist. Die Gründe kannte ich aus dem Geschichts- und Religionsunterricht: Die Jesuiten waren zu «tifig», zu wirkungsvoll. Sie haben sich eingemischt, zogen sich nicht in Klöster zurück, sondern lebten in der Welt. Das liess nie gleichgültig – sie hatten entweder sehr überzeugte Freunde oder tiefe Feinde.

Hast du vorgefunden, was du vermutet hattest?

Ja, und ich fand insbesondere die internationale Vernetzung des Ordens. Es ist Teil der Sendung des Ordensgründers Ignatius von Loyola, dass wir in die Welt und zu den Menschen gehen sollen. Ich habe diese Gelegenheit genutzt und bin viel gereist. Ich ging nach Japan zu Pater Lassalle. Ich interessierte mich sehr für Meditation. Bei Pater Lassalle, einem Brückenbauer, der das Zen in unseren Breitengraden «salonfähig» machen wollte, konnte ich die letzte Phase der Ordensausbildung verbringen. Diese Begegnung hat mich sehr geprägt.

Ich frage jetzt dich umgekehrt: Was hat dich bewogen, Christin zu werden?

Ich war auf dem Papier konfessionslos. Von meinen Eltern her habe ich aber durchaus eine starke Verwurzelung im Christ*innentum. Ich habe allerdings auch die ganze machtgeladene und unterdrückende Seite von Religion und Kirche mitvermittelt bekommen, die meine Eltern ihrerseits erfahren haben. Als Schülerin im Internat habe ich dann ein befreiungstheologisch geprägtes, sehr politisches, kritisches Christ*innentum kennengelernt. Ich erinnere mich lebhaft an die Fastenzeiten,
in denen wir uns intensiv mit der Ausbeutung des Globalen Südens, mit Armut und Unterdrückung auseinandersetzten. Mich begeisterte, dass Religion eine Handlungsmotivation und Hoffnungsgrundlage bieten kann, sich für eine bessere Welt einzusetzen. Ebenfalls kennen­gelernt habe ich dort einen monastischen Geist, eine kontemplative Dimension des Glaubens: Die täglichen Unterbrechungen des Tageslaufes im klösterlichen Stundengebet sind mir bis heute wertvoll. Sie ermöglichen mir oft das Beten.

Da finden wir das ritualisierte, wiederkehrende Unterbrechen, unabhängig von Wetter oder Stimmung, gebunden an die Gemeinschaft.

Genau. Grundlegend war für mich aber auch die Begegnung mit dir. Deine
interreligiöse, radikal offene Spiritualität hat mich geprägt.

Karl Rahner hat in einem Vortrag Ende 1966 das Wort geprägt: «Der Fromme von morgen wird ein ‹Mystiker› sein, einer, der etwas ‹erfahren› hat, oder er wird nicht mehr sein.» Beim Zitieren wird der «Fromme» meist ungenau mit «Christ» wiedergegeben. Dabei ist «fromm» vom althochdeutschen «fruma, froma» – «Nutzen, Vorteil» oder auch «tapfer, mutig» – abgeleitet und damit ein Wort für eine starke, von Ethik geprägte Geisteshaltung. Wenn Rahner vom «Frommen von morgen» spricht, so dürfen wir variieren: Statt «Frommer» oder «Christ» sage ich «Mensch» und statt «morgen» «heute». Mystik ist für alle möglich, ob sie an «Gott» glauben oder nicht. Mystik ist menschenmöglich.

Braucht es dazu Religion oder die Kirche?

In der heutigen Zeit, wo so viele Regelungen und Strukturen rund um Glauben wegfallen, stellt sich die Frage: Wie weit gelingt es uns, Menschen dahin zu führen, dass sie vom Innersten her recht und gerecht leben? Wie kann es in unseren Breitengraden gelingen, ohne Kirchen, ohne Religionen ein ethisches, ein «anständiges» Leben zu führen? Im Buch Die Pest von Albert Camus lautet die Frage: Wie kann ich als Atheist heilig werden? Der Dalai Lama formulierte es in seinem Buch Mehr Menschlichkeit, welches unter der Kurzformel «Mehr Ethik, weniger Religion» bekannt wurde, so: Wir müssen einen Weg finden, bei dem die vielen Nichtglaubenden sich angesprochen fühlen. Wenn es den Frommen oder den Christen gelingt, eine Spiritualität zu leben, die die Natur, die Umwelt und alle grossen Themen der heutigen Zeit existenziell wahrnimmt, und sie bereit sind, dafür Verantwortung zu übernehmen, ist es möglich, dass Religionen im Konzert der Meinungen, Traditionen und Erfahrungen gehört werden. Die sogenannten Weltreligionen sind aber alle in der patriarchalen Zeit entstanden. Diese Prägung geistert in den Traditionen noch immer herum und ist kaum wegzubringen.

Dir stehen als Mann in dieser Kirche vielfältige Wege offen, Wege, die auch mit Macht einhergehen, mit Möglichkeit der Einflussnahme. Das Priestertum ist nur die Spitze, institutionalisierter Ausdruck dessen. Was macht dieses Privileg, wel­ches ich nicht habe, mit dir? Wie wirkt es in deine Beziehungen zu Frauen inner- und ausserhalb dieser Kirche?

Ich versuche selbstkritisch zu sein, mich in die Rolle der anderen, in diesem Fall der Frauen, zu versetzen. Im Gottesdienst gibt es die eine oder andere Frau, die eine Lesung macht oder eine gewisse Funktion hat. Aber das unterstreicht nur den männlichen, gros­sen Auftritt. Wenn ich als Priester Teil dieses männlichen Auftritts bin, dann macht mich das nachdenklich. Ich versuche, aus der Haltung zu leben, dass diese Machtverhältnisse ein No-Go sind. Ich frage mich: Wie stärke ich als Mann dieses System? Genügt es, sich bescheiden zu benehmen und sich bei der Messe nicht mit prunkvollen Gewändern zu schmücken? Nicht herumzureisen und als «der Pater» irgendwo die Messe zu lesen, damit die Messe aufrechterhalten werden kann? Ich weiss es wirklich nicht – ich bin Teil dieses «Systems».

Ich frage mich manchmal, ob ich durch meine Zugehörigkeit zur Kirche ihre Machtverhältnisse und Ungerechtigkeiten stütze. Ich bin ja vor einigen Jahren in die Kirche eingetreten, du hast mir das Sakrament der Taufe gespendet. Hattest du im Umkehrschluss einmal den Impuls, aus dieser Kirche auszutreten?

Diese Frage habe ich bisher nicht an mich herankommen lassen. Ich formuliere es mal so: Ich kann nicht erwarten, dass diese Kirche, so wie sie jetzt ist, mich spiritueller macht. Aber ich möchte etwas dazu beitragen, dass sie spiritueller wird und damit lebensfähig und zukunftseröffnend. Diese Gemeinschaft trägt auch, sie ist ein Segen. Ohne Ordensgemeinschaften, ohne spirituelle Aufbrüche und charismatische Bewegungen wäre sie schon lange verknöchert. Wo sind die Gemeinschaften, die heute Sauerteig sind und dazu beitragen, dass die Kirche eine ecclesia semper reformanda ist, eine sich immer erneuernde Kirche?

Was hat dich eigentlich am Zen angezogen? Wie bringst du deine christliche Verwurzelung und das Zen zusammen?

Ich bin nicht als frustrierter Christ zum Zen gekommen, sondern aus Neugierde. Mich interessierte, was sich auf der anderen Seite der Welt bewegt. Die Welt wächst wirtschaftlich und in der Kommunikationstechnologie immer mehr zusammen – die Globalisierung der Herzen lässt auf sich warten. Es braucht Menschen, die das nicht nur theoretisch durchdenken, sondern auf der Ebene der Erfahrung und der Praxis einüben.

Ich schrieb vor zwanzig Jahren das Buch Auf dem Weg des Zen als Christ. Für mich war klar: Das ist eine Aussage, keine Frage. Ich kann mich in Christus verwurzeln und gleichzeitig in Ehrfurcht mit dem Zen verbunden sein. Das radikale Zurückgeworfensein auf die menschliche Existenz – ohne Worte, ohne Begriffe – hat mich tiefer an die Christuswirklichkeit herangeführt. Dieses Zusammengehen ist nicht theoretisch, das ist im Herzen. In gewissem Sinn bin ich doppelt verwurzelt. Mein Christsein kommt dadurch nicht zu kurz. Auf ein Christsein, das keine Öffnung verträgt, kann ich verzichten. Zen hilft, Mensch zu sein. Zen ist ein radikaler Weg, das Konkrete, Alltägliche, ja Banale wahrzunehmen und nicht irgendwelchen Ideen nachzuhängen. Das ist der Ignatianischen Spiritualität sehr nah: Gott suchen und finden in allem.

Siehst du auch Gefahren der Kolonialisierung, der Vereinnahmung einer anderen Spiritualität?

Ich wehre mich dagegen, dass Zen instrumentalisiert wird, um das Christentum aufzumöbeln. Das wird dem Zen nicht gerecht und ist ein Armutszeugnis für das Christentum. Im Zuge der Neupositionierung des Lassalle-­Hauses 1993 habe ich einen Zen-Raum eingerichtet mit Reismatten am Boden. Eine solche Zen-Halle war damals eine Attraktion. Ein französischer Mitbruder sagte mir: «C’est une antichambre, ein Vorzimmer.» Ich sagte nur: «Non, c’est une chambre, ein Zimmer.» Zen ist nicht das Vorzimmer für das Eigentliche, sondern eine eigene Tradition. Es ist ein wichtiges Zeichen, hier unter einem Dach sowohl eine christliche Kapelle als auch eine Zen-Halle zu haben. Mir ist es ein grosses Anliegen, Zen in seiner authentischen Form zu vermitteln. Der Kern ist «Munen Muso» – ohne Worte, ohne Wissen, ungegenständliche Meditation. Sie weist auf die Unendlichkeit, die unendliche Leere. Leere ist nicht etwa ein Loch, welches man zu füllen hat. Es geht vielmehr darum, diese Leere auszuhalten, offen zu halten, auf eine immer grössere Weite hin. Durch diese authentische Vermittlung wird ein Dialog, eine Begegnung möglich.

Zen-Meditation schafft Inseln der Stille im Alltag, sie unterbricht mechanische Abläufe, sie ist jenseits des Mess- und Verwert­baren. Gibt es ein Geheimnis, wie diese Unterbrechungen das Graue, Leidvolle im Alltag nicht einfach erträglich machen, sondern hinterfragen und die Strukturen, in denen wir stecken, von Grund auf verändern lassen?

Der Wert des Zen kann auf verschiedenen Ebenen gesehen werden. Zen ist ein wunderbares Mittel der Sammlung und Vertiefung. Es zentriert und macht kreativer. Wenn du wegkommst vom Vielen und Vielerlei, kann das Eigentliche zum Tragen kommen. Es regeneriert und bringt Erholung. Es verschiebt die Prioritäten: Wenn du in der Stille sitzt, wird deutlich, was wichtig ist und was unter «ferner liefen» behandelt werden kann. Das Ziel ist die Überwindung der Illusion des Getrenntseins. Die Erfahrung, dass du eins bist und verbunden, verbrüdert, verschwestert. Eine Erfahrung der Einheit und gleichzeitig der Verschiedenheit ist durch Zen möglich. Ich erfahre mich selber als einzigartig, bin nie mehr ich selber, als wenn ich still bin. Und ich bin nie so verbunden mit den anderen und der Welt, wie wenn ich ganz bei mir bin. Es gibt verschiedene Stufen. Viele praktizieren Zen als Übung der Unterbrechung im Alltag: einen Moment zweckfrei nichts tun – aber das mit ganzem Herzen.

Die Einsicht in diese Verbundenheit bedeutet, dass ich nicht getrennt bin von anderen Lebewesen und der Schöpfung …

Nicht Einsicht: Erfahrung! Wenn ich das spüre, überlege ich nicht, ob ich anderen helfe oder nicht, weil es mein Fleisch ist, welches schmerzt. Es ist feig und dem Menschen nicht entsprechend, wenn er einem anderen in Not nicht beisteht. Das Verbundensein ist in uns angelegt. Im Zen üben wir das ein, damit es im grauen Alltag nicht verloren geht.

Was mir bei deinem Verständnis von Spiritualität immer gefallen hat, ist seine Leib-haftigkeit. Wie kamst du zu diesem körperfreundlichen Spiritualitätsverständnis?

Zu einer leib-haften Spiritualität habe ich über das Zen gefunden. Zen ist eine Körperübung: Du hast gar nichts anderes als den Leib, der aufrecht sitzt, die Beine gekreuzt …

… und den Atem.

Ja, der Atem ist eine wunderbare Verbindung von innen und aussen, von Leib und Geist.

Etwas provokativ gefragt: Wäre deine Spiritualität weniger körperfreundlich, wenn du mit einem weiblichen Körper durch die Welt gingest?

Nein, im Gegenteil …

Für Frauen gehört zur Sozialisation rund um den Körper, gerade im Christentum, auch die Zuschreibung, ihr Körper sei minderwertig und unrein. Ist es da nicht schwieriger, zu einer positiven leibhaften Spiritualität zu gelangen? Das erlebe ich als Herausforderung. Ich erinnere mich an Pia Gygers Gebetspraxis, in der sie täglich ihre Erotik begrüsst. Diese wertschätzende, sinnliche Art gefällt mir sehr gut. Und ich glaube, es ist ein langer Weg, an diesen Punkt zu kommen – gerade als weiblich sozialisierte Person.

Ja. Da bin ich absolut einverstanden und habe nichts hinzuzufügen [beide lachen].

Ich möchte gerne noch auf das Lassalle-­Haus zu sprechen kommen. Mit «Zen und Leadership» fokussiert ihr auf die Ziel­gruppe «Führungspersonen». Ihr habt damit den Fokus auf die gesellschaftliche Elite. Ist das ein Ansatz, die Welt von der Elite her zu verändern?

[lacht] Man sagt ja, dass der Fisch vom Kopf her zu stinken beginnt. Führungspersonen fällen folgenschwere Entscheide: Wenn die Führungsetage ethisch, menschlich, spirituell auf einem guten Weg ist, dann wirkt sich das aus. Es war immer ein Anliegen der Jesuiten, Multiplikatoren ins Auge zu fassen. Aber es braucht alle Ebenen – Zen ist für alle Menschen.

Funktioniert damit das Lassalle-Haus nicht auch als «Rehabilitationsklinik» für Manager*innen, damit sie anschliessend erst recht wieder fähig sind, mit voller Kraft an der Wachstumsspirale mitzudrehen und in der Konkurrenz aller gegen alle zu bestehen?

An einem Seminar nahm ein Manager eines grossen Konzerns teil. Er war in einer eher beobachtenden Rolle, abwartend und unbeteiligt. Ich sprach ihn an: Was suchen Sie eigentlich? Er stutzte: Warum fragen Sie? Ich sagte ihm, dass ich wissen wolle, warum er da sei. Seine Antwort: Ich wurde geschickt von meiner Firma, um zu sehen, ob sich dieses Angebot in ihr Anti-Stress-Programm einbauen lässt. Da begannen wir beide zu lachen. Er spürte schon, was ich ihm dann sagte: Er müsse jemand anderen suchen. Ich möchte nicht helfen, Stress abzubauen, damit Menschen danach mehr vom Selben tun können. Es geht um eine Bewusstseinsveränderung, ein verändertes Denken.

Was immer wieder in deinen Texten auftaucht, ist das Staunen, eine Art Unterbrechung. Worüber staunst du?

Gerade staune ich darüber, dass es Zeitschriften wie die Neuen Wege gibt. Und dass das Heft schon bald 120 Jahre «neu» geblieben ist. Das ist ein schönes Zeichen, das mich freut. Und ich staune, dass ich immer noch staunen kann. Das ist der grösste Grund zum Staunen: mit über achtzig Jahren zu entdecken, dass jeder Tag ein Aha-Erlebnis bringen kann, wenn ich nicht mit Scheuklappen durch die Gegend gehe. Wenn ich mir die Offenheit bewahre, erlebe ich viele Überraschungen, die aus dem Augenblick entstehen und aus einer Entsprechung zwischen innen und aussen. An Möglichkeiten, sich zu überraschen, fehlt es nicht. Die Frage ist eher: Ist da jemand, der sich überraschen lässt?


Niklaus Brantschen, *1937, ist Jesuit und Zen-Meister. Er lebt und wirkt seit bald fünf Jahrzehnten im
Bildungszentrum Bad Schönbrunn, das er als Lassalle-­Haus neu positioniert hat.

lassalle-haus.org

 

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com