Muslimisch und politisch links aktiv

Léa Burger, Abduselam Halilovic, 25. April 2021
Neue Wege 5.21

Sie politisiert in und aus der Bewegung heraus, er ist partei­politisch und in muslimischen Verbänden aktiv: Nina Tshomba (32) und Pascal Gemperli (43) engagieren sich an unterschiedlichen Orten. Gemeinsam sind ihnen ihr muslimischer Glaube und ihre Suche nach Gerechtigkeit.

Was hat Sie politisiert, Pascal Gemperli?

Pascal Gemperli: Bei mir gibt es drei Momente. Erstens war das der Irakkrieg 2003: Ich ging das erste Mal demonstrieren und erlebte danach eine grosse Ernüchterung, weil wir nicht viel verändern konnten. Ich glaubte tatsächlich, dass wir von der Strasse aus den Krieg verhindern könnten. Aber das passierte nicht. So begann ich mich auch für Parteipolitik zu interessieren.

Ein zweiter wichtiger Moment war mein Zivildienst: Nach der Rekrutenschule bin ich aus dem Militär ausgestiegen und war im Zivildienst 18 Monate in Casablanca, Marokko. Dort arbeitete ich in einem Zentrum für nachhaltige industrielle Entwicklung, las viel zu Ökologie und Ökonomie und war fasziniert, dass das auch zusammengeht. Ich erkannte, dass nachhaltiges Wirtschaften der Umwelt nützt und umgekehrt.

Drittens politisierte mich die Minarettinitiative 2009. Ich war vier Jahre zuvor zum Islam konvertiert. Damals war er – politisch gesehen – kaum Thema bei uns. Dann war er es plötzlich, und mich schockierte, wie unsachlich diskutiert wurde. Ab da begann ich mich in muslimischen Gemeinden zu engagieren. Das ist soziopolitische und nicht religiöse Arbeit, diese passiert in den Moscheen. Am Anfang steht eine religiöse Motivation, zum Beispiel eine neue Friedhofsregelung, damit wir Muslim*innen unsere Verstorbenen richtig beerdigen können. Wenn alles klappt, gibt es am Ende des Prozesses eine religiöse Befriedigung – zwischendrin ist aber fast alles sehr politisch.

Nina Tshomba, wie war das bei Ihnen?

Nina Tshomba: Für mich ist meine Herkunft sehr prägend: Meine Mutter ist in der Schweiz geboren und mein Vater in der Demokratischen Republik Kongo. So habe ich früh mitbekommen, dass es im Kongo grosse ökonomische Probleme gibt – obwohl es ein Land mit vielen Bodenschätzen ist. Für mich war früh klar, dass etwas falsch läuft, und ich fragte mich, warum. Ich war schon immer ein Mensch, der nach dem Warum fragt und dafür sensibilisiert ist, dass es unterschiedliche Realitäten gibt.

Ein anderer Aspekt ist der Rassismus. Diesen spürte ich bereits als Kind, auch wenn ich das so nicht benennen konnte. Dass zum Beispiel US-amerikanische PoC1-Rapper unglaublich stark von Polizeigewalt bedroht sind oder sogar erschossen werden, hat mich sehr betroffen gemacht. Sie waren praktisch meine einzigen Vorbilder als being of color.

Politisch aktiv wurde ich in der Zeit des Gymnasiums. Da ging ich das erste Mal auf eine Demo. Später prägte mich die HSG in St. Gallen, wo ich für den Bachelor in Internationalen Beziehungen studierte: Ich wollte die Zahlen besser verstehen, die in der Berichterstattung vorkommen und unsere Realität prägen. Gleichzeitig interessierte ich mich für die internationale Entwicklungszusammenarbeit und wollte später in den Kongo. Während des Studiums veranstalteten wir eine WTO-Simulation. Bei einem Besuch in Genf führte ich Gespräche mit Handelsabgeordneten von Botswana. Dabei sagten sie, dass sie keine Chancen hätten in den Verhandlungen mit Grossmächten wie China, der EU oder der USA. So merkte ich: Wir tun zwar so, als hätten wir internationale Organisationen, die Dialoge auf Augenhöhe führen und sich für eine gerechte Welt einsetzen. De facto aber wird erfolgreich der Status quo erhalten. So bin ich schliesslich zu progressiv linken bis linksautonomen Bewegungen gekommen, in denen es nicht um Zahlen und den monetären Wert eines Engagements geht.

Inwiefern spielt Ihre Religiosität für dieses linkspolitische Engagement eine Rolle?

Nina Tshomba: Als ich begann, mich durch meinen Partner mit dem Islam auseinanderzusetzen, fand ich viele Werte bestätigt, die ich bereits vorher angenommen oder gefühlt hatte. Das bestärkte mich, auf meinem Weg und bei meiner Suche nach Gerechtigkeit weiter zu gehen – ja auch bei meiner Suche nach irgendeiner Art von Wahrheit. Mir war klar, dass weder mein Verstand noch der von anderen je wissen wird, was wahr ist. Diese Erkenntnis hat mir Kraft gegeben und Frustration genommen. Denn ich verstand: Es geht um die Suche, darum, das Bestmögliche zu versuchen. Das hilft mir, beim politischen Engagement etwa in Notunterkünften dranzubleiben und die Hoffnung nicht zu verlieren. Mit meinen Besuchen möchte ich den Menschen dort in Würde begegnen, anders, als es das Asylregime tut.

Dann hilft mir meine Auseinandersetzung mit dem Islam, wach zu bleiben und keinen Stereotypen aufzusitzen. Obwohl ich mich zum Beispiel schon lange mit Rassismus auseinandersetze und selbst Muslimin bin, hatte ich in Gesprächen zur Gleichstellung der Frauen im Islam oder zum Absolutheitsanspruch der Religion selbst immer wieder Vorurteile. Gerade das Bild der «unterdrückten Frauen» im Islam fordert mich heraus, da aus meiner Sicht das Patriarchat eben auch im Islam – jedoch genauso fest wie in unserer sogenannt emanzipierten Schweiz – greift. Es ist wichtig, nicht dem Mainstream zu folgen und diesen als «den einzigen und wahren Islam» zu sehen. Es ist wichtig, nicht nur Stimmen von männlichen Theologen und Gelehrten anzuhören. Erst mit der Zeit habe ich bemerkt, dass mein Bild vom Islam stark vom medialen Mainstreamdiskurs geprägt ist und es eigentlich viel mehr islamische Realitäten gibt, als ich mir vorstellen kann. Nicht zuletzt darum liegt mir Vermittlung am Herzen: Zum Beispiel versuche ich, in linken, eher religionskritischen Kreisen Religionsthemen einzubringen und dafür zu sensibilisieren, dass ein antimuslimischer Rassismus herrscht oder dass Religiosität auch Potenziale bietet.

Pascal Gemperli: Bei der Frage, inwiefern sich das politische Engagement und die Religiosität beeinflussen oder befruchten, bin ich etwas zögerlich. Ich glaube, im Idealfall sollte das zusammen ein kohärentes Wertesystem ergeben. Mein Reli­gionsverständnis ist ja von meiner ganzen Identität geprägt, und so ist für mich zum Beispiel völlig klar, dass Islam und Ökologie zusammengehören. Im Islam gibt es ein Gebot, dass der Mensch nicht über der Natur stehen soll, sondern mittendrin. Das ist ein sehr ökologisches Verständnis. Aber ist das dann Politik oder Religion? Gerechtigkeit oder Umweltschutz sind doch Grundwerte, alle sollten sich dafür engagieren. Eine Religionsgemeinschaft, die sich dazu nicht äussert, verpasst meiner Meinung nach eine Chance.

Sie beide haben von Gerechtigkeit gesprochen. Im Islam gibt es eine theologische Auseinandersetzung mit diesem Begriff, auf Arabisch ’adl. Dazu gehört auch der Imperativ, dass ein Muslim oder eine Muslimin sich einem ungerechten Herrscher stellen und auf Ungerechtigkeit hinweisen soll.

Nina Tshomba: Ich kenne diese theologische Auseinandersetzung weniger. Aber für mich sind diesbezüglich Geschichten aus dem Leben des Propheten Mohammed bedeutsam, in denen er die Mächtigen kritisiert und sich ihnen gegenüberstellt. Natürlich ist für mich auch die feministische Auseinandersetzung wichtig. Mohammed setzt sich für Frauen ein, wenn er ihnen im Vergleich zur vorislamischen Zeit Besitz zugesteht, den sie auch selbst verwalten sollen. Oder er fordert Sklavinnen und mittellose Frauen dazu auf, wie die reichen, verheirateten Frauen das Haar zu bedecken. Was bei Letzteren Statussymbol ist, soll auch die anderen schützen. Klar polarisiert diese Geschichte aus heutiger Perspektive, aber für mich ist es wichtig, sie zu kennen.

Pascal Gemperli: Es gibt einen Hadith, eine Überlieferung zu Mohammed: Wer etwas Schlechtes sieht, soll mit seiner Hand handeln, sich also tatkräftig gegen das Schlechte einsetzen. Wenn das nicht geht, soll man etwas mit seiner Zunge und dem Mund tun, quasi eine sprachliche, intellektuelle Handlung. Und sonst sollte man sich zumindest mit seinem Herzen zur Wehr setzen. Das können alle. Es gibt keine Entschuldigung, sich nicht gegen Ungerechtigkeit aufzulehnen. Den Anspruch finde ich sehr wichtig: Alle machen es so, wie sie es schaffen. Natürlich stellt sich auch die Frage, was Gerechtigkeit überhaupt ist.

Was bedeutet denn Gerechtigkeit für Sie?

Pascal Gemperli: Dass alle Menschen ihre Bedürfnisse erfüllen und sich möglichst frei nach ihren eigenen Wünschen entfalten können. Aber da gibt es Hindernisse, Strukturen oder Handlungen anderer, die das verhindern und zu Konflikten führen. Wenn wir es schaffen würden, diese konstruktiv anzugehen und daraus Neues entstehen zu lassen, könnte das sehr kraftvoll sein. Gerechtigkeit ist ein Ideal, das wir wohl nie erreichen werden, aber anstreben sollten.

Nina Tshomba: Das glaube ich auch. Ausserdem hat für mich Gerechtigkeit mit Bescheidenheit zu tun: dass ich mein Ego weniger ins Zentrum stelle. Dann kann ich vielleicht auch etwas gerechter sein. Aber Gerechtigkeit ist ein stetes Aushandeln, weshalb es auch immer eine offene Auseinandersetzung mit dem nächsten Umfeld und der Gesellschaft braucht.

Pascal Gemperli: Für mich hat es viel mit Freiheit zu tun, dass jede und jeder sich so entwickeln kann, wie sie oder er das möchte.

Nina Tshomba: Das klingt aber nach Neoliberalismus und nach der Maxime, wonach es für die Gemeinschaft am besten ist, wenn jede Person für sich selber schaut. Das funktioniert nicht, wenn eine Person etwa sagt, sie fühle sich nur mit so und so vielen Hektaren Land frei, und eine andere Person Anspruch auf dasselbe Land erhebt. Es braucht noch andere Werte, die Bescheidenheit und Respekt fördern, damit der einen Person nicht einfach mehr zusteht als der anderen. Das ist eine sehr herausfordernde Frage für unsere monetarisierte Gesellschaft, in der es darum geht, wer wie viel leistet und deshalb entsprechend verdient. Aber wer genau definiert den Wert und die Qualität einer Leistung?

Pascal Gemperli: Hier braucht es staatliche Leitlinien oder Grenzen. Wenn sich zum Beispiel jemand aufgrund des Geschlechts oder der Hautfarbe weniger gut entwickeln kann, muss der Staat eingreifen und den Rahmen so setzen, dass sich alle frei entwickeln können.

Nina Tshomba: Ich würde sagen, dass der Staat dies alleine nicht verwirklichen kann – insbesondere so lange nicht, als die geltenden Paradigmen, auf die er aufgebaut ist, Ausbeutung von Menschen beziehungsweise den Kapitalismus oder Klassismus fördern. Genau hier können religiöse, spirituelle Werte, aber auch progressive linke Überzeugungen ausgleichen, was der Staat nicht schafft.

Wie kommt Ihre persönliche Religiosität in den politischen Zusammenhängen an? Es gibt immer wieder religionskritische Stimmen aus linker Perspektive, insbesondere auch, was den Islam angeht.

Pascal Gemperli: Das bringt mich zum Nachdenken. Ich habe konvertiert, und dieser Umstand verstärkt manche Fragen und Vorurteile noch. Menschen stellen sich dann Fragen wie: Warum hat er konvertiert? Ist er irgendwie radikal?

Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann: Wenn mich Leute kennen, spielt meine Religiosität überhaupt keine Rolle. Ich bin seit zehn Jahren im Gemeinderat in Morges und habe es dort mit allen gut, von ganz links bis ganz rechts. Es war gar nie eine Frage, dass ich religiös bin. Wegen meinen Medienauftritten als Mediensprecher der Föderation Islamischer Dachorganisationen Schweiz (FIDS) verstehen die Leute auch, wo ich engagiert bin. Sie wissen, dass ich gesellig bin und man sich keine Sorgen um mich machen muss. Auch innerhalb der Partei, den Grünen, ist Religion kaum ein Thema. Wir sind sehr liberal und betrachten es als individuelle Freiheit, was jemand glaubt oder nicht. Wir haben keine spezifische Religionspolitik.

Beruflich ist es anders. Die Kund*innen meines Mediationsbüros achten vielleicht eher drauf: Wer ist das, mit dem wir zusammenarbeiten? Da kann es schon zu Vorurteilen oder Ablehnung kommen, auch wenn das nie jemand offen eingestehen würde.

Nina Thsomba: Momentan bringe ich in Gesprächen oft nicht meine persönliche, sondern eine allgemeine muslimische Religiosität oder einfach das Thema Religion und Spiritualität ein. Das mache ich insbesondere in feministischen Kreisen, wo eine Gefahr des antimuslimischen Rassismus besteht. Die Geschichte ist noch immer aktuell, dass muslimische Frauen durch mehrheitlich weisse Feministinnen bevormundet werden. Bei PoC-Feministinnen ist die Sensibilität für mögliche Diskriminierungen meines Erachtens viel höher. Es besteht eher ein Gespür dafür, dass es nicht nur einen Feminismus gibt, sondern unzählige Feminismen. Mich nicht direkt als Muslimin zu bezeichnen, ist somit zu einem Teil ein Selbstschutz. Im Buch Islamische Feminismen von Lana Sirri sagt eine queere muslimische Person, sich in queeren und / oder feministischen Kreisen als Muslim*in zu outen sei genauso herausfordernd, wie sich in einer muslimischen Community als queer zu outen.

Im persönlichen Umfeld habe ich erlebt, dass sich eine Person bezüglich meiner Religiosität Sorgen um mich machte. Leute dachten, ich radikalisiere mich. Vielleicht hatten sie diese Sorge auch deshalb, weil ich mich eh schon in linksautonomen Kreisen bewege, staats- und polizeikritisch bin, eurozentristische Vorstellungen hinterfrage und in diesem Sinne radikal bin.

Religion ist kein leichtes Thema. Wer schon mal an einer Demo am Internationalen Frauentag war, kennt die Parole «Kein Gott, kein Staat, kein Patriarchat!». Ich wollte letztes Jahr eigentlich einen Brief an die Organisator*innen schreiben, dass ich diesen Spruch als sehr ausschliessend erlebe. Klar sind religiöse Traditionen und Praxen oft mit patriarchalen Strukturen sowie mit rassistischen und kolonialen Tendenzen verknüpft. Gleichzeitig gibt es viele Menschen in meinem Umfeld, die versuchen, auch spirituelle Positionen miteinzubeziehen und nicht selbst ignorant gegenüber einer Pluralität zu werden, die sie eigentlich einfordern. Sie sehen Religion oder Spiritualität auch als Chance. Gerade in antiautoritären Kreisen wird es möglich, sich nicht so sehr auf das eigene Ego zu konzentrieren und sich keiner politischen Theorie zu unterwerfen, sondern zu sagen: Niemand hat mehr Macht über mich als eine Gottheit. Ich benutze dieses Wort in bestimmten Kontexten, da Gott für mich weder Singular noch Plural ist, weder männlich noch weiblich, das Wort «Gott» aber bei mir und wohl vielen hier sozialisierten Menschen das Bild eines Mannes mit weissem Bart hervorruft.

Auch merke ich, dass viele Menschen sich irgendwie nach Ruhemomenten und Ritualen sehnen. Dann erzähle ich, dass für mich das Gebet eine grosse Befreiung brachte: einen Ablauf von Bewegungen und von Sprache zu haben, den ich befolgen darf und bei dem ich nicht immer selbst wissen muss, was das Beste ist. Ich kann mich mit einem grösseren Ganzen verbinden. Ich versuche zwar das Bestmögliche, aber es liegt nicht alles in meiner Hand. Gerade in aktivistischen und antirassistischen Kontexten kann das bei Frust oder Ohnmacht helfen.

Was sind die dringendsten Themen, die diskutiert werden sollten, wenn es um Religion und Politik geht – in Ihren Communitys und auch gesamtgesellschaftlich?

Pascal Gemperli: In der muslimischen Gemeinschaft ist eine wirklich wichtige Frage, wie sich Frauen besser einbringen können, denn in den Moscheengemeinschaften sind sie sehr wenig präsent. Somit ist ein grosser Teil der Gemeinschaft eigentlich abwesend. Glücklicherweise ändert sich das langsam, auch mit einer neuen Generation. So kommen andere Stile und Sichtweisen zum Tragen. Eine weitere Herausforderung für muslimische Gemeinden ist die Frage, wie Jugendliche vermehrt eingebunden werden können.

Was den Islam und die Schweiz angeht, die ganzen Diskussionen um Kompatibilität, sehe ich teilweise grosse gesellschaftliche Widerstände. Gleichwohl zeigt die Praxis, dass es sehr wohl gut zusammengeht und der Medienhype rund um den Islam nicht die Realität reflektiert.

Ihrer Einschätzung nach stehen Fragen der öffentlich-rechtlichen Anerkennung also nicht im Vordergrund?

Pascal Gemperli: Diese Fragen gehen einher mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs: Die öffentlich-rechtliche Anerkennung und die soziale Anerkennung müssen zusammengehen, wobei sie sich auch gegenseitig beeinflussen. Für mich ist die Anerkennung nur wichtig, weil dies in der Schweiz der normale Umgang mit grossen Religionsgemeinschaften ist. Die muslimische Gemeinschaft sollte gleichberechtigt behandelt werden. Wenn nun alle Kantone die öffentlich-rechtliche Anerkennung für Reli­gionsgemeinschaften abschaffen würden, wäre das für mich auch in Ordnung.

Wie sehen Sie das, Nina Tshomba: Welche Diskussionen stehen an?

Nina Tshomba: Ich wünsche mir, dass die muslimische Community feministischer und antikapitalistischer wird – immer im Wissen darum, dass wir alle blinde Flecken haben und am meisten von unserer eigenen Realität geprägt sind. Es wird vernachlässigt, dass der Islam unzählige Beispiele von starken und emanzipierten Frauen kennt. Beispielsweise hat nach nach dem Tod des Propheten Mohammed seine Frau Aisha viele frauenfeindliche Hadithe kritisiert und revidiert und war generell unglaublich prägend für die Weitergabe von religiösem Wissen.

Weil in einem kapitalistischen System immer auch Rassismen und Ausbeutungsverhältnisse weitergetragen werden, muss individuell wie auch kollektiv gehandelt werden. Es wird aus meiner Sicht viel zu wenig betont, dass unser Lifestyle hier in der Schweiz extrem stark auf Kosten von Mensch und Umwelt geht. Ein Beispiel für eine individuelle Handlungsmöglichkeit ist das Zero-Waste-Fastenbrechen. Wir Muslim*innen müssen uns noch mehr fragen, wie wir kollektiv Sorge zu Mensch und Umwelt tragen können. Wie Pascal Gemperli gesagt hat: Aus muslimischer Perspektive bietet es sich an, nachhaltiger und bewusster zu leben, den Konsum zu reduzieren und machtvolle Strukturen zu kritisieren.

Ich wünsche mir, dass politische Bewegungen, aber auch akademisierte Räume mehr Platz für Religiosität und Spiritualität lassen. Ich wünsche mir hier eine Anerkennung und nicht eine Abwertung. Wer religiös ist, wird schnell markiert oder auch stigmatisiert und mit Vorurteilen überhäuft – gerade als Frau, denn Religion gilt, wie schon gesagt, als rückständig und patriarchal. Als ich einmal vor der Uni Zürich einen Schal um den Kopf trug, der eigentlich als Kappenersatz und nicht als Kopftuch diente, wurde ich von einem Studierenden als Muslimin beschimpft. Auch die Probleme, die etwa eine kopftuchtragende Person hat, wenn sie den Lehrberuf ausüben will, zeigen, dass vieles noch nicht gut läuft.

Ich wünsche mir mehr Räume, in denen unterschiedlichste Personen beten, meditieren und ihre Rituale leben können. Und dass Religion nicht bloss als etwas Traditionelles und Überholtes betrachtet wird, sondern auch als etwas Befreiendes.

  1. PoC bedeutet People of Color und ist eine Selbstbezeichnung Schwarzer Menschen, genauso wie being of color.


○ Pascal Gemperli, *1978, ist Mediator und Gemeinderat in Morges / VD. Er ist engagiert bei der Union Vaudoise des Associations Musulmanes (UVAM) und bei der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS). Er ist verheiratet und hat vier Töchter.

pascalgemperli.ch
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○ Nina Tshomba, *1988, ist Technikerin und Teil der kollektiven Geschäftsleitung beim Radio LoRa in Zürich und Aktivistin in feministischen und antikapitalistischen, selbstorganisierten Formaten (Kollektivierung von Fürsorge, Wohn- und Lebensräumen, Feministische Muslimische Diskussionsgruppe, Besuchsgruppenstruktur in Nothilfeunterkünften für abgewiesene Asylbewerbende). Freischaffend ist sie auch beim Institut Neue Schweiz INES und im Kulturbereich tätig, etwa beim Zürcher Theater Spektakel, und trainiert Boxen und Ballett.

 

  • Léa Burger,

    *1987, studierte Religionswissenschaften und Gender Studies. Sie ist Fachjournalistin Religion und Mitglied der Neue Wege-Redaktion.

  • Abduselam Halilovic,

    ist Islamwissenschaftler und Seelsorger. Er engagiert sich in muslimischen Jugendprojekten, unter anderem in der bosnischen Moschee in Schlieren und bei der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ).