«Loben ohne Lügen»

Geneva Moser, 12. Juli 2020
Neue Wege 7/8.2020

Kürzlich wurde ich in einem Interview gefragt, wie ich zu einem Austritt aus der römisch-­katholischen Kirche stünde. Meine Antwort kam schnell und leichthin: Solange spannende Gespräche entstehen, wenn ich mich als queere und feministische Katholikin bezeichne, bleibe ich. Heute ist mir diese Antwort fast peinlich, kratzt sie doch nur knapp an der Oberfläche der eigentlichen Sachlage. Hinter meiner Bindung an diese Kirche muss doch mehr stehen …

Was hält mich? Gemeinsam mit vielen bleibe ich um eine Antwort verlegen oder bete halbherzige, altbekannte Antworten herunter: die Ressourcen der Institution nutzen, eine Liebe zur Liturgie verspüren, das Globale der Kirche schätzen. In Wahrheit: Ich schäme mich oft für «meine» Kirche.

Ein ruhiger Sonntagmorgen, ich frühstücke und lese Die Zeit. Über Papst Pius XII. und sein Verhalten in Bezug auf den Holocaust wurde zwar schon viel geschrieben. Ein deutsches Forschungsteam unter der Leitung des Kirchenhistorikers Hubert Wolf hat nun aber erstmalig Zugang zu den Archiven des Vatikans zum Pontifikat von Pius XII. und publiziert die Resultate dieser Forschung in dieser Zeitung.1 Schon nach einer Woche können die Forschenden mit Sicherheit sagen: Der Vatikan und der Papst wussten mehr von den Massenmorden an Juden und Jüdinnen, als sie zugaben. Der Papst entschied sich zu schweigen.

Schweigen – das ist eine Strategie, die Kleriker nicht selten wählen: Schweigen zu sexueller Gewalt, zu Machtmissbrauch, zu Mobbing, zu Scheinheiligkeit und Bigotterie. Ich brauche die Beispiele nicht zu benennen, aber während der Lektüre des Zeit-­Artikels tauchen sie alle sofort vor meinem inneren Auge und in meinem Gefühlshaushalt auf. Und wieder einmal kommt mit ihnen auch die Frage: Was mache ich hier eigentlich? Wa­rum bin ich noch immer Teil von diesem Laden? Ich schäme mich.

Oft fallen in Gesprächen mit Freund*innen Witze über die Kirche, über Menschen, die religiös sind, die glauben. Für viele ist es unvorstellbar, dass sich linker Aktivismus und Religion verbinden lassen. Natürlich ist in diesem Blick von linksstehenden Weggenoss*innen auch viel Undifferenziertheit, viel Pauschalurteil auszumachen. Und die oft fast an Religionsfeindlichkeit grenzende Abwehrhaltung ist auch widersprüchlich: Wenn beispielsweise bedauert wird, dass religiöse Menschen wegen Corona gerade keine Feste feiern können, dann sind damit Muslim*innen gemeint, nicht etwa auch Christ*innen aus dem nächsten Umfeld, die vielleicht die Osterliturgie vermissen. Mit Christ*innen, linken und aktivistischen Christ*innen, wird kaum gerechnet in der Linken, den aktivistischen Kreisen. Das ist schade. Aber diese Abwehrhaltung hat auch ernstzunehmende Wurzeln. Dogmatismus, Klerikalismus, Macht und Manipulation prägen das Image der Kirche. Sie schrecken ab – zu Recht.

Vielleicht gab Corona eine Vorahnung auf das, was mit dieser Kirche geschehen wird, geschehen muss: Das Gebäude «Kirche» bleibt leer, und die dazugehörige Institution verliert an Macht und Ressourcen. Ihre männlichen Würdenträger sind plötzlich Menschen unter Menschen und müssen lernen, was Kirche ohne ihre Amtswürde bedeuten könnte. Die Marginalisierten dieser Kirche werden sichtbar und ihre kreativen Methoden von Gottesdienst gewinnen an Bedeutung: Das kirchliche Leben verlagert sich in Haushalte, Graswurzelaktionen, direkte Solidarität, politisches Engagement, persönliche und gemeinschaftliche Spiritualität. Klöster werden plötzlich Ansprechpartner für aussergewöhnliche Situationen: Wie gehen Menschen mit Isolation um? Wie kann ein Tag zu Hause sinnvoll strukturiert werden? Welche spirituelle Praxis ist hilfreich in Krisen? Und die Netzwerke von Frauen werden stärker, aktiver, sichtbarer.

Nicht selten schäme ich mich, offen zu sagen, dass ich Christin bin. Aber ich bin es, eine katholische noch dazu – gerade während der Corona-Krise. Die Kirche, die ich liebe, ist eine Graswurzel­kirche, eine theopolitische, eine befreite, eine monastische, mystische, menschliche. Sie «lobt, ohne zu lügen» (Dorothee Sölle).

* Gefühlsduselei [die] — Substantiv, feminin; umgangssprachlich abwertend.

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com