Liegestühle, Läusetante und Motz-Kultur

Geneva Moser, Matthias Hui, 2. April 2020
Neue Wege 4.20

Wohnen ist ein Grundbedürfnis, gestaltet wird es aber vielfältig. Alternative Projekte – ob im ehe­maligen Kloster, der Kommune oder dem Genos­senschaftsprojekt – zeigen, dass solidarisches Wohnen möglich ist. Neue Wege-Gespräch mit Susanne Bachmann, Lukas Fries-Schmid und Claudia Thiesen

Neue Wege: Susanne Bachmann, Sie sind Teil des Wohnkollektivs Schrägwinkel bei Bern. Das Kollektiv bewohnt zwei Häuser und besteht aus dreizehn Erwachsenen und sechs Kindern. Neben dem Wohnraum teilen Sie sich Einkommen und Vermögen. Was macht das Zusammenleben im Schräg­winkel «solidarisch»?

Susanne Bachmann: Solidarität ist für mich ein wichtiger und emotionaler Begriff. Wir teilen einerseits unsere Räume miteinander. Andererseits haben wir uns viele Überlegungen dazu gemacht, wie wir gemeinsam Entscheidungen treffen und unsere Arbeit und unser Geld solidarisch teilen können. Dahinter steckt nicht nur eine Idee von Solidarität unter uns als Gruppe, sondern auch eine gesellschaftliche Vision: Wir möchten neue Formen des solidarischen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens entwickeln.

NW: Gemeinsam mit einer Kerngruppe von vier Erwachsenen und zwei Kindern leiten Sie, Lukas Fries-Schmid, den Sonnenhügel im Entlebuch. Das ehemalige Kapuziner­kloster bietet Menschen in Krisen ein temporäres Zuhause. Was macht solidarisches Wohnen im Sonnenhügel aus?

Lukas Fries-Schmid: Im Vordergrund steht das Zusammenleben mit Menschen, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen. Diesen Auftrag haben wir uns gegeben, er steht in der Tradition der franziskanischen Spiritualität: Wir bewohnen ein ehemaliges Kapuzinerkloster. Für Franziskus waren es die Aussätzigen, mit denen er mitgelebt und Berührung gesucht hat. Wir laden nicht Menschen ein, damit wir ihnen «helfen» können, sondern damit sie mit uns ihr Leben teilen können. Es geht um ein alltägliches Miteinander, Leben und Arbeiten. Und darum, Raum zu haben, in dem die offenen Fragen offen bleiben können.

NW: Claudia Thiesen, Sie begleiten genossenschaftliche Wohnprojekte als Beraterin und leben selber in einer Siedlung der Genossenschaft Kraftwerk1 in Zürich. Wie erleben Sie dort solidarisches Wohnen?

Claudia Thiesen: Die Genossenschaft Kraftwerk1 hat sich den Grundsatz gegeben, dass niemand von bezahlbarem Wohnraum ausgeschlossen sein soll. Es gibt interne Solidaritätsmodelle für Mietzinsvergünstigungen und die Reduktion von Anteilscheinkapital. Heruntergebrochen auf die Siedlung von etwa hundert Personen, in der ich wohne, bedeutet Solidarität, dass wir uns im Alltag unterstützen. Viele wohnen schon lange dort und kennen sich gut. In den einzelnen Wohngemeinschaften gibt es punkto Mietzahlungen und Finanzbeiträgen, die einzelne leisten, einen Ausgleich. Wichtig sind eine gewisse Toleranz und Grosszügigkeit, dass Menschen Unterschiedliches beitragen können.

LFS: Mir fällt dazu ein franziskanisches Prinzip ein: Gerechtigkeit bedeutet nicht «allen dasselbe», sondern «jedem das Seine», jedem und jeder das, was er oder sie braucht. In der Kerngemeinschaft des Sonnenhügels kommen wir aus unterschiedlichen materiellen Verhältnissen. Privat sind wir wirtschaftlich unabhängig voneinander, teilen aber als Verein das Vereinsvermögen. Als Angestellter des Vereins bekomme ich Kost und Logis sowie ein kleines Taschengeld. Andere arbeiten zusätzlich auswärts und verdienen so etwas dazu. Wir haben also unterschiedliche Einkommen. Dennoch pflegen wir einen gemeinsamen Standard und müssen uns über unsere Bedürfnisse austauschen. Das gibt befruchtende Diskussionen über die Frage: Was brauche ich zum Leben? Worauf kann ich verzichten?

NW: Das Wohnkollektiv Schrägwinkel feiert in diesem Jahr sein zehnjähriges Beste­hen. Die gemeinsame Ökonomie war von Anfang an zentral. Wie haben sich Ihre Visionen verändert und entwickelt in den letzten Jahren?

SB: Die gemeinsame Ökonomie und die Ideen dahinter verbinden und tragen uns. Wir teilen die Perspektive, dass die kapitalistische Gesellschaftsordnung und die Verteilung von Löhnen und Arbeit höchst ungerecht sind. Mit unserer gemeinsamen Kasse versuchen wir diese Ungerechtigkeit etwas aufzubrechen. Eine Grundidee ist aber auch, neue Formen zu finden, wie man zusammen Entscheidungen treffen und Konflikte lösen kann. Wir probieren im Kleinen aus, wie eine emanzipatorische, gerechtere Gesellschaft aussehen könnte.

NW: Christina Caprez beschrieb im Buch Familien­bande auch die gemein­same Öko­nomie im Schrägwinkel. «Ihr ganzes Vermögen gaben sie in die Hauskasse, und auch alles, was die neun verdienen, fliesst dort hin-ein. Die unterschiedliche Bewertung von intellektueller und manueller Arbeit finden sie ungerecht; so gleichen sie sie aus. […] Auch schreiben sie niemandem vor, wieviel er oder sie arbeiten muss. Wie wäre es denn, wenn jemand nur im Liegestuhl liegt und faulenzt, auf Kosten der andern?» Was würden Sie ihr heute antworten, neun Jahre später?

SB Hinter dem solidarischen Wohnen steht die Frage: Was ist gutes Leben? Was gibt mir Sicherheit und Zufriedenheit? Materieller Wohlstand kommt dabei nicht zuerst, sondern eher menschliche Beziehungen, die tragen. So gesehen wünschte ich mir manchmal jemanden, der oder die sagt: «Legt euch doch mal in den Liegestuhl im Garten!» Wir sind sehr geprägt von einer bestimmten Arbeitsethik. Es ist wichtig, nicht nur zu sehen, was Einzelne materiell beisteuern, sondern auch, was sie an Zeit, durch ihre individuelle Art, künstlerisch oder kommunikativ beitragen. In einer Gruppe kommen so ganz viele Ressourcen zusammen. Hinter der Frage steckt auch der Gedanke: Was, wenn jemand das ausnutzt? Ich denke, andere auszunutzen, ist kein menschliches Bedürfnis. Wenn es doch passieren würde oder jemand dieses Gefühl hätte, müssten wir das Gespräch suchen.

NW: Auch im Sonnenhügel müssen nicht alle gleichermassen mitwirken. Die Kerngemeinschaft trägt Menschen, die in einer Krise stecken und im Moment nicht voll «leistungsfähig» sind. Führt das auch zu Spannungen?

LFS: Spannungen gibt es natürlich immer. Unter den Gästen kann es schon vorkommen, dass sich jemand aufregt über einen anderen Gast, der scheinbar weniger beiträgt. Die Gäste haben untereinander oft nicht das Bedürfnis, ihre ganze Lebensgeschichte zu teilen. Psychische Krankheit ist stark mit Schamgefühlen und Stigmatisierung verknüpft. Vielleicht sehe ich durch die eigene Einschränkung auch die Not des Gegenübers nicht. Dann fange ich schnell an zu urteilen: Die ist faul, der will mir böse. Da plädiere ich dafür, das Urteilen zu lassen und vom Gegenteil auszugehen: Jede und jeder hat das Bedürfnis, einen Beitrag zum Ganzen zu leisten. Die Grenzen der Möglichkeiten gilt es zu akzeptieren. Als Kerngemeinschaft versuchen wir, diese Konflikte zu begleiten. Ich trage auch meine eigene Geschichte und meine Themen mit, die von Gästen getriggert werden können. Das muss ich erkennen können und darf mich nicht meinerseits dazu verleiten lassen, meine Machtposition auszunutzen.

SB: Wenn wir uns als Gruppe damit auseinandersetzen, was wir beieinander gegenseitig auslösen und welche Gefühle im Raum sind, können wir wachsen. Wir haben in den letzten zehn Jahren die Erfahrung gemacht, dass Konflikte um Sachthemen oft auf Konflikte auf der Beziehungsebene hinweisen. Wenn es da gelingt, ehrlich miteinander umzugehen und hinzuschauen, dann ermöglicht das persönliches Wachstum.

NW: Die christlich-franziskanische Verwurzelung unterscheidet den Sonnenhügel vom Schrägwinkel. Wie ist die klösterliche Tradition im Sonnenhügel heute präsent?

LFS: Baulich ist sie sehr gut sichtbar, wir bewohnen ein Kapuzinerkloster. Wer bei uns ankommt, läutet an der Pforte die Glocke und tritt über einen langen Flur in den Kreuzgang. Wir spüren manchmal, dass Gäste davon abgeschreckt sind. Auf viele wirkt das aber faszinierend, weil das Zur-Ruhe-Kommen baulich mitschwingt. Das Klösterliche im Zusammenleben zeigt sich auch darin, dass alles seinen Ort hat. Wir haben einen Tages-, Wochen- und Jahresablauf. Es gibt Zeiten, die auf Gemeinschaft ausgerichtet sind, und Zeiten, in denen ich mich zurückziehen kann. Es gibt feste Zeiten für Stille und Gebet, für das Göttliche. Das wird auch räumlich klar: Es gibt den Chor in der Kirche, wo wir beten, das Refektorium, wo wir essen, Arbeitsräume wie die Küche. Verändert hat sich gegenüber der klösterlichen Tradition, dass wir studioähnliche Wohneinheiten eingebaut haben, wo die Mitglieder der Kerngemeinschaft sich als Familie oder Einzelpersonen zurückziehen können. Diese Wohnform erlaubt uns eine hohe Präsenz im Zusammenleben mit den Gästen. Und in allem schwingt das Göttliche mit.

NW: Die Projekte Sonnenhügel und Schrägwinkel wurden aus bestehenden Liegenschaften heraus entwickelt. Claudia Thiesen, Sie sind seit Jahren an verschiedenen Projekten von Baugenossenschaften beteiligt. Kann solidarisches Zusammenleben baulich geplant werden?

CT: Ich versuche, die Bedürfnisse der Genossenschaften und ihrer Mitglieder so zu formu­lieren, dass die Planenden sie gut räumlich umsetzen können und die Architektur einen Beitrag zum Gelingen des Projekts leistet. Wie kann ich gemeinschaftlich wohnen und neben dem Wohnprojekt vielen anderen Bedürfnissen und Themen nachgehen? Aus diesen Überlegungen hat sich die Wohnform der Clusterwohnungen gebildet. Ich wohne selber auch so. Die Clusterwohnung erweitert den persönlichen Bereich des eigenen Zimmers um ein Bad, vielleicht ein weiteres Zimmer und eine Art Vorbereich, eine Schwelle zu den Gemeinschaftsräumen. Küche und Gemeinschaftsflächen werden geteilt. Es ist eine bauliche Überlegung: Wie kann die Lebensform Grosshaushalt mit weniger Konflikten funktionieren und die Bedürfnisse der Bewohnenden besser befriedigen?

SB: Ein bauliches Element, das sich bewährt hat, ist eine gute Schallisolation und ein Hallschutz in den grösseren Räumen.

CT: Oft drehen sich Diskussionen über Wohnformen stark um das Bauliche. Auch bei Forschungsprojekten wird in der Regel der Grundriss studiert, aber selten werden die Leute nach ihrem Zusammenleben befragt. Im Zürcher Projekt Hunziker Areal der Genossenschaft «Mehr als Wohnen» gibt es zehn baulich identische Wohnungen. Die Gruppen, die sie bewohnen – zwischen sieben und zwölf Personen – funktionieren aber sehr unterschiedlich. Das Bauliche ermöglicht Dinge, aber die Bewohnenden treffen doch die Entscheidungen. – Es wird oft viel Engagement für das Wohnprojekt erwartet. Das ist mir zu eng, es fehlt mir manchmal der Blick nach aussen.

NW: Es ginge also um eine Erweiterung der Idee von solidarischem Wohnen auf Solidarität in der Gesellschaft?

CT: Das ist eigentlich fast das Wichtigere, genau. Es ist ja schön, wenn Gruppen es gut haben und Solidarität leben. Aber Gesellschaft verändert man in erster Linie dadurch, dass man nach aussen geht und diese Ideen weiterträgt.

SB: Diese Frage bewegt uns immer wieder: Inwieweit schaffen wir uns eine Insel des Glücks, auf die wir uns zurückziehen und in die wir sehr viel Energie stecken, oder inwieweit haben wir eine gesellschaftliche Ausstrahlung? Als wir das Projekt gründeten, waren wir als Einzelpersonen zwar aktiv in politischen Gruppen zu Migration, Klima oder Feminismus, es gab aber kaum Auseinandersetzung mit dem Dorf, in dem wir leben. In den letzten Jahren haben wir uns dort vermehrt vernetzt, einerseits über die Kinder, andererseits über konkretes Engagement in der Gemeinde. Eine tolle Erfahrung war für mich die Vorbereitung auf den Frauenstreik 2019. Es ist gelungen, zusammen mit Frauen mit ganz unterschiedlichen Biografien und Lebenssituationen ein Fest auf die Beine zu stellen und für den Frauenstreik zu mobilisieren.

LFS: Mit den temporären Gästen ist das bei uns etwas anders. Die halbe Welt kommt zu uns zu Besuch – ich brauche das Haus nicht zu verlassen. Das ist auch eine Gefahr. Beim Umbauprojekt war es ein Thema, ob wir ein Gästecafé für die Leute aus dem Dorf einrichten. Wir verwarfen die Idee, wir wollen ein Rückzugsort sein und brauchen die Ruhe, den Schutzraum für unsere Gäste. Damit wir aber nicht die Freaks oder die Sekte sind, die jetzt ein Kloster bewohnt, müssen wir im Dorf aktiv sein, sei es als Lektorin in der Pfarrei oder in einem Verein.

CT: Alle reden immer von sozialer Durchmischung. Wenn man aber genauer hinschaut, sind viele Projekte doch sehr homogen punkto Bildungshintergrund und Positionen. Ich schätze es sehr, dass ich dort, wo ich wohne, auch mit Menschen in Kontakt komme, mit denen ich sonst im Alltag wenig zu tun habe. Das macht für mich Stadt oder überhaupt menschliches Zusammenleben aus. Sicherlich nerven wir uns ab und zu gegenseitig, aber es ist wichtig, dass es diese unausgesuchten Nachbarschaften gibt.

NW: Wie lässt sich so etwas planen? Wie kommen heterogenere Gemeinschaften zustande?

CT: Das hat mit Kommunikation nach aussen zu tun. Viele Projekte haben grosse Netzwerke und werden mit viel Partizipation entwickelt. Das ist zwar gut, aber man spricht hauptsächlich die eigenen Kreise an. Es ist wichtig, schon in diesen Prozessen beispielsweise über Institutionen oder Vertretungen andere Bedürfnisse einzubeziehen, andere Stimmen zu hören. Dazu kommt die Frage der Vermietung: Wie offen werden Wohnungen vergeben?

SB: Unterschiedlichkeit auszuhalten, ist herausfordernd. Wir haben den Anspruch, Räume für Menschen in prekären Situationen bereitzuhalten. Das bedeutet, sorgsam mit unseren Möglichkeiten und Grenzen umzugehen. Wenn jemand ganz andere Bedürfnisse oder einen ganz anderen Rhythmus hat, ist das nicht immer einfach. Es interessiert mich, wie ihr im Sonnenhügel zu euch selbst Sorge tragt.

LFS: Als Gemeinschaft, die von ihrer Herkunft her in einem kirchlichen Kontext steht, sind wir sicher etwas in der Gefahr, uns mit einem Ideal von christlicher Nächstenliebe für andere «aufzuopfern». Auch von unseren Persönlichkeiten her neigen wir vermutlich dazu. Da wir zu grossen Teilen von Spendengeldern leben, ist es nicht einfach, sich auch mal etwas zu gönnen, beispielsweise ein gemeinsames Abendessen nach der jährlichen Retraite. Natürlich ist unsere Gemeinschaft kein Selbstzweck, sondern wir haben uns den diakonischen Auftrag gegeben, mit Menschen in Krisen zu leben. Trotzdem haben wir als Kerngemeinschaft einen Selbstwert. Wenn wir nicht Sorge tragen zu uns, können wir diesen Auftrag nicht ausführen.

CT: Was wäre, wenn mehrere alte Menschen bei uns pflegebedürftig würden? Wie viel kann eine Gemeinschaft tragen? Was sind die Grenzen, und wie handelt man sie aus?

NW: Diese Sorgearbeit ist geschlechtsspezifisch: Frauen bewältigen den grossen Teil der unsichtbaren und unbezahlten Reproduktionsarbeit. Was macht solidarisches Wohnen mit den Geschlechterverhältnissen
der Beteiligten? Wie gestaltet ihr diese?

CT: Interessanterweise haben wir dazu wenig Diskussionen. Mir fällt aber auf, dass die Rollen in meinem Wohnkontext fairer verteilt sind als in meinem weiteren Umfeld. Wir wohnen ja nicht in konventionellen Zusammenhängen. Die Fragen von Kinderbetreuung und Hausarbeit werden anders diskutiert und gelebt. Das ist umgekehrt auch ein Effekt solcher Wohnformen: Sie sind durchlässiger. Wir bewohnen eine grosse Wohnung mit Kindern, andere Kinder im Haus kommen gerne zu uns, weil hier Platz ist. Dabei sehen sie Formen des Zusammenlebens, die sie nicht kennen.

SB: Ich finde es wichtig, dass Kinder in einer solchen Gruppe verschiedene Formen des Zusammenlebens kennenlernen: queere Paarmodelle, verschiedene Möglichkeiten von Frausein, Mannsein, neue Ideen des Zusammenseins. Arbeit und Geld zu teilen, bricht viel auf: Arbeit und Löhne sind geschlechtsspezifisch. Deshalb steckt in der klassischen Organisation von Familie, Vater-Mutter-Kind, eine Menge Macht und Abhängigkeit. Eine kollektive, solidarische Form schafft neue Möglichkeiten. Gleichzeitig sind wir geprägt von Rollenmustern. Gerade haben wir an einer Haussitzung diskutiert, ob wir bei Mädchen und Jungs punkto Mithilfe im Haushalt wirklich die gleichen Anforderungen stellen. Und mir fällt auf, dass das Thema Bauen bei uns eher männlich besetzt ist. Es hat viel Sichtbarkeit und grosses Gewicht. Die Arbeit, die geleistet wird, um Beziehungen zu pflegen, ist viel unsichtbarer.

LFS: Ich bin in der Kerngemeinschaft der einzige Mann, und auch die Gäste sind zu zwei Dritteln Frauen. Ich muss keinen Hehl daraus machen, dass wir manche Arbeiten ganz klassisch entlang der Genderlinien aufgeteilt haben. Ich mache Öffentlichkeitsarbeit und werde dadurch stärker wahrgenommen. Inwiefern sollen wir solche Aufteilungen aufbrechen, wenn die Begabungen so verteilt sind, wie sie verteilt sind? Und inwiefern sind Begabungen so verteilt, weil sie durch Macht und Rollenbilder so geprägt wurden? Es ist unsere Aufgabe, alle Arbeiten in der Gemeinschaft sichtbar zu machen. Dankbarkeit und Wertschätzung zu pflegen, ist auch eine Frage von Kultur.
CT In alternativen Projekten etabliert sich schnell eine Motz-Kultur, ist mein Eindruck. Eine Kultur der Wertschätzung und Dankbarkeit ist schwierig aufrechtzuerhalten.

LFS: Im Zusammenhang mit Menschen, die wirklich mit ihren Grenzen konfrontiert sind, ist Motzen respektlos. Es ist uns wichtig, dass die Menschen bei uns die Erfahrung machen dürfen: Ich bin angenommen, wie ich bin.

NW: Derzeit scheint in rot-grünen Städten in
der Schweiz viel Einklang rund um ge­meinnützigen Wohnungsbau zu bestehen. Stimmt dieser erste Eindruck wirklich? Wo gibt es tiefer liegende Widersprüche? Welche politischen Auseinandersetzungen rund um das Wohnen kommen auf uns zu?

CT: Im Moment werden viel Boden und Immobilien von renditeorientierten Firmen aufgekauft. Wohnen ist zur Ware geworden. Das ist eine Bedrohung. Boden ist ein Grundbedürfnis wie Luft: Wir brauchen ihn zum Leben. Ich sehe auch in allen wunderbaren rot-grünen Stadtregierungen viel zu wenig Anstrengungen, sich mit dieser Frage ernsthaft auseinanderzusetzen. Man kann schon gemeinnützigen Wohnungsbau fördern, aber eigentlich ist Wohnen einfach ein Grundbedürfnis, das abgedeckt sein muss, ohne den Grossteil des Einkommens zu verschlingen. In den Genossenschaften gibt es das Prinzip der Kostenmiete. In vielen europäischen Grossstädten verarmen Menschen oder werden verdrängt. Dieser Diskussion sollte sich die schweizerische Politik stellen. Viele Stadtregierungen sind der Ansicht, dass gemeinnütziger Wohnungsbau zwar Teil der Planung sein muss, aber die Privatwirtschaft den Hauptteil leisten und der Markt das Wohnen regeln soll. Das ist Bullshit. Wohnen ist ein Grundbedürfnis – es darf nicht zur Ware werden und Marktmechanismen folgen.

NW: Perfiderweise sind es oft alternative Projekte, die an Gentrifizierungsprozessen beteiligt sind oder diese befördern. Was können wir für eine am Gemeinwohl orientierte Stadt- oder Dorfentwicklung tun?

CT: Je offener Projekte sind und je niederschwelliger, umso besser stehen die Chancen, dass sie diese Prozesse nicht befördern. Dass in den genossenschaftlichen Wohnprojekten ein Bewusstsein für diese Problematik geschaffen wird, ist wichtig. Wichtiger wäre hingegen, das Ganze anzuschauen. Solange die Systeme so sind, wie sie sind, kann man sich diesen Prozessen nicht völlig entziehen: Man ist Teil der Stadt.

NW: Wie können auch kleine Projekte
eine politische Wirkung entfalten?

SB: Wir können beispielsweise in Bezug auf Rollenbilder etwas bewirken. Wir sorgen für Verblüffung, wenn ein Mitbewohner in der Schule die «Läusetante» ist und eben nicht seine Partnerin. Kleine Dinge haben eine politische Wirkung: dass wir weniger Raum beanspruchen, nur eine Waschmaschine haben oder ein gemeinsames Auto und sonst Fahrrad fahren. Der Konsum der Einzelnen reduziert sich. Und dann ist da eben der Ausgleich der Löhne durch die gemeinsame Ökonomie. Auch wenn das vielleicht nicht die Revolution auslöst …

CT Ich höre an so vielen Orten die Aussage: «Das funktioniert bei uns nicht.» Zu zeigen, dass es eben doch funktioniert, ist ganz wichtig.

LFS: Wir sind ein Stachel im Fleisch: Das Entlebuch ist kein rot-grünes Pflaster und wird es vermutlich so bald auch nicht werden. Da sorgen wir mit unserem in Bezug auf Konsum reduzierten Lebensstil schon manchmal für Irritationen. Am deutlichsten sichtbar werden kleine Veränderungsprozesse aber am Tisch, wenn sich bei uns unterschiedlichste Menschen begegnen, deren Gemeinsamkeit ist, dass sie in einer Krise sind. Draussen würden sich diese Menschen nie begegnen und über Wochen ihren Alltag teilen. Da passiert viel, auch wenn es sich nicht in einem sogenannten Qualitätsmanagement quantifizieren lässt.

○ Susanne Bachmann, *1977, ist Soziologin und Mitglied des Wohnkollektivs Schrägwinkel, das seit 2010 in gemeinsamer Ökonomie in Kehrsatz am Stadtrand von Bern lebt.

○ Lukas Fries-Schmid, *1973, verheiratet und Vater von Zwillingen, hat Theologie und Pastoralpsychologie studiert. Vor über zwanzig Jahren hat er als Zivildienstleistender im Sonnenhügel, dem Haus der Gastfreundschaft in Schüpfheim, begonnen und ist dort – mit Unterbrüchen – hängengeblieben. Diese Gemeinschaft ist der Ort geworden, an dem er in der Tradition der Arbeitergeschwister versucht, Alltag und Glaube bewusst zu verbinden.
sonnenhuegel.org

○ Claudia Thiesen, *1973, entwickelt gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte, ist Expertin für innovative Wohnformen und engagiert sich in zahlreichen Genossenschaften. Zusammen mit sieben Erwachsenen und zwei Kindern bewohnt sie eine Cluster­wohnung im Mehrgene­rationenhaus «Kraftwerk1 Heizenholz» in Zürich.
thiesenwolf.ch

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist in der Ausbildung zur Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com

  • Matthias Hui,

    *1962, ist Co-Redaktionsleiter der Neuen Wege, Theologe und Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation humanrights.ch.