Genug Leben

Geneva Moser, 9. April 2022
Neue Wege 4.22

Eine befreundete Ordensschwester erzählt mir von der Begleitung einer Mitschwester im Sterben. Die über 90-jährige sterbende Mitschwester war eine quirlige, lebenslustige und kluge Frau gewesen, aber nun eine, die bereit war zum Sterben, eine, die sich nach der Ewigkeit sehnte. Sie zu begleiten sei friedlich gewesen, die befreundete Ordensschwester berichtet mit Freude davon. Kurz vor dem Tod habe die Mitschwester sie gefragt: «Sag, habe ich genug gelebt?»

Diese Frage beschäftigt mich. Was bedeutet das: Habe ich genug gelebt? Lebe ich denn «genug»? Die sterbende Ordensfrau sagte nicht: «viel gelebt». Oder «intensiv». Und auch nicht: richtig, recht, korrekt. Sondern: genug. Genug Leben. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Leben nach dem richtigen Mass.

Ich weiss nicht, was die Antwort auf diese Frage war. Aber ich erinnere mich, dass ich, als ich jene alte Ordensfrau vor rund zwanzig Jahren selber kennenlernte, beeindruckt war, wie sehr das Lebensmass für diese Frau zu passen, zu stimmen schien. Selten hatte ich erfülltere, glücklichere und gleichzeitig bescheidenere und zufriedenere Frauen kennengelernt als in jenem Kloster in der Innerschweiz. Sie waren an ihrem Ort angekommen, lebten nach ihrem Mass. Freilich nicht in jeder Sekunde gleichermassen, aber doch grundsätzlich.

Als Jugendliche führte mich meine Faszination für Klosterleben an jenen Ort, wo ich franziskanisch-gastfreundlich aufgenommen wurde. Ich lebte ganz selbstverständlich den Alltag der Schwestern mit – Stundengebet, gemeinsame Mahlzeiten, Garten­arbeit, Tagesschau nach dem Abendessen, Spielnachmittag am Sonntag –, auch wenn (zumindest für die Schwestern) klar war, dass ich in meinem Alter noch keine ernsthafte Kandidatin für einen Klostereintritt war. Selbstsicher und einigermassen altklug wähnte ich mich bereits als Ordensfrau, trug den Schwestern gleich ­braune Kleidung und schrieb romantische Texte über die Ehelosigkeit, von der ich selbstverständlich keinen blassen Schimmer hatte. Die Schwestern lächelten milde – und nahmen meine bohrenden religiösen Fragen ernst.

Wenn ich die Gemeinschaft heute besuche, dann ist die Gastfreundschaft von damals nicht gewichen. Die Gemeinschaft ist aber kleiner geworden, älter, und ringt um eine sinnerfüllte, lebendige Zukunft. Wir diskutieren über die Klimakrise, über Geschlechtergerechtigkeit. Und wir schweigen und beten gemeinsam.

Mein Besuch bei der befreundeten Ordensschwester und der Klostergemeinschaft hat einen Anlass, einen Grund zum Feiern: Ich beginne selbst bald das Postulat, also die erste ­Phase der klösterlichen Kennenlern- und Ausbildungszeit, in einer Benediktinerinnenabtei in Deutschland. Die bohrenden religiösen Fragen von damals sind geblieben. Dazu kamen freilich auch eine Menge gesellschafts- und kirchenpolitische. Aber ­geblieben ist auch die Sehnsucht. Sr. Sabine Lustenberger, die befreundete Ordensschwester, die inzwischen mit der Leitung der Klostergemeinschaft in der Innerschweiz betraut ist, spricht über diese Sehnsucht so: «Berufung ist […] nicht etwas, das einen Menschen auf eine bestimmte Lebensweise festlegt. Es ist auch nicht die ‹Stimme von oben›, die einem mitteilt, dass das Leben als Ordensfrau die richtige Wahl ist. Es ist vielmehr die Sehnsucht, die uns auf den Weg ins Ordensleben gerufen hat […]. Die Sehnsucht nach ‹mehr› Leben, die Sehnsucht als ein Hören und Antworten auf die leise, rufende Stimme im Herzen.»

Sr. Sabine Lustenbergers Per­spektive gefällt mir. So verstanden ist Sehnsucht etwas, was Menschen – ob Ordensleute oder nicht – in erster Linie tun. Ganz konkret und aktiv: hören und antworten.

Hören und antworten sind auch zentrale Motive in der ­Regel des heiligen Benedikts. Benedikt gilt in seiner Spiritualität als Meister des richtigen Masses, des Masshaltens. Weder zu viel ­Strenge, Essen oder Stille noch zu wenig Wein, Gemeinschaft oder Arbeiten soll das benediktinische Leben beinhalten. Welches Mass ist mir bemessen? Und: Was ist G’ttes1 Mass für mein Leben? Was ist mein ganz alltägliches «Genug»?

Der heilige Benedikt stellt seiner Regel einen Prolog ­voran, indem er einen biblischen Psalm zitierend fragt: «Wer ist der Mensch, der das Leben liebt und gute Tage zu sehen wünscht? Wenn du das hörst und antwortest: Ich […].» Hören und antworten geschieht ihm zufolge aus ­Liebe zum Leben, aus dem Wunsch, gute Tage zu ­sehen, «genug» zu leben.

  1. G’tt, G:tt oder G*tt sind Schreibweisen, die anzeigen, dass das, was wir als «Gott» bezeichnen, mit menschlicher Sprache nicht erfasst werden kann.

Geneva Moser behält die Co-Redaktionsleitung der Neuen Wege auch nach ihrem Kloster­eintritt im März 2022 bei.

  • Geneva Moser,

    *1988, studierte literarisches Schreiben, Geschlechterforschung und Philosophie an der Kunsthochschule Bern und der Universität Basel. Sie ist Tanztherapeutin, schreibt freiberuflich und ist Co-Leitung der Neue Wege-Redaktion.
    www.genevamoser.com