18. Dezember 2021

Wunder

Die Unsicht­baren: Tradi­tionen von Frauen in Graubünden

Silke Margherita Redolfi, 9. April 2022
Neue Wege 4.22

Klassisches Brauchtum ist auch in Graubünden oft von Männern geprägt. Frauentraditionen müssen in der Alltagsgeschichte, in einer spezifischen Vereins­kultur oder im Kampf um das Stimmrecht erkundet werden. Und es gibt weit zurückreichende Spuren volkskirchlicher und vorchrist­licher Spiritualität von Frauen.

Was sind Frauentraditionen in Graubünden? Konsultieren wir die einschlägigen Quellen wie den Dicziunari Rumantsch Grischun, das rätoromanische Sprachwörterbuch, oder die zahlreichen Abhandlungen über Bräuche und Traditionen, werden wir kaum fündig. Denn das Brauchtum im klassischen Sinn, wie Neujahrs-, Fastnachts- oder Freizeitbräuche, ist männlich konnotiert. Frauen spielen hier – wenn überhaupt – nur eine Nebenrolle. Wer die Frauen als handelnde und gestaltende Subjekte im Bereich von Überlieferungen sucht, muss tief in die Quellen eintauchen.

Führen wir uns zunächst die Lebensumstände in Graubünden bis in die 1950er Jahre vor Augen. Betrachten wir etwa das 2019 erschienene Schamserbuch – Cudesch da Schons1 mit zahlreichen historischen Bildern von Familien und Menschen aus dem Ende des 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts im abgelegenen Tal, fällt auf, dass viele der Fotografien Männer bei der Arbeit zeigen. Sie sind beim Bau von Brücken, Kirchen, Häusern, beim Mähen, beim Führen der Molke mit schweren Packschlitten von der Alp zu sehen oder posieren als stolze Flintenträger im Jagdverein, als Redner in der Politik oder als dynamische Feuerwehrtruppe. Die Frauen hingegen zeigen sich im Familienkreis oft verschämt und zurückhaltend als Mitarbeiterinnen in der Landwirtschaft, etwa bei der Heuernte, natürlich bei Hochzeiten und Taufen oder bei rollentypischen Tätigkeiten wie dem Waschen. Eine von ihnen fällt aus der Reihe: Die Hosen tragende, in stolzer Geste dastehende selbstbewusste Tina Godly-­Frigg aus Mathon ist die weibliche Ausnahmeerscheinung im Reigen der Patriarchen und der meist scheu in die Kamera blickenden Frauen­figuren mit langen Kleidern, Schürzen und Kopftüchern.

Die Auswahl der Bilder richtet sich nach den von den Autoren gesetzten Themen, ist aber auch durch die Überlieferung bestimmt. Dennoch können wir hieraus entwickeln, welch bedeutende und selbstbewusste Stellung die Männer in dieser dörflichen Gesellschaft einnahmen und wie sie – bedingt durch die Arbeiten, die sie ausführten – den Alltag dominierten und gestalteten. In den bis in die 1960er Jahre teilweise mausbeinarmen Regionen Graubündens mit fehlenden Bildungsstätten und Berufsmöglichkeiten besonders für Frauen war die Hierarchie zwischen den Geschlechtern in Stein gemeisselt. Selbstverständlich gab es im dörflichen Gefüge Ausnahmen: Frauen, die als Näh- oder Arbeitslehrerinnen, Schneiderinnen, Hebammen, Wirtinnen oder später auch als Lehrerinnen eine eigene gesellschaftliche Position einnahmen. Ihnen gelang bisweilen sogar der Ausstieg aus dem Hamsterrad der Ehe und der nicht enden wollenden Schwanger­schaften, die den weiblichen Körper aussaugten und erschöpften.

Rituale des Alltags

Wenn wir nun die Elemente der weiblichen Tradition und des weiblichen kulturellen Erbes fassen wollen, ergeben sich quellentypische Schwierigkeiten. Es fehlen Zeugnisse zur frauenspezifischen Alltagskultur. Das Frauen­kulturarchiv Graubünden hat die Aufgabe übernommen, solche Zeugnisse in schriftlicher, bildlicher und materieller Form zu sammeln und Frauen und Männer mit speziellen Biografiekursen dazu anzuregen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Darüber hinaus bemühen wir uns, Interviews mit Frauen der älteren Generation zu führen, um deren Lebenszusammenhänge sichtbar zu machen. In den letzten Jahren sind dank einer gestiegenen Sensibilisierung für die Alltagsgeschichte auch in Graubünden biografische Zeugnisse entstanden, die etwas Licht in die Traditionen von Frauen bringen. Werten wir diese Quellen aus, wird deutlich, dass für die ältere Generation von Frauen der Kreuzstich und der Handarbeitsunterricht, die fahrenden Hauswirtschaftskursleiterinnen in den Dörfern oder die Weberei und Stickerei im Winter zu den traditionellen Pfeilern im Lebenszusammenhang gehören. Koch- und Backrezepte sowie das Wissen um die auf das Anlegen von Vorräten ausgerichtete Verarbeitung von Nahrungsmitteln wurden von Frauenvereinen oder Führungspersonen in der hauswirtschaftlichen Ausbildung auch in Buchform herausgegeben. Als typisches Beispiel dieser Regionalküche darf das 2015 erschienene Rezeptbuch La nossa storia. Rezepte und Traditionen für 90 Jahre «Frauenverein Bergell Sottoporta»2 gelten, das die Geschichte des Frauenvereins mit den historischen Food­künsten der Bergellerinnen kombiniert. Was dieses Buch besonders macht, sind die Einblicke in die Fertigkeiten rund um die Herstellung von Nahrungsmitteln, besonders natürlich der Verarbeitung von Kastanien. Aber auch wie die Wäsche am Dorfbrunnen zu waschen, die Wolle zu spinnen und der Flachs zu brechen ist, war Teil des weiblichen Kulturguts der Dörfer. Entsprechend häufig erhält das Frauenkulturarchiv in Chur Relikte dieser kunstvollen Fleissarbeiten inklusive deren Geschichten.

Die 1933 in Lantsch/Lenz geborene Marietta Balzer-Caspar erinnert sich in ihren biografischen Erzählungen Wo Himmel und Erde sich berühren3 an diese Frauenrituale im Dorf, etwa das Backen und Waschen in den Pasterners, den heute noch zu besichtigenden Back- und Waschhäusern. In der selbst hergestellten Aschenlauge kochten die Frauen die Weisswäsche im Kupferkessel über der Feuerstelle, um sie danach am Brunnen zu spülen – ein «Kraftakt», wie Balzer schreibt. Involviert waren auch die Kinder und zusätzliche Helferinnen, denn die nasse Wäsche «hin- und herzuschwenken» und zum «Auswringen zu einer grossen ‹Wurst› zu drehen» ging nur zu zweit. Zu diesem monatlichen Ritual gehörte auch das etwas üppigere Mittagessen gemeinsam mit der ortsansässigen Störwäscherin Marioschla, die zusätzlich zu ihrem Lohn einen «Zvieri» erhielt. «Rituale wie der Waschtag im Dorf wecken in mir nach so langer Zeit nostalgische Gefühle. Wie auch der Gemeinschaftssinn, den ich als Kind in unserem armen Bauerndorf im Albulatal spürte. Wo ist er geblieben, nachdem der Ort zu einer florierenden Tourismusdestination umfunktioniert wurde?», sinniert sie.

Im Verein sichtbarer werden

Ein weiterer Strang der traditionellen Lebensweisen eröffnet sich – dieses Mal schichtübergreifend – im Vereinswesen. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts – etwa 1844 in Bergün – formierten sich um die Pfarrer und Pfarrfrauen Frauenvereine, die Arme, Wöchnerinnen oder Kranke betreuten, Liebesgaben verteilten oder religiös ausgerichtet waren. So gab es beispielsweise um 1900 in Ilanz einen «Hülfs- und Besuchsverein», der Geld und Lebensmittel ausgab, einen evangelischen Mädchenverein, eine katholische Jungfrauenkongregation, einen evangelischen Armen- und Frauenverein und einen katholischen Frauen- und Mütterverein.4 Dieses Engagement der Frauen war nicht nur ein unverzichtbares Element des örtlichen Sozialwesens, sondern auch ein Brennpunkt der Geselligkeit und gesellschaftlichen Partizipation der Frauen vor 1971.

Das Erbe dieser sich in der Auflösung befindenden weiblichen Vereinskultur ist im Frauen­kulturarchiv Graubünden vielfältig dokumentiert. Als jüngstes Beispiel sei der Bestand der PRO FILIA Graubünden erwähnt, die sich 1902 unter dem Namen Mädchenschutzverein gegründet hatte und über Jahre mit ansehnlichen Investitionen in Liegenschaften und Unternehmungen ein Netz von Hilfsaktivitäten aufbaute. Die bischöflich begleitete Frauen­organisation entwickelte Wohnangebote für alleinstehende Frauen, führte eine Stellenvermittlung und die Bahnhofhilfe. Der Schutz­gedanke verband sich hier mit dem katholischen Auftrag der Nächstenliebe und der Betreuung der Kirchenmitglieder, wenn sie aus dem örtlichen Familienverband austraten. Denn nicht alle jungen Frauen konnten heiraten oder fanden als Arbeitskräfte oder Altenbetreuerinnen auf dem Hof einen Platz. Was blieb, war die Auswanderung, um als Mägde und Köchinnen, als Servicepersonal oder Zimmermädchen in der aufstrebenden Bündner Hotellerie fremdes Brot zu essen.

Gebrochener politischer Traditionsstrang

Den Frauen aus gehobenen Schichten war der Weg als Erzieherinnen, Gesellschafts­damen oder Lehrerinnen in den noblen Häusern Europas vorbehalten. Diese Erfahrung machte auch eine der bekanntesten Bündnerinnen aus dem Ende des 19. Jahrhunderts: die Aristokratin Meta von Salis-Marschlins (1855–1929). Um das patriarchale Familienumfeld auf Schloss Marschlins hinter sich zu lassen und finan­ziell unabhängig zu werden, arbeitete sie einige Zeit als Gouvernante bei Würzburg. Sie, die als weibliche Ausnahmeerscheinung ein im Rahmen der damaligen Möglichkeiten für intellektuelle Frauen relativ selbstbestimmtes Leben führte, durchlitt vorab jedoch wie viele ihrer aristokratischen Kolleginnen die übliche stählende Mädchenerziehung in einem Pensio­nat.5 Ihre Leistung, 1887 als erste Frau in der Schweiz öffentlich für das Frauenstimmrecht zu sprechen und die Debatte zu suchen, kann aus der Sicht der damaligen Zeit gar nicht hoch genug gewertet werden – auch wenn völkische Ideen aus heutiger Sicht dunkle Flecken im ­Palmarès der ersten promovierten Historikerin der Schweiz hinterlassen haben.

An die Tradition der weiblichen politischen Auseinandersetzung knüpften die Bündnerinnen jedoch erst wieder in den 1960er Jahren anlässlich des Frauenstimmrechtskampfes an. Zwar ergaben sich an der Wende zum 20. Jahrhundert wie in der übrigen Schweiz einige hoffnungsvolle Ansatzpunkte für Stimmrechtsinitiativen, etwa in der 1899 gegründeten Churer Sektion des Gemeinnützigen Frauenvereins. Doch in der Krise der Zwischenkriegszeit verebbten die Stimmrechtspostulate und emanzipatorischen Bestrebungen mehr und mehr. Der Ruf von Eva Nadig (1871–1961), der Schwester der Pazifistin Clara Ragaz-Nadig, die «Frauen­frage vorurteilsfrei zu prüfen» und den Mut zu entwickeln, «unsere eigene Meinung zu vertreten, auch dann, wenn sie abweichen sollte von althergebrachten Sitten und Gebräuchen»6, blieb unerhört. Auf dürren Boden fiel letztlich auch das Ideal der Gründerin der Jungen Bündnerinnen, Elsa Buol (1892–1920), einer weiteren Lichtgestalt im Bündner Vereins­wesen. Sie wollte die Frauen aus dem dörflichen Umfeld mit zukunftsträchtigen Bildungs- und Gesellschaftsideen für die Moderne und für das Stimmrecht begeistern. Doch von der einst progressiven Vereinsidee blieb nach ihrem frühen Tod bald nicht mehr viel übrig.

Die Fäden der politischen Partizipation nahm Ende der 1960er Jahre die Bündner Frauenzentrale als Dachverband der Frauenorganisationen wieder auf, indem sie zwei Kämpfe für das Frauenstimmrecht ausfocht: 1971 auf eidgenössischer und 1972 auf kantonaler Ebene. Nachdem ihre Exponentinnen sich 1968 im Stimmrechtskampf in Chur die Sporen abverdient hatten, wussten die gewieften Expertinnen, wie sie die Männer am Wickel zu packen hatten. Isa Hämmerle-Planta (1922–2012), damalige Präsidentin der Frauenzentrale, marschierte höchstpersönlich zu alt Nationalrat und Bauernpolitiker Christian Bühler nach Flerden, um ihm einen Leserbrief zugunsten des Frauenwahlrechts abzuringen. Wie viel Enthusiasmus und Akribie, Professionalität und schliesslich auch welchen Mut dieser Stimmrechtskampf benötigte, zeigt die Auswertung der im Frauenkulturarchiv deponierten Stimmrechtsdokumente eindrücklich auf. Es erstaunt denn auch kaum, dass die ersten Bündner Grossrätinnen 1973 aus den Reihen der Frauenrechtsvereine und Verbände stammten und sich mit ihrem Engagement und ihrem Netzwerk ihre politische Karriere geebnet hatten. Die Brüche in der weiblichen politischen Tradition und die späte Politisierung wirken bis heute weiter und sind als ein Grund für die mangelnde Beteiligung und Vertretung der Frauen in der Bündner Politik zu sehen.

Spirituelle Vordenkerinnen

Erstaunlich ist, dass die Frauen im Gegenzug zum politischen Aktionsverbot schon ­relativ früh, nämlich 1918, das Stimmrecht in der evangelischen Kirche Graubündens erhielten. Als landläufig kolportierte Legitimation für dieses Zugeständnis diente deren festgestellte grössere Nähe zu Religion und Kirche.7 Damit ergibt sich die Brücke zur Spiritualität und zum Religiösen in den Dörfern, zur religiösen Bildung und Bewegung. Bereits im 17. Jahrhundert wurden hier für uns fassbare Spuren weiblicher Selbstbestimmung gelegt. Zu denken ist an die erste Gelehrte Graubündens, Theologin avant la lettre und eine der ersten Schriftstellerinnen im deutschsprachigen Raum: Hortensia von Salis (1659–1715). Sie setzte sich auf reformatorischem Boden mit Themen des Glaubens auseinander und forderte das Recht der Frauen auf spirituelle Selbstwahrnehmung und die religiöse Unmittelbarkeit ein, das heisst den direkten Zugang der Frauen zur christlichen Lehre. Sie wollte die Gottesmänner daran erinnern, dass die Bibel viele gelehrte Frauen erwähnt, die selbst mit dem Göttlichen in Kontakt treten konnten, also ohne männliche Führung und Anleitung. In ihrer gedruckten und unter ihrem Namen herausgegebenen Hauptschrift Glaubens-Rechenschafft von 1695 verteidigte sie unter anderem ihr Recht, «auch als Frau für ihren Glauben einzutreten», und belegte, biblisch beschlagen, «dass auch das weib­liche Geschlecht an den Segnungen des Bundes Gottes mit den Menschen Anteil habe».8 Die gelehrte Autorin darf als Vorreiterin der Frauen­rechte in Kirche und Gesellschaft gewürdigt werden, blieb aber lange die einzige Frau mit religiöser Stimme in der Öffentlichkeit.

Darüber hinaus lässt sich im Kirchengesang einige Jahre später eine weitere erstaunliche Persönlichkeit finden: die in Scuol geborene Mengia Wieland-Bisaz (1713–1781), die als erste rätoromanische Schriftstellerin gilt und für uns wegen ihres mehrfach aufgelegten und ergänzten Kirchengesangbuchs Ovretta musicala von 1749 von Interesse ist. Die «ausserordentlich gebildete und gelehrte Frau» dichtete schon früh religiöse Freuden- und Trostlieder, die sich durch eine «frische Natürlichkeit und ergreifende Frömmigkeit» auszeichnen und Titel tragen wie O Spiert Soinch nu’m bandunar (O Heiliger Geist, verlass mich nicht) oder Sta sü mia orma chiara (Steh auf, meine liebe Seele).9 Ihre Texte kreisen um Wege zu Gott und Jesus, die sie im Herzen zu spüren bittet. Das Herz, il cor, ist Zentrum ihres Zugangs zum Spirituellen, zum Höheren. In der religiösen Gemeinde, im Gesang strömt die Gnade und Rettung zu den Menschen. Mengia Wieland-­Bisaz installierte mit ihren Melodien und Worten eine Tradition weiblicher Religiosität, die wohl besonders die Frauen zu begeistern vermochte, zumal die heute noch auffindbaren Gesangsbücher der Ovretta allesamt im Besitz von Frauen waren. Wie Hortensia von Salis nahm auch Mengia Wieland-Bisaz bewusst biblische Frauenfiguren als Vorbilder auf, um damit den Raum mit weiblicher Spiritualität zu füllen. Die Früchte dieser Tradition reiften jedoch erst zwei Jahrhunderte später, indem die ersten Bündner Pfarrerinnen Greti Caprez-­Roffler (1906–1994), Yvette Mayer (1926–2001) oder Marguerite Schmid-Altwegg (geb. 1940), die am 6. Juni 1965 ihr Pfarramt in Sta. Maria in der Val Müstair antrat, ihr Recht, als Pfarrerinnen gewählt zu werden, einforderten.10

St. Anna selbdritt, Sontga Margriata, Rätia

In den katholischen Dörfern, etwa in der Surselva, waren die Frauen hingegen lange nur als cantaduras, Sängerinnen, aktiv im Kirchenraum präsent, und dies auch nur bis zur Heirat. Die Vorsängerin war im Lugnez etwa auch die Vorsteherin der Mädchengesellschaft; in Domat/Ems wählte die Mädchen­gesellschaft unter der Leitung des Pfarrers vier bis sechs singaras (erste Sängerinnen), für die in der Kirche eine spezielle Bank reserviert war.12 Besonders bei den Prozessionen nahmen die kirchlich geführten Frauengemeinschaften eine wichtige Rolle ein. Aus den Schilderungen in Brauchtum und Sagen in Bonaduz von Valeria Sievi erfahren wir die näheren Umstände für Bonaduz. Hier trugen sechs Frauen aus der marianischen Kongregation am 26. Juli die St.-Anna-Statue (Anna selbdritt) über die Felder zur geschmückten Kirche. Als «Anna selbdritt» wird die Darstellung der heiligen Anna und ihrer Tochter Maria mit dem Jesuskind bezeichnet. Die heilige Anna erfuhr seit dem Mittelalter und besonders seit der Einführung des Gedenktages 1481 grosse Beliebtheit. Zahlreiche Kapellen, Altäre, Statuen und Wallfahrtsorte zeugen von ihrer wichtigen Stellung in der Volksfrömmigkeit. Als Schutzpatronin von Zünften und dem Gewerbe hatte die seit dem 6. Jahrhundert als Mutter Mariens verehrte Anna auch für die Frauen eine grosse Bedeutung. Sie wurde bei Unfruchtbarkeit angerufen. Anna selbdritt verankert die weibliche Generationenfolge im Glauben und gibt der Beziehung der Mütter zu Jesus eine Stimme.

Die blumenbekränzten Trägerinnen in Bonaduz waren als Dienerinnen kenntlich uniformiert: Sie kleideten sich in Schwarz mit weisser Schürze, weissen Handschuhen und einem seidenen, bisweilen bestickten Schultertuch, das «bei alten Familien für diesen Tag ausgeborgt wurde»13. Das seidene Schultertuch ist eine weitere Tradition im textilen Bereich, diesmal im religiösen Kontext der Volksfrömmigkeit. Interessant ist, dass der Tag der heiligen Anna, der 26. Juli, in den Beginn der sommerlichen Hundstage fällt, die durch den Aufgang des «Hundssterns», des Sirius, bestimmt sind. Sirius hingegen ist auch der Leitstern der grossen orientalischen Göttin Astarte und der ägyptischen Isis.

Dies leitet über zu der weit wilder sich präsentierenden, der ungezähmten Erde näher stehenden St. Margaretha in der Canzun de sontga Margriata, dem St.-Margaretha-Lied, das von Bäuerinnen in der Surselva bei der Feld­arbeit gesungen wurde. Das ins frühe Mittelalter zurückreichende rätoromanische Sprachdenkmal ist eine Ode an die Wilde und Weise, die Urmutter und alte Göttin der Fruchtbarkeit. Als Mann verkleidet arbeitete St. Margaretha sieben Sommer auf der blühenden Alp, bis sie, verraten und entblösst, das Land verlässt und die Felder und Wiesen vertrocknen. Die Bäuerin singt: «O ti, o ti fontaunetta, sche jeu mond ir naven sche vegnas lu schigiar si! E la fontauna ei schigiada si» (O du Brünnlein, wenn ich gehe, so wirst du gewiss vertrocknen! Und vertrocknet ist das Brünnlein).14 Das urtümliche Lied führt in die Welt der Sagen und Märchen und der stillen Zeugen früherer Frauenweisheit, die sich vor den Kräften der Natur verneigt, anstatt sie zu verformen und zu verneinen.

Vergessen wir in diesem Zusammenhang nicht, dass Graubünden auch den Namen Rätien trägt. Dieser fusst in der damaligen römischen Provinz Rätia (Raetia prima), benannt nach dem keltischen Stamm der Rätier und bis heute erhalten geblieben zum Beispiel in «Rhätische Bahn». Reitia oder Raetia war die Göttin der Rätier. Sie wurde als Geburtsgöttin und Heilerin verehrt. Oft auf einem Thron, umgeben von Tieren dargestellt, trug sie einen Schleier und hielt den Schlüssel des Schicksals in der Hand. Es ist die Göttin des Lebens, wie sie immer wieder als Weisse Frau in den Sagen auftaucht und als grosse Göttin in der Landschaft zu finden ist. In der Kunst zeigt sich dies in Spiralen und Motiven des Lebens und der Fruchtbarkeit, wie sie in den Kreuzstickereien der Bündner Tradition überliefert sind. Diese uralten Ornamente schliessen den Kreis weiblich-spiritueller Erfahrungen in aller Stille. Sie leben auf Taufkissen und Trachten weiter, sind in Küchenausstattungen und Alltagstextilien präsent und verbinden uns heute noch mit der Lebensader archaischer Zeit.

Im «Tal des Lichts», dem Lugnez, lebt und arbeitet die Jagdaufseherin, Jägerin und Räucher­fachfrau Pirmina Caminada, die in der Tradition ihrer Vorfahrinnen mit selbst gesammelten Kräutern und Pflanzen Räucherungen und Haussegnungen ausübt. Caminada nennt dies eine Tradition der Frauen ihrer Familie. Für das Südtirol hat Margareta Fuchs in ihren Studien Von wilden und weisen Frauen15 und Was Blumen erzählen das Wissen um ­Kräuter, Heilung, Segnungen und ihre Bezüge zu Göttinnen und Frauenheiligen gesammelt und damit auch die Verbindung zur weiblichen vorchristlichen Welt hergestellt.

Die Suche nach Traditionen von Frauen im alpinen Raum ist noch lange nicht abgeschlossen. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für diese Lücke in der Geschichte und im Wissen um das kulturelle Erbe der Frauen jedoch stark geschärft worden. Das Frauenkultur­archiv Graubünden steht als Institution für diese Erinnerungsarbeit ein.

  1. Cuminànza Culturala Val Schons 2019.

  2. Società Femminile Bregaglia Sottoporta (Hrsg.):
    La nossa storia. Rezepte und Traditionen für 90 Jahre «Frauenverein Bergell Sottoporta». Meilen 2015.

  3. Eigenverlag, Haldenstein 2020. Zitate auf S. 72–74.

  4. Silke Redolfi: Ilanz im 19. und 20. Jahrhundert.
    In: Ilanzer Stadtgeschichte. Ilanz 2015, S. 279.

  5. Bettina Volland: Der lange Kampf. In: Silvia Hofmann et al. (Hrsg.): frauenRecht. Beiträge zur Frauen- und Geschlechtergeschichte Graubündens, Bd.1. Zürich 2003, S. 74–78.

  6. Ebd. S. 78–79.

  7. Ebd. S. 160.

  8. Brigitte Danuser-Leitinger: Hortensia Gugelberg von Moos, geb. von Salis (1659–1715). Schriftstellerin
    und Gelehrte aus Maienfeld.
    In: Jan-Andrea Bernhard, Judith Engeler (Hrsg.): «Dass das Blut der heiligen Wunden mich durchgehet alle Stunden». Frauen und ihre Lektüre im Pietismus. Zürich 2019, S. 89.

  9. Jan-Andrea Bernhard: Mengia Wieland-Bisaz
    (1713–1781). Die erste rätoromanische Schriftstellerin.
    In: Jan-Andrea Bernhard, Judith Engeler (Hrsg.): «Dass das Blut der heiligen Wunden mich durchgehet alle Stunden». Frauen und ihre Lektüre im Pietismus. Zürich 2019, S. 137–151.

  10. Frauenkulturarchiv Graubünden, Biografisches Archiv.

  11. Dicziunari Rumantsch Grischun, Stichwort Chantadur.

  12. Valeria Sievi: Brauchtum und Sagen in Bonaduz. ­Bonaduz 1990, S. 9–10. Mit Bild.

  13. Christian Caminada: Die verzauberten Täler.
    Die urgeschichtlichen Kulte und Bräuche im alten ­Rätien.
    Olten / Freiburg i. Br. 1961, Reprint
    Disentis 1992, S. 269–280.

  14. Margareta Fuchs und Veronika Krapf: Von ­wilden &
    weisen Frauen. 150 geheimnisvolle Frauen-Sagen
    aus Tirol.
    Innsbruck 2009. Sowie: Margareta Fuchs:
    Was Blumen erzählen. Sagen aus der Pflanzenwelt. Bozen 2018.

Das Frauenkulturarchiv Graubünden wurde 1997 von Silvia Hofmann und Silke Margherita Redolfi gegründet. Es rettet und erforscht die Schätze der Frauenkultur in Graubünden.

  • Silke Margherita Redolfi,

    *1964, ist freischaffende Historikerin, Autorin und Archivarin. Sie leitet das Frauenkulturarchiv Graubünden und lebt in Masein.