Dekreativ werden

Simone Horstmann, 4. Oktober 2021
Neue Wege 10.21

Der Mensch als Mittelpunkt der Schöpfung? Aktuelle Umwelt­katastrophen zeigen: Die Theologie muss dringend Abschied vom «Schöpfungsreflex» nehmen. Denn dieser hilft Gewalt an Tieren zu verschleiern und zu normalisieren.

Im Juli dieses Jahres wurden ganze Ortschaften in Teilen Deutschlands, Belgiens und der Niederlande von den hereinbrechenden Wassermassen der Sturzregenfälle davongespült. Eine trübe Masse aus Wasser, Schlamm und Geröll zog mit vollkommener Gleichgültigkeit Schneisen durch ganze Landschaften und einzelne Leben. Viele sahen sich einer Natur gegenüber, von der die Theologie lieber schweigt. Quasi über Nacht schien das so heimelig vertraute, bunte Bild der Schöpfung, das nicht selten als schöne Kulisse für das Leben und Wirken des Menschen verstanden und auch theologisch verkündet wurde, gegen eine Ruinenlandschaft ausgetauscht worden zu sein. Was blieb, war die irritierend urtümliche Erfahrung einer Feindschaft zwischen Welt und Menschen, die schiere Wut über die eigene Unfähigkeit, die Situation umfassend verstehen oder gar ordnen zu können, die Verzweiflung darüber, mit welcher Beliebigkeit das eigene Leben hinweggewischt, als unbedeutend beurteilt und verworfen wird. Für den französisch-algerischen Schriftsteller Albert Camus spiegelt sich darin die Erfahrung einer ursprünglichen Feindseligkeit, mit der «die Natur oder eine Landschaft uns verneinen kann»1. Auch die Rhetorik von der Rache nehmenden Natur, die die Hybris des Menschen nicht länger dulde, gibt zwar vor, die Natur als Akteurin ernst zu nehmen. Aber auch sie trägt die Signatur einer fatalen Anthropozentrik, also einer Sichtweise, die den Menschen absolut ins Zentrum stellt: Das Bild der rachsüchtigen Natur unterstellt dieser intentionales und auch rationales Handeln, es vermenschlicht die Natur. Dieses Narrativ rationalisiert die Erfahrung des Absurden einfach weg. Vor allem aber ist es erneut auf den Menschen gerichtet, der sich als Hauptfigur dieses Narrativs einer ausgiebigen Selbstgeisselung hingibt.

Das Zauberwort «Schöpfung»

Wenn man dennoch die unerhörte Neuartigkeit zugrunde legt, die sich nicht nur in dieser erschütternden Erfahrung, sondern umfassender noch im Phänomen der ökologischen Katastrophe zeigt, dann dürfte die Reflexhaftigkeit überraschen, mit der innerhalb der Theologien darauf reagiert wird. Stets wird mit der grössten Emphase die Rede von der Schöpfung bemüht. Sie gilt ungebrochen als Allheilmittel – vermutlich, weil sie ein ausreichend diffuses Mehr an Ökologie verheisst, das dem Menschen mangels Konkretion nicht wehtut und den Status quo irgendwie retten soll. Tierwohllabel & E-Auto werden es schon richten. Das Zauberwort «Schöpfung» ist die Formel, die den frappanten Mangel an wirklicher, das heisst vor allem: schmerzhafter, sich selbst zurücknehmender Veränderungsbereitschaft immer wieder blumig zu überspielen vermag. Vielleicht ist es gerade dieser Mangel an Taten, der die Theologie zu kompensatorischen Höhenflügen verleitet. So titelte etwa eine Spezialausgabe der Herder Korrespondenz Ende 2020 furios: Verlorenes Paradies – Wie viel Religion die Rettung der Schöpfung braucht. Ich muss gestehen: Diese Ausgabe liegt verkehrt herum auf meinem Schreibtisch, so, dass die Rückseite nach oben zeigt. Ertragen kann ich diesen breitbeinig daherkommenden Retterkomplex kaum noch. Und was hier nicht alles gerettet wird! «Artenvielfalt», «Klimaneutralität», die «innere Haltung» oder gleich: «das grosse Ganze». 

Aber auch von «Mord» ist die Rede, sodass man kurz aufhorcht – regt sich hier vielleicht doch eine Ahnung von den wirklichen Ausmassen des Anthropozäns, von der ungeheuerlichen Brutalität des Menschen angesichts der nichtmenschlichen Wirklichkeit? Leider nein: Denn der Mord, um den es hier geht, bezieht sich einzig auf das Artensterben, nicht aber auf das Sterben eines einzelnen Tiers – dem Begriff wird seine Schlagkraft genommen, sobald der rhetorische Effekt kassiert ist. Mit dem konkreten Tiertod hat der Beitrag dementsprechend wenig Probleme: Es ist lediglich die «aktuelle Situation in den Schlachthöfen», die der Autorin Sorge bereitet, weil dort «weder Mensch noch Tier respektvoll behandelt werden»2. In einem Beitrag, der ein Plädoyer für eine evolutionär begründete Theologie darstellt, wundert sich ein*e kritische*r Leser*in nicht nur über den – so deutlich hinter das Evolutionsparadigma zurückfallenden – Kollektivsingular «Tier». Wesentlich irritierender ist die gedankliche Kreativität, mit der man sich Schlachthöfe offenbar durchaus als Orte gegenseitigen Respekts vorzustellen vermag – kleinere Änderungen vorausgesetzt. Möglich ist das nur, wenn man den – erneut: gänzlich un-evolutionären – «ökologischen Selbstentzug»3 des Menschen voraussetzt, die Tatsache also, dass wir uns als Menschen praktischerweise niemals auf der Seite jener Wesen wiederfinden, die geschlachtet und gegessen werden. Nur unter dieser Prämisse ist die abgründige Normalisierung des Tötens anderer Tiere möglich.

Respektvolles Töten?

Die Erfahrung einer Natur, die uns verneint, die unseren Tod will, ist vielen fremd geworden. Das ist etwas Heilsames und Gutes, zweifellos. Bezeichnenderweise hindert dies aber selbst die Theologien nicht, diesen Schrecken anderen Lebewesen umso heftiger aufzunötigen. Und eben hier liegt die entscheidende Sollbruchstelle, an der sich die Wertigkeit einer Schöpfungstheologie bemisst: eben weil es so einfach ist und nichts kostet, grossspurig die Rettung der Abstrakta – Artenvielfalt, Klima oder des «grossen Ganzen» – zu fordern. Über das «ganz Kleine» möchte man indes nicht sprechen, weil man vom «respektvollen» Töten selbst im unbestreitbaren Bewusstsein von dessen vollkommener Überflüssigkeit nicht lassen will. Denn dafür hat man ja das «Bio-Fleisch» (ein ziemlich absurder begrifflicher Selbstwiderspruch: griechisch bios = Leben).

All das dürfte Grund genug sein, einer Schöpfungstheologie zu misstrauen, die ihre Tödlichkeit derart freizügig unter Beweis stellt. Es ist dieser Schöpfungsreflex, den wir überwinden müssen. Das Problem der klassischen Schöpfungstheologien, das sich selbst in den vermeintlich neuen Entwürfen ungebrochen fortsetzt, ist ihre Bindung an einen naturrechtlichen Rahmen, an Vorstellungen einer fixierten Schöpfungsordnung. Eben diese Ordnung wird im «respektvollen Schlachthaus» verteidigt, an einem Ort theologisch gefärbter, blutroter Biopolitik. In ihr spiegelt sich eine gefährliche, weil ungebrochen anthropozentrische Lesart von Schöpfung, die unter Massgabe der ersehnten Ökologisierung doch nur den Tod, die behauptete Todesnotwendigkeit der anderen Tiere als Herstellungsziel des Menschen beschwört. Das passiert natürlich dezent und mit leisen Tönen, aber trägt doch zur Legitimierung vollkommen unnötiger Gewalt bei.4

Die Rede von der Verbundenheit

Natürlich kann man danach fragen, ob denn die vorliegenden Neuentwürfe einer Schöpfungstheologie nicht vielleicht doch schon ausreichend «anthropodezentrisch» sind und die «scala naturae», jene Vorstellung einer (Nahrungs-)Kette aller Geschöpfe, an deren Ende uneinholbar der Mensch steht, hinter sich gelassen haben. Dieser Eindruck entsteht, wenn man zur Kenntnis nimmt, dass die «scala naturae» heute zumeist von der Vorstellung einer umfassenden Verbundenheit, eines Entanglements abgelöst ist. Grund zur Hoffnung ist das allerdings nicht. Denn ebenso, wie sich bezweifeln lässt, dass die blosse Rede von der Verbundenheit einen realen inhaltlichen Mehrwert besitzt5, fällt auch hier jenes eingangs angesprochene Phänomen auf: Anthropozentrische Denkweisen funktionieren auch im Paradigma des Entanglements ganz wunderbar. Die Vorschläge der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Donna Haraway taugen als bestes Beispiel dafür, dass die «scala naturae» so ganz auch dort nicht verabschiedet ist. Auch wenn Haraway davon ausgeht, dass Menschen und Tiere sich in der Begegnung wesentlich beeinflussen und zu Companions werden können, möchte sie von der liebgewonnenen Gewohnheit des Tiere-Essens nicht ganz lassen. Sie schlägt lediglich vor, das Töten etwas netter, respektvoller zu gestalten. 

Es ist diese zutiefst unchristliche Erbarmungslosigkeit im Gedanken einer allverbundenen Schöpfung, die sie so verdächtig machen sollte. Die Wiederkunft einer radikalen Anthropozentrik lässt sich also auch in jenen Entwürfen beobachten, die sich dezidiert als postanthropozentrisch verstehen. Das mag ihre Popularität erklären – denn wenig ist attraktiver als die beruhigende Gewissheit, dass die nötigen Änderungen mit einem «Bewusstseinswandel» getan sind. Den man dann am besten «spirituell» nennt, um klarzustellen, dass er keine realen Konsequenzen zeitigen muss, abgesehen vielleicht von der Umstellung auf den schicken E-SUV, mit dem sich so prima vorm Bio-Metzger parken lässt.

Anthropodezentrierung!

Mir scheint, dass die groteske schöpfungstheologische Kreativität, die vom respektvollen Schlachthof träumen lässt, dringend abgelöst gehört. Von der französischen Philosophin Simone Weil lässt sich eine andere Lesart von Schöpfung lernen: weit weniger genehm, dunkler, aber wahrer und wahrhaftiger. Weil spricht von Décréation und verbindet damit ein theologisches Programm zu einer wirklichen Anthropodezentrierung – eine «Ent-Schaffung» oder «Rückschöpfung», die «das Geschöpf in uns auflösen» will, weil das Verhaftetbleiben des Menschen im Zentrum sowohl Gott wie auch alle anderen Wesen blockiere: 

«Alles, was ich sehe, höre, atme, berühre, esse, alle Wesen, denen ich begegne – alles dieses beraube 
ich seiner Berührung mit Gott, und ich beraube Gott seiner Berührung mit all diesem in dem Masse, 
als etwas in mir ‹ich› sagt. Ich kann etwas tun für all dieses und für Gott, nämlich: mich zurückziehen, 
um das Beisammensein nicht zu stören. Ich muss mich zurückziehen, damit Gott mit jenen Wesen in Berührung treten kann, die der Zufall auf meinen Weg stellt und die er liebt. Meine Anwesenheit ist zudringlich, als ob ich mich zwischen zwei Liebenden oder zwei Freunden befände.»6

Simone Weils dekreative Schöpfungslehre bringt wunderbar zum Ausdruck, dass es heute nur um eine massive Selbstbeschränkung des Menschen gehen kann. Verhängnisvollerweise ist das aber nicht die Message, die heute von einer Schöpfungstheologie erwartet wird. Viel zu unpopulär ist die Vorstellung, dass wir als Menschen «an der Erschaffung der Welt [teilnehmen], indem wir uns selbst entschaffen»7

Vielleicht hilft es da, die Flutkatastrophe einmal aus den Augen eines Tieres zu sehen. In den Niederlanden schaffte es unlängst eine Kuh in die grossen Tageszeitungen, weil sie von den Fluten gute 100 Kilometer durch verschiedene Flüsse gespült wurde und nur mit Mühe überlebte.8 Ihre Rettung ist zweifellos bemerkenswert. Aber sie sollte nicht darüber hinwegtäuschen, wie viele andere Tiere ihr Leben in den Fluten verloren haben. Die Kuh, die aus dem Wasser gezogen wurde, nachdem sie voller Erschöpfung nur noch einen Teil ihres Kopfes über Wasser halten konnte, soll den Meldungen zufolge nicht geschlachtet werden. Aber auch diese joviale Begnadigung zeugt nur umso eindrucksvoller davon, dass gerade die sogenannten Nutztiere in nahezu jeder Minute ihres kurzen Lebens die Erfahrung jener Absurdität machen, die uns so kurzzeitig durch die hereinbrechenden Fluten ereilt hat. Alles, was zuvor über die kurzzeitige Erfahrung der Feindschaft zwischen uns und der «Umwelt» gesagt wurde, ist der Normalfall des Welterlebens von Tieren: Sie erfahren den Menschen stets als erratischen Feind – der mal gewalttätig, mal völlig ignorant, mal als vermeintlicher Tierfreund – über ihr Leben disponiert. Sicherlich kennen auch sie zur Genüge die Verzweiflung darüber, mit welcher Beliebigkeit das eigene Leben hinweggewischt, als unbedeutend beurteilt und verworfen wird, wenn menschliche Interessen mit der Macht einer Naturgewalt ihr Leben zerstören. Dass sich die Theologien ungebrochen an der Pflege dieser «ursprünglichen Feindseligkeit» beteiligen und sie sogar zur Normalität tierlichen Lebens erklären, diskreditiert sie zutiefst.●

  1. Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. 27. Aufl., Reinbeck 2021 [1942], S. 26.

  2. Gunda Werner: Gottes Liebe gilt nicht nur uns Menschen. Warum wir eine neue christliche Anthropologie und Schöpfungslehre brauchen. In: Herder Korrespondenz Spezial 2020, S. 15–17, hier: S. 17.

  3. Jens Soentgen: Ökologie der Angst (= Fröhliche Wissenschaft 117). Berlin 2019, S. 14.

  4. Vgl. Simone Horstmann: Religiöse Gewalt an Tieren. Interdisziplinäre Diagnosen zum Verhältnis von Religion, Speziesismus und Gewalt. Bielefeld 2021.

  5. Eva Haifa Giraud: What comes after Entanglement? Activism, Anthropocentrism, and an Ethics of Exclusion. Durham/London 2019, S. 7.

  6. Simone Weil: Schwerkraft und Gnade. Berlin 2021 [1947], S. 48 f.

  7. Ebd., 39.

  8. Ich danke Dr. Ari Troost von der Universität Groningen ganz herzlich für den Hinweis und für die Übersetzung einer dieser Meldungen!

  • Simone Horstmann,

    *1984, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Katholische Theologie an der TU Dortmund; sie arbeitet an einer postanthropozentrischen und antispeziesistischen Theologie.