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Mediterranean Hope

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Ein ökumenischer Masterplan gegen den Tod an Europas Grenzen.

Salvatore Pittà

Was geschah mit den zwölf Asylsuchenden, die mit Papst Franziskus kurz nach Ostern von Lesbos nach Italien flogen? Die Antwort führt zu einem ökumenischen Pilotprojekt in Italien, das in den nächsten zwei Jahren tausend besonders verletzlichen Asylsuchenden die Reise nach Europa ermöglicht – per Flugzeug, ganz legal. Das Konzept könnte auch in der Schweiz umgesetzt werden.

Beginnen wir mit dem weniger bekannten, aber interessanteren Teil der Geschichte. Seit Papst Franziskus im Juli 2013 in Lampedusa Europa aufforderte, legale Wege nach Europa zu öffnen, um Menschen in Not den mörderischen Weg über die Wüste, das Mittelmeer und andere unwägbare und lebensgefährliche Grenzgebiete zu ersparen, seit er selbst von seinen gläubigen KatholikInnen aufgefordert wurde, Plätze für Flüchtlinge im Vatikan zur Verfügung zu stellen, und er diese Aufforderung an die Pfarreien und Klöster weitergab – seitdem sind mehr als zehntausend MigrantInnen auf ebendiesem Weg gestorben. Und kein Ende scheint in Sicht. Mittlerweile ist die Forderung nach humanitären Kanälen nach Europa für Asylsuchende und Flüchtlinge immerhin nicht mehr zu überhören, doch von einem Masterplan zu deren Umsetzung fehlt weit und breit jede Spur. Wirklich?

Abseits des medialen Mainstreams arbeiten die italienischen Kirchen schon eine Weile an einem ökumenischen Pilotprojekt, das legale Wege nach Europa ermöglichen soll, ja schon ermöglicht. Denn das Projekt Mediterranean Hope befindet sich seit Jahresanfang in der Umsetzungsphase.

Mehr als Zahlen Am 15. Dezember 2015 unterschrieben die katholische Gemeinschaft St. Egidio, die Föderation der evangelischen Kirchen Italiens, die Waldenser-Tafel und das italienische Innenministerium einen für Europa bisher einmaligen Vertrag. Demnach dürfen die beteiligten Kirchen in den nächsten zwei Jahren tausend besonders verletzliche Asylsuchende und Flüchtlinge in Libanon, Marokko und Äthiopien auswählen, die dann ein humanitäres Visum vom italienischen Staat erhalten, um bequem mit dem Flugzeug einreisen zu dürfen. Anfang Februar flog die erste Familie im Rahmen dieses Programms direkt von einem libanesischen Camp nach Italien, Ende Februar folgten weitere 93 besonders verletzliche Asylsuchende, Anfang Mai nochmals 101. Sie alle wurden umgehend in Institutionen der Partnerorganisationen in ganz Italien verteilt und befinden sich nun im ordentlichen Asylverfahren. Weitere Personen sollen im Verlaufe dieses Sommers folgen, darunter auch solche, die in Marokko und Äthiopien feststecken. Bestärkt von den dabei gemachten Erfahrungen, haben die Beteiligten am 4. Mai das Projekt der EU-Kommission und DiplomatInnen von sechzehn Staaten vorgestellt, die sich allesamt zumindest interessiert zeigten.

Juristisch fusst das Projekt auf Artikel 25 der EU-Verordnung Nr. 810/2009 über einen Visakodex, eine Verordnung übrigens, die die Schweiz im September 2009 übernommen hat. Dieser Artikel erlaubt es einem Mitgliedstaat, Personen ein Visum mit räumlich beschränkter Gültigkeit zu erteilen, wenn er es aus humanitären Gründen, aus Gründen des nationalen Interesses oder aufgrund internationaler Verpflichtungen für erforderlich hält. Nun wissen wir alle, wie es besonders im Migrations- und Flüchtlingskontext extrem schwierig ist, dass ein solcher Mitgliedstaat – Schweiz inklusive – von sich aus und freiwillig temporäre Visa an potenzielle Asylsuchende und deren Familien verteilt. Wie schafften das die Kirchen ausgerechnet in Italien, das bekanntlich seit Jahren mit den Abertausenden Gestrandeten mehr als zu kämpfen hat, zumal dessen Innenminister Alfano als asylpolitischer Hardliner bekannt ist?

Machbar, tragbar und übertragbar Entscheidend für dessen Einlenken dürfte das Sponsoringprinzip gewesen sein, das Mediterranean Hope aus den USA und Kanada importiert hat. Die Projektbeteiligten verpflichten sich gegenüber dem Staat, alle Kosten zu übernehmen und die Eingereisten durch den gesamten Asyl- und Integrationsprozess zu begleiten. Italien prüft also nur noch die Asylanträge und stellt eine Bewilligung aus. Um alles andere kümmern sich die Projektpartner, allesamt erfahrene Player in diesem Bereich, die schon lange mit den staatlichen Institutionen zusammenarbeiten. Um die Kosten zu decken, verwenden sie die Acht Promille, die Steuerzahlende in Italien einer Nonprofitorganisation spenden dürfen, anstatt sie dem Staat abzuliefern. Aber auch private Spenden und Firmensponsoring kommen zum Zug: Unlängst hat sich zum Beispiel Alitalia bereit erklärt, die Flugkosten zu übernehmen.

«Es gibt keinen Grund, das Sponsoring zu verbieten, doch in Italien und Europa gab es die Möglichkeit bisher nicht», unterstreicht Marco Impagliazzo das Neue am Projekt. Er ist Präsident der Gemeinschaft von St. Egidio, die Ende April auch einen Appell für eine Synode aller europäischer ChristInnen lanciert hat, um die Migrationsfrage gemeinsam und systematisch anzugehen. Weil es machbar ist: Die religiösen Gemeinschaften verfügen in allen Ländern über entsprechende Ressourcen, langjährige Erfahrung im Flüchtlingsbereich, eine angesehene Stellung und nicht zuletzt eine motivierte Basis, um solche Projekte flächendeckend ein- und durchzuführen. Weil es tragbar ist: 23’000 der 112’000 anfangs Jahr in Italien registrierten Asylsuchenden werden bereits in den italienischen Diözesen der katholischen Kirche betreut, wovon 4000 auf deren Kosten. 1000 zusätzliche Plätze in zwei Jahren sind angesichts dieser Dimensionen kein Problem und keine Utopie, sondern die logische Weiterführung der bisherigen Tradition. Und weil es übertragbar ist: Impagliazzo hofft auf die spanischen Kirchen, vielleicht auch die französischen. In Deutschland äusserte sich Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche, zugunsten eines stärkeren Engagements der Kirchen.

Und in der Schweiz? Hier wurde das Projekt im Schlussplenum der Tagung zur Migrationscharta «Freie Niederlassung für alle: Willkommen in einer solidarischen Gesellschaft!» vorgestellt und mit Begeisterung aufgenommen. Mit SP-Bundesrätin Sommaruga und Ex-Caritas-Chefjurist Gattiker als SEM-Direktor liesse sich ein solcher Deal womöglich einfädeln ...

Religionen einander näher bringen Nun ja, was geschah denn mit den zwölf Flüchtlingen aus Lesbos? Wurde der Papst wegen Schlepperei angeklagt? Noch bevor sie den griechischen Boden verlassen hatten, nahm er mit der Gemeinschaft St. Egidio Kontakt auf. Für seine Gäste wurde noch während des Fluges eine Unterkunft gefunden, nicht im Vatikan, aber in einem Institut der Gemeinschaft in Rom. Die Behörden wurden vorinformiert, die Asylsuchenden nach der Ankunft umgehend registriert. Nun werden sie beim Erlernen der Landessprache unterstützt, während sie auf den Asylentscheid, auf eine Arbeitsbewilligung und den Umzug in eine eigene Wohnung warten. Noch was: Papst Franziskus, der kurz zuvor eine gemeinsame Erklärung für ein grösseres Engagement im Flüchtlingsbereich mit Patriarch Bartholomäus und Erzbischof Ieronymos von Athen und ganz Griechenland unterschrieben hatte, wurde kurz vor dem Abflug gefragt, warum er ausgerechnet muslimische Familien rette. Er lächelte und antwortete, dass sie menschliche Wesen seien, die leiden, und deshalb gerettet werden müssen. Es macht den Anschein, dass ausgerechnet Flüchtlinge das Potenzial haben, Religionen einander näher zu bringen. Eine frohe Botschaft, fürwahr. •

Links Mediterranean Hope www.mediterrananhope.com Comunità S.Egidio www.santegidio.org Föderation der Evangelischen Kirchen in Italien www.fedevangelica.it Waldenser www.diaconiavaldese.org