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Ändere die Welt!

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'3 Fragen – 3 Antworten

Jean Ziegler und Monika Stocker

Jean Ziegler muss man in den Neuen Wegen nicht vorstellen: Er redet, plädiert, schimpft und schreibt und kämpft – er ist so unser Begleiter seit Jahren in allen politischen Bemühungen, unsere Welt zu verbessern, zu retten. Und jetzt liegt ein Buch vor, eine «intellektuelle Autobiografie», wie es auch umschrieben wird. Es trägt einen schlichten, appellativen Titel: «Ändere die Welt!» Monika Stocker fragt nach.

1. Ändere die Welt – das ist schnell gesagt und offensichtlich sehr schwer zu tun! Die Kriege sind zurück, Hunger und Not gehören auch in Europa wieder zum Alltag, aufklärungsfeindliches Denken gewinnt an Boden. Warum nur diese Kehrtwendung? Es herrscht gnadenlose Konkurrenz im Raubtierkapitalismus. Das hat nichts mit individueller Motivationsstruktur zu tun. Wir leben unter der Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals. Dem Oxfam-Bericht 2014 nach besitzt ein Prozent der Menschen soviel wie die 99 übrigen Prozent zusammen. Und gleichzeitig steigen in der südlichen Hemisphäre, dort, wo zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, die Leichenberge. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, sagt die FAO (die UNO-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft). Im gleichen Bericht sagt die gleiche Organisation, dass die Landwirtschaft weltweit heute problemlos zwölf Milliarden Menschen, also fast das Doppelte der Weltbevölkerung, ernähren könnte.

Warum geschieht das nicht? Weil wir kollektiv glauben, dass diese Ordnung zwar für viele Menschen schrecklich ist, aber «Naturgesetzen» gehorcht. Die neoliberale Wahnidee behauptet, dass die Finanzmärkte autonom entscheiden. Die Finanzmärkte sanktionieren die Staaten, wenn ihnen ein Gesetz nicht passt. Abwanderungen von Industrien, Flucht des Kapitals sind die Sanktionsmittel. Viele Menschen glauben, dass sie dagegen keine Macht haben. Diese Entfremdung der Menschen schreitet unglaublich schnell voran. Sie fühlen sich ohnmächtig. Schauen Sie sich die Schweizer an.

2. Als Soziologieprofessor, ehemaliger Nationalrat und UN-Sonderberichterstatter haben Sie viel getan und unermüdlich gekämpft. Und nun die Frage: Was habe ich bewirkt? Ist das resignativ? Eine unzufriedene Bilanz? Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, die sich durch zwei Dinge auszeichnet: einer unglaublichen Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht in den Händen weniger Oligarchen, die niemand kontrolliert – und der enormen Ungleichheit unter den Menschen. Vergangenes Jahr haben die 500 grössten Privatkonzerne (alle Sektoren zusammen) 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrolliert. Sie haben eine Macht, wie sie kein Kaiser, kein König und kein Papst je hatten. Weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen können sie kontrollieren. Was kann der Soziologe tun? Er macht die Machtstrukturen transparent. Er zeigt den Menschen, wie der Widerstand organisiert werden kann. Er bekämpft die Entfremdung. Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie.

3. Eine neue Weltordnung sei herzustellen, die nicht auf Beherrschung und Ausbeutung basiert. An wen denn geht der neue Ruf? Die Parteien scheinen es kaum zu sein, die Machtträger auch nicht. Die Zivilgesellschaft? Wo ist sie auszumachen? Wie ist sie zu mobilisieren? Trotz allem: Es gibt Hoffnung! Ein neues historisches Subjekt ist im Entstehen begriffen: die neue planetarische Zivilgesellschaft. Sie tritt an, die kannibalische Weltordnung zu stürzen. Immanuel Kant schreibt: «Die Unmenschlichkeit, die einem andern angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.»

Eine Myriade sozialer Bewegungen – von Attac und Greenpeace bis Amnesty, von der Frauenbewegung bis zu Via Campesina, dem Zusammenschluss von 120 Millionen Pächtern, Kleinbauern und Taglöhnern auf den fünf Kontinenten – bilden diese planetarische Zivilgesellschaft. Sie bilden eine mysteriöse, aber stets wachsende Bruderschaft der Nacht. Kein Zentralkomitee, keine Parteilinie eint sie. Der moralische Imperativ, der in jedem von uns lebt, ist ihr Motor. Die Weltdiktatur der Oligarchien des globalisierten Finanzkapitals zerstört die Souveränität und die Handelskompetenz der Nationalstaaten. Allein die zivilgesellschaftlichen Bewegungen leisten effizienten Widerstand. Auf ihrer Strategie der weltumspannenden Solidarität, auf ihrem Kampf für soziale Gerechtigkeit, Menschenwürde und Freiheit ruht die Hoffnung der Völker. •

Hinweis
Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. Aus dem Französischen von Ursel Schäfer, Bertelsmann Verlag, München 2015, 288 S.