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Nun muss ich Sie doch ansprechen. Zürcher Stadtmeditationen

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Nun muss ich Sie doch ansprechen. Zürcher Stadtmeditationen

Und alles ist umgekehrt Auf den ersten Blick erscheint mir der Titel sonnenklar: Monika Stocker spaziert durch Zürich, die Stadt mit liberaler Tradition und wirtschaftlicher Strenge, berühmt-berüchtigt für Bankenplatz und Platzspitz. Sie spaziert nun als ehemalige Stadträtin, als Citoyenne, als Mutter und Grossmutter, als grüne Politikerin und feministisch engagierte Frau mit ihren reichen eigenen Erfahrungen und mit viel Widerspruch durch Zürich – und wird angesprochen von PassantInnen. Auf den zweiten Blick wird klar: Es ist Monika Stocker, die anfragt und anspricht. Es könnte tatsächlich sein / dass, wer verliert, gewinnt, und wer gewinnt, verliert / Und alles ist umgekehrt (…)

Monika Stockers Stadtwanderungen offenbaren einen hintergründigen, gar listigen und wunderbar humorvollen Blick auf die Stadt, die, bewohnt auch von Denkmälern und belebt auch von Stadtengeln, anderes frei gibt. Meditationen eben. Sie begegnet den zu Säulen erstarrten Herren Escher und Zwingli, trifft auf Karl den Grossen, spricht Hans Heinrich an: Es rührt mich immer wieder, Herr Hans Heinrich / Wenn ich die Geste beobachte (…) dass Sie sich etwas niederbeugen / zuwenden / hinsehen / und die Hand reichen // Die Beziehung ist spürbar und gültig (…) Sie flaniert durch das nächtlich ruhige Zürich ebenso aufmerksam wie durch das hektisch temporeiche. Sie flaniert, greift das auf, was für alle vertraut und offensichtlich ist, befragt und verrückt es, und zwar so, dass im Bekannten Neues sichtbar wird.

Flanieren ist eine Kunst des schweifenden Spazierens, während dem einem Gedanken, Assoziationen, Ideen zufallen, man sich treiben und die Blicke schweifen und die Füssegehen lässt. Während dem Menschen, Orte, Bäume, Häuser oder Plätze vorbeiziehen, einem etwas zufällig ins Auge fällt, ohne die Aufmerksamkeit einzuengen. Man flaniert und sammelt Schnappschüsse, ohne auf der Jagd zu sein. So dass sich die Zeiten ineinander verweben, die Vergangenheit ansprechbar nahe und die Gegenwart verwirrend erscheinen können. Flanieren erlaubt es einem, sich selber fremd und daheim, neugierig und ziellos, zwischen Zeiten und Welten zu fühlen.

So flaniert Monika Stocker auch am Fraumünster vorbei. Liebe Katharina / Sie kennen unseren Frühlingsumzug / den Zug der Zünfte / Sie wissen / dass er den Männern vorbehalten ist / Sie wissen / dass sich die Frauen seit Jahren bemühen (…) Die Frauen vom Fraumünster / sind immer etwas Besonderes gewesen / Und Sie meinen / sie sollten es durchaus auch bleiben (…) / Vorausgehen? / Ja, das wäre was / stolz und selbstbewusst / wie Sie mit Ihren Frauen / in so vielem Vorausgegangen sind // Vielleicht sollten wir ein Fünfeläuten machen / Der Zeit voraus / die eigene Zeit einläuten / den eigenen Frühling / die eigene Festlichkeit. Ob sich die Frauen von Zürich im Hof zu Fraumünster konspirativ getroffen haben? Um ihre eigenen Vorstellungen von Politik, Zusammenleben, Gestalten von öffentlichen Räumen zu unterhalten? Um über Haushalt und Ökonomie zu diskutieren?

Der Herr Felix und die Frau Regula, beide mit dem Kopf unter dem Arm. Das Stadtsiegel bestätigt es immer wieder von neuem. Stadtheilige, anachronistisch heute. In einer vernünftigen Stadt tragen diese Stadtpatrons den Kopf unter dem Arm, pikanter: Sie werden von einem Migranten begleitet, Exuperantius. Frau Regula und Herr Felix / Den Exuperantius nennen wir nicht / er ist halt da / wie Tausende / ohne Geschichte / ohne Papiere. Und was, wenn der Züri-Leu nicht nur brüllt, sondern gar schmatzt?

Nachts um Vier ist Schichtwechsel. Auch jener der Engel. Da würde es mich schon interessieren/ ob Sie da Unterschiede machen (…) Und Sie schweben darüber / souverän / unaufgeregt / und «im Dienst». Und inmitten der fiktiven Gespräche blitzt unmittelbar auch etwas von Monika Stocker selber auf: Ich bin da daheim, ja das schon / und ich bin es gerne / Ich mag die Menschen / auch die bunten / die schrägen / die speziellen / Sie meinen, das genüge?

Und nicht der Engel, weiblich, farbig, drall, voll des Lebens, spricht zu Monika Stocker, wenn sie durch den Bahnhof geht; sie ist es, die den Engel anspricht. Antworten sucht. Und wann Sie dann wieder kommen / Und ja, ich habe noch viele Fragen / Sie verstehen. Diese Umkehrung fasziniert mich, berührt mich, denn es eröffnet auch mir als Leserin einen Möglichkeitsraum für mein Flanieren und Fragen. Und so stösst Monika Stocker mit ihren Stadt-Gedichten auch mich an. Lisa Schmuckli;

Kategorie Buch
Titel Nun muss ich Sie doch ansprechen. Zürcher Stadtmeditationen
Identifikation 3-290-17762-1
Autor Monika Stocker
Verlag tvz Theologischer Verlag Zürich
Art Taschenbuch (144)
Erscheinungsdatum 2014
Preis 25.00