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Im Schatten des Feigenbaums

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Kategorie Buch
Titel Im Schatten des Feigenbaums
Identifikation ISBN 3-857-87436-8
Bild Im Schatten des Feigenbaums
Autor Sumaya Farhat-Naser
Verlag Lenos
Art Gebundene Ausgabe (221)
Preis 0.00

Sumaya Farhat-Naser muss ich den Leserinnen und Lesern der Neuen Wege nicht vorstellen. Es gibt mit niemandem sonst so viele NW-Gespräche wie mit dieser Friedensfrau.Das erste stand 1991 unter dem Titel «Ein Palästina-Staat ist dringender denn je». Rosmarie Kurz hatte Sumaya Farhat-Naser auf einer Reise nach Israel und in die besetzten Gebiete Palästinas 1979 kennengelernt, es entstand eine tiefe Freundschaft, und Sumaya Farhat-Naser wurde seither «in den Neuen Wegen zu einer wichtigen Stimme für einen gerechten Frieden im Nahen Osten». Schon 1991 sagte sie, dass das Leben in den besetzten Gebieten unerträglich geworden sei. Doch seither hat sich alles sehr verschlimmert. Davon zeugt ihr neues Buch «Im Schatten des Feigenbaums», wie die früheren im Lenos Verlag Basel erschienen, herausgegeben von Willi Herzig und Chudi Bürgi. Einerseits ist da die Bilanz über die politische Situation: Die Eintragungen beginnen am 1. Januar 2008 und enden mit dem 23.April 2013. «Mit diesem Tagebuch möchte ich meine Gefühle und Gedanken, das Schöne und Schwere der letzten Jahre erinnern, reflektieren und dokumentieren». Es wird immer schlimmer, «unser Land wird uns systematisch weggenommen». Anderseits der Mut dieser Autorin, die gegen Verzweiflung kämpft und trotz allem an Hoffnung festhält; sie weiss, der Feigenbaum wird wieder ausschlagen.

Quellen- und Landraub Die Einschätzung der politischen Lage ist klar: «Die Lage in Palästina ist so komplex und aussichtslos, ja deprimierend wie nie zuvor. Die israelische Siedlungstätigkeit auf unserem Land ist intensiviert worden, die Sperren und die Mauer machen das Leben zur Qual und entziehen den Menschen die Existenzgrundlage. Die innerpalästinensische Situation ist frustrierend. Das Versagen der politischen Führungen in Gaza und im Westjordanland ist offensichtlich.»

Viele der von Sumaya Farhat-Naser beschriebenen Situationen sind aus Zeitungs-berichten bekannt. Die persönlichen Beobachtungen der Autorin jedoch, die konkreten Beispiele, wie PalästinenserInnen im Westjordanland und in Ostjerusalem durch den israelischen Siedlungsbau verdrängt und von den Siedlern drangsaliert werden, rütteln auf. Ein Beispiel: Das Nachbardorf Dura al-Qar. Früher ermöglichten die reichen Wasserquellen mehrere Ernten pro Jahr. Doch die Gärten sind verwüstet, die Bewässerungsschläuche zerrissen. Eine Frau erzählt der Autorin, dass die Siedler aus Bet El, die ihnen bereits vor Jahren mit Gewalt viel Land weggenommen hatten, immer wieder kommen, sie bedrohen, sie auffordern, das Dorf zu verlassen und die Landwirtschaft verwüsten. Zwar kämen nach jedem Angriff israelische Soldaten und forderten die Siedler zum Rückzug auf, doch diese hätten keine Konsequenzen zu fürchten. «Dafür verhaften sie unsere Söhne.»

Sumaya Farhat-Naser beschreibt die Verzweiflung von Menschen, deren Quellen geraubt und verunreinigt, deren Weinberge, Olivenhaine und Felder zerstört wurden. Sie beschreibt die Auswirkungen der israelischen Sperrmauer, so etwa die Situation der palästinensischen Stadt Kalkilia, die rundum von der Mauer umgeben ist, oder die Tragödie des Dorfes Azun Atmeh, das durch die Mauer in zwei Teile zerschnitten wird. Elf Familien sind zwischen der israelischen Grenze und der Mauer eingeschlossen, können nur durch das von Soldaten bewachte, stundenweise geöffnete Eisentor auf die andere Seite gelangen.

Meine Enkelkinder werden den Frieden feiern Die Bilanz ist bitter. Aber Sumaya Farhat-Naser wehrt sich gegen Resignation. Sie lässt sich nicht entmutigen, kämpft gegen Hoffnungslosigkeit. In Schulen und Frauengruppen lehrt sie gewaltfreie Kommunikation. Sie dokumentiert nicht nur die bedrückende Lage, sondern notiert auch erlebte Erfolge. Vor allem aber beschreibt sie Momente des Glücks. Sie freut sich sehr über die Geburt ihrer Enkelkinder, über die Hochzeit ihres Sohnes, erholt sich mit ihrem Mann im Weinberg, erfährt Unterstützung und Freundschaft in Palästina wie auch auf ihren Lesereisen nach Deutschland und in die Schweiz. Liebevoll beschreibt sie ihre Mutter, die ihr fast vergessene Geschichten erzählt. Die tradierte Kultur ist ein wichtiger Halt. Kulturfestivals werden gefeiert, ein zerfallenes Haus des Urgrossvaters wird renoviert. Freude und Stolz auf die eigene Tradition wirken der erfahrenen Abwertung entgegen. Brigit Keller