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Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt

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Die Massenvernichtung in der 3. Welt«Wir lassen sie verhungern», das neue Buch von Jean Ziegler erschüttert. Aber gleichzeitig ruft der Autor zum Widerstand – und zur Hoffnung auf.

Acht Jahre lang, von 2000 bis 2008, war Jean Ziegler Sonderberichterstatter der Uno für das Recht auf Nahrung. Der Autor berichtet nun in seinem neusten Buch mit unzähligen Fallanalysen einzelner Länder über die erschütternde Hungerkatastrophe, die er in der Dritten Welt während der Dauer seines Mandates überall angetroffen hat. Er nennt die unerträgliche Situation im Untertitel «Massenvernichtung in der Dritten Welt» und leitet sein neues Buch mit einem Zitat von Bertolt Brecht ein «Wer von uns verhungert ist, der fiel in einer Schlacht. Und wer von uns gestorben ist, der wurde umgebracht». Denn nach seinen Berechnungen könnte unser Planet ein Vielfaches seiner heutigen Bevölkerung ernähren, wenn die «kannibalische Weltordnung», die «Herrschaft der Tigerhaie» dies nicht tagtäglich mit ihren Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel systematisch verhindern würde.

Der Skandal des Jahrhunderts Aber manchmal muss man das Buch auch zur Seite legen – zu hart und grausam packen einen die grauenhaften Schilderungen der Realität in Dutzenden von Ländern der südlichen Hemisphäre an der Gurgel. Denn der Hungertod, Jahr für Jahr, von mehreren zehn Millionen Menschen ist wahrlich «der Skandal unseres Jahrhunderts», ist geplanter, oder zumindest aus reiner Profitgier in Kauf genommener Massenmord. Und das vor den Augen der ganzen mehr oder weniger wohlhabenden westlichen Weltöffentlichkeit, die dieser Massenvernichtung mit «eisiger Gelassenheit» begegnet. «Allenfalls reagiert sie mit zerstreuter Aufmerksamkeit, wenn die Katastrophen besonders ‹sichtbar› werden – wie die Hungersnot, die seit dem Sommer 2011 für mehr als zwölf Millionen Menschen in fünf Ländern am Horn von Afrika eine tödliche Bedrohung darstellt», schreibt Ziegler voller berechtigtem Zorn.

Josué de Castro contra Thomas Malthus Einer der ersten und ganz sicher der wichtigste und verderblichste Ideologe, der den Hungertod als Regulationsmechanismus, als «natürliche Auslese» innerhalb der Weltbevölkerung bezeichnete, war der englische Philosoph Thomas Malthus, den Karl Marx schon in seinem Hauptwerk Das Kapital geisselte und der seine Thesen in zwei Werken 1798 («An Essay on the Principle of Population») und 1820 («Principles of Economics») entwickelte. Seit dem 19. Jahrhundert geistern die irrwitzigen Ideen dieses zum Ökonomen konvertierten anglikanischen Pastors im Bewusstsein der bürgerlichen Herrenklasse herum.

Geopolitik des Hungers Als positiver Gegenspieler gegen Malthus und die auf ihn folgenden «Tigerhaie» zieht sich die leuchtende Bahn des aus dem armen Nordosten Brasilien stammenden Arztes europäisch- indianischer Herkunft Josué Apolônio de Castro, dessen erstes Buch «Geopolitik des Hungers», da 1951 erschien (es wurde erst in den siebziger Jahren auf Deutsch publiziert!), weltweit von einer durch die Nazi-Gräuel aufgeschreckten Öffentlichkeit fieberhaft gelesen wurde und der nach Kriegsende gegründeten FAO (Food and Agricultural Organisation) und dem WFP (World Food Programme) schon bald quasi als Bibel diente. Hitlers «Hungerplan» nach dem Motto «Wir lassen sie verhungern», widmet Ziegler denn auch eine ausführliche Analyse, die den historischen Hintergrund der heutigen Mechanismen der Massenvernichtung durch Nahrungsentzug in ihren ganzen globalen Dimensionen im Einzelnen Schritt für Schritt durchschaubar macht. «Das Unrecht hat Anschrift, Namen und Gesicht» – dieses Brecht-Motto könnte über den wie immer beim begnadeten Schriftsteller Jean Ziegler äusserst pointierten Charakter- und Verhaltensstudien der «Kreuzritter des Neoliberalismus», der «Halunken», des «Raubgesindels» stehen: Da defilieren sie vorbei, alternierend mit eindringlichen Beschreibungen von den Zuständen, die sie weltweit als verbrannte Erde, als immense Friedhöfe unter der glühenden Sonne des Südens zurücklassen. Wobei Ziegler als gewiefter Psychologe mit einer immensen Menschenkenntnis, die er während seines jahrzehntelangen uneigennützigen Engagements erworben hat, auch immer auf jene Gestalten ein Augenmerk richtet, die im feindlichen Lager vom Saulus zum Paulus werden können.

Die Regel und die Ausnahme Denn die Hoffnung kommt nicht nur von den Millionen Menschen in der Dritten Welt selbst – aber von diesen vor allem –, denen es gelingt, das Joch der Knechtschaft abzuschütteln, sondern auch von den Ausnahmen, von Leuten wie zum Beispiel dem erstaunlichen James T.Morris (Jim Morris für seine Freunde), dem amerikanischen Milliardär aus Indianapolis, der den Präsidentschaftswahlkampf von George W. Bush unterstützte und nach dessen Sieg zum Direktor des WFP ernannt werden wollte, weil das Weisse Haus ihm einen hübschen Posten schuldete. «Dieser sympathische Riese – fast zwei Meter gross, weisshaarig, massig, aus dem mittleren Westen stammend – wurde von seinem langjährigen Freund George W. Bush auf den Posten des Exekutivdirektors des WFP gehievt. Voller Neugier und wild entschlossen, Gutes zu tun, brach Morris, der beschauliche Grossvater, nach Rom auf, als ginge es zum Mond. Kaum ernannt, machte er eine Weltreise. Er besuchte jedes der 80 Länder, in denen das WFP tätig ist. Er inspizierte Dutzende Baustellen des Programms ‹Nahrung für Arbeit› und Hunderte Ernährungszentren, in denen Kinder mit intravenösen Sonden behandelt und – in vielen Fällen – langsam wieder ins Leben zurückgeholt werden. Er sah Kinder mit dem Tod ringen, verzweifelte Mütter, Väter mit leerem Blick. Entsetzen erfasste ihn. Ich erinnere mich an eine seiner häufig wiederkehrenden Bemerkungen: This can not be… (Das kann doch nicht sein…) Mit seiner ungeheuren Energie und der ganzen Erfahrung eines Mannes, der sich ein Wirtschaftsimperium aufgebaut hat, stürzte er sich in die Arbeit…» Natürlich kann jemand jetzt kommen und sagen: Nun, das ist ja eine ganz schöne Geschichte, und es ist bestimmt sogar eine wahre Geschichte! Aber was für eine Ausnahme: Das ist doch eine einzelne positive Ausnahme unter Tausenden von «Tigerhaien»! könnte jetzt jemand sagen. Das ist natürlich richtig; aber auch auf diese einzelne positive Ausnahme kommt es an. Hans Peter Gansner

Kategorie Buch
Titel Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt
Identifikation ISBN 3-570-10126-6
Bild Wir lassen sie verhungern - Die Massenvernichtung in der Dritten Welt
Autor Jean Ziegler
Verlag C. Bertelsmann Verlag
Art Gebundene Ausgabe (320)
Preis 0.00