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Maßt euch an!: Auf dem Weg zu einem offenen Sozialismus

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Drei sympathische Krüppel warten hinter einer Hausecke auf einen «Normalen». Als dieser kommt, schlagen sie ihn mit Luftballonen windelweich, bis er ebenfalls verkrüppelt ist, und warten dann gut gelaunt auf den nächsten Normalen. Mit der Erzählung dieses Kurzfilms von Keith Jonstone beschliesst Beat Ringger sein Buch «Masst euch an! Auf dem Weg zu einem offenen Sozialismus.» Und nicht weniger soll im Buch verhandelt werden als Vorüberlegun-gen und Rezepte für eine aus der Normalität der kapitalistischen Globalisierung befreite Individualität. Dass Ringger methodisch der Aufgabe, die er sich stellt, voll gewachsen ist, zeigen der Schluss und der Titel sehr deutlich. Das unbotmässige «Masst euch an» spielt nicht nur gegen den reaktionären Topos von der menschlichen «Anmassung» das Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, sondern schliesst auch an die schöne Tradition menschlichen Muts oder Hochmuts, wie er etwa in dem berühmten Text von Nelson Mandela aufscheint: «Unsere tiefste Angst ist nicht die vor unserer Un-zulänglichkeit. Unsere tiefste Angst ist die Angst vor unserer unermesslichen Kraft. Es ist das Licht in uns, nicht die Dunkelheit, die uns am meisten ängstigt.» Und bei John Berger ist zu lesen: «Wenn wir unsere Arbeit überhaupt unter dem Kapitalismus fortsetzen wollen, dann gibt es für uns nur zwei mögliche Geisteshaltungen: entweder müssen wir ehrgeizig sein oder hochmütig.» Ehrgeiz ist systemkonform und getrieben von Versagensängsten, Hochmut hingegen verlangt jene eigensinnige Angstlosigkeit, die Stärke schafft. Das Kollektive – wie es auch immer heissen mag, ob Sozialismus oder Gemeinde – ist ja immer nur Mittel im Dienste der Befreiung des Individuums.

Die Kapitelfolge offenbart Ringgers Vollständigkeitsanspruch. Sämtliche relevanten Fragen werden gestellt und durchgearbeitet: Von der Frage nach der Wirkungsweise von Ideologie über die demokratische Bedarfswirtschaft zum Problem der Avantgarde. Und als wichtiges Scharnier zwischen Problemanzeige und programmatischer Vision sind die Kapitel über die realexistierenden sozialistischen Entwürfe der Vergangenheit (Stalinismus) und der Gegenwart (Beispiel Venezuela) eingeschoben.

Insbesondere die Analyse des Stalinismus erfüllt zuallererst eine methodische Funktion. Denn sie ist von der essenziellen Erkenntnis getragen, dass der mächtigen Ideologie des Antikommunismus, die Jahrzehnte lang auch der dämonische Untergrund für den linken Geschichtsdefaitismus war, nur durch eine realistische Auseinandersetzung mit dem Stalinismus die Basis entzogen werden kann. Und dass gleichzeitig nur über diese Auseinandersetzung die neuen Konzepte auf einem einigermassen befriedigenden Niveau weiter entwickelt werden können, mit einrechnend alle möglichen Aporien und sogenannten falschen Wege, die trotz Analyse immer wieder begangen werden. Dabei ist die Suche nach positiven Rückbezügen zum Staatssozialismus, wie Raul Zelik in seinem neuen Buch «Nach dem Kapitalismus?» richtig bemerkt, eher unfruchtbar. Aber nicht weil es dort, wie er meint, nichts an alternativen Wegen zu entdecken gäbe – solche deutet gerade Ringgers Überblick an – sondern der differenzierte Blick auf den Stalinismus ist nötig, weil man bei jedem Versuch, gesellschaftliche Prozesse anders zu gestalten auch unter weniger grausamen Bedingungen, wieder auf ähnliche Entwicklungen stossen kann. Schliesslich ist der Stalinismus das Nadelör, durch das jeder linke Gesellschaftsentwurf gehen muss. Denn es wird sie nicht geben, die vielen anderen bunten Welten ohne einen universalistischen und inklusiven Blick auf die Geschichte der real existierenden Alternativen, wozu natürlich bereits auch der «Sozialismus des 21. Jahrhunderts» gehört. Gerade an letzterem zeigt sich aber, wie relativ die Lehren sind, die eine emanzipatorische Linke daraus ziehen kann, und dass, was heute in der Dialektik offener Prozesse beurteilt wird, morgen vielleicht bereits als etwas eingestuft wird, was von Anfang an zum Scheitern verurteilt war. Was nicht heisst, dass man auf Bewertungen und Urteile verzichten sollte, nur, dass man immer bedenken muss, wie nahe Falsches und Richtiges innerhalb ganz weniger Parameter beieinander liegen.

Hierzu zwei Urteile am Beispiel Venezuela: Ringger erzählt von einem Fall im Zusammenhang partizipativer Initiativen, bei dem sich Korruption und Basisdemokratie subsidiär verschränken. Sein Fazit ist folgendes: «Das Beispiel zeigt, dass die demokratische Erneuerung nicht in einem sprunghaften Wechsel verläuft, sondern durch eine Intensivierung der sozialen Kämpfe.» Unschwer zu erraten, wie man an ähnlichen Beispielen auch auf eine grundsätzliche Skepsis gegenüber dieser Art von Geldverteilung verfallen könnte. Raul Zeliks Bilanz des Stils der Regierung Chavez liest sich in seinem neuen Buch so: «Auch wenn Linke dies irritierend finden, war es eben diese spezifische Verbindung widerständiger demandas (Proteste) und popular-populistischer Artikulation, die die neoliberale Hegemonie auf dem Subkontinent gebrochen hat.» Ich kann mich gut an einen Vortrag von Zelik erinnern, indem er bezüglich chavistischem Populismus keine Dialektik gelten liess und diesen als ein Indiz für den Holzweg der bolivarischen Revolution nahm. Glücklich aber die Zeiten, in denen die Linke sich wieder entlang von frischen Projekten ihre Positionen erarbeiten kann.

Etwas anders verhält es sich mit den Erörterungen, die Ringger ins psychologische Feld führen. Die richtige Feststellung vom negativen und schicksalsergebenen Menschenbild der Neoliberalen verleitet ihn dazu, dem aus linker Perspektive etwas Positives entgegen zu setzen. Doch damit gerät er, der psychoanalytischen Dialektik zwischen Gesellschaft und Individuum nicht achtend, auf glitschiges Terrain. Dass er den faschistoiden Verhaltensbiologen Konrad Lorenz mit Freud zusammen liest, erstaunt. Logischer, weil oft zu sehen, aber nicht weniger problematisch, ist die positive Setzung von Viktor E. Frankl und C.G. Jung. Sind doch beide mit ihren harmonisierenden und die unangenehme Freudsche Triebtheorie hinter sich lassenden Konzepten überall wohl gelitten. Jungs Affinitäten zur Naziideologie sind bekannt, Frankls theoretische Umwandlung kollektiver Repression, wie er sie selber im Konzentrationslager erfahren hatte, in eine individuelle Verantwortlichkeit weniger. Frankl schreibt in seinem 1946 erschienen und millionenfach verkauften Bestseller «..trotzdem ja zu Leben sagen»: »Für uns war auch das Leiden eine Aufgabe geworden, deren Sinnhaftigkeit wir uns nicht mehr verschliessen wollten. Für uns hatte das Leiden seinen Leistungscharakter enthüllt.» Es geht nicht darum, die persönliche Überlebensstrategie eines Einzelnen zu denunzieren, aber angesichts seiner beispiellosen Erfolgsgeschichte in den postnazistischen Staaten Österreich und Deutschland bis hin zu Ehrungen durch Waldheim und Haider ist wohl Vorsicht angebracht bei einer Aneignung seiner Sinntheorie. In Freuds Triebtheorie steckt dagegen genug politischer Zündstoff. Der Vorwurf des Psychologismus trifft nicht ihn, sondern seine harmonisierenden Schüler. Letztlich ist wohl der Anschluss an die marxistische Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse oder auch an jene der Kritischen Theorie wie sie zum Beispiel im Band «Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse» versucht wird, produktiver für einen realistischen, das heisst möglichst nicht verdrängenden linken Humanismus. Denn es gibt keinen offenen Sozialismus ohne eine durch und durch materialistische Anthropologie.

Hier gerät Ringgers Anmassung, etwas Ganzes und Umfassendes vorzulegen und sich also auch ohne die üblichen wissenschaftlichen Schutzbehauptungen einer Kritik auszusetzen, die sich seinen eigenen Anspruch zum Massstab nimmt, an ihre notwendigen Grenzen. (Und selbstverständlich kommt als Gegenstück auch die Scham des Kritikers in den Blick, der, wissend um die unauflösbare Unzulänglichkeit eines Ganzen, doch den Teufel aus dem Detail lockt.) Und damit sei ein letztes Mal auf den starken methodischen Zug in diesem Entwurf hingewiesen. Wer Systemveränderung will, muss mit Bloch gesprochen, den Rahmen weit machen. Ringger schliesst sein Vorwort mit folgenden eindrücklichen, diese Weite atmenden Sätzen: «Masst euch an, das geschichtlich Mögliche real werden zu lassen. Es wäre gleichermassen verhängnisvoll, sich dieser Anmassung nicht zu stellen, wie sich des darin Anmassenden nicht bewusst zu sein.»

Rolf Bossart

Kategorie Buch
Titel Maßt euch an!: Auf dem Weg zu einem offenen Sozialismus
Identifikation ISBN 3-896-91875-3
Bild Maßt euch an!: Auf dem Weg zu einem offenen Sozialismus
Autor Beat Ringger
Verlag Westfälisches Dampfboot
Art Broschiert (217)
Preis 0.00