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«Arme Teufel sind wir alle ...»

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Das von Gabriele Röwer zum 100. Geburtstag von Robert Mächler zusammengestellte Buch erschien verspätet, wie der Blick auf die Lebensdaten zeigt: 1909 bis 1996. Wer darin blättert, kann sich den Grund vorstellen. Da steckt viel Arbeit drin. Mehrere tausend Briefe hat die Herausgeberin gesichtet, die von ihr ausgewählten Korrespondenzen mit ausführlichen Porträts der Partnerinnen und Partner versehen. In den Fussnoten finden sich unzählige Exkurse. Kleingedrucktes – tatsächlich – über Gott und die Welt.

Wer war dieser Robert Mächler? Er selbst hat sich einmal als «Kleinbürger und Journalist» bezeichnet, war im Aargau regional bekannt und machte sich mit einem Buch über Robert Walser darüber hinaus einen Namen. Der dem «sinnfreundlichen Ag-nostiker» besonders verbundene Kirchenkritiker Karlheinz Deschner lernte in der direkten Begegnung einen «Sonderling» kennen, der am Rande gelebt habe, «eremitenhaft scheu, nur selten heiter». Mit der Welt verbanden ihn die Bücher, welche er rezensierte, und seine mit ihm wichtigen Persönlichkeiten geführten Korrespondenzen: Max Daetwyler, der ihm eng verbunden war und wunderbar erfrischende Post zukommen liess, Hermann Hesse, Arnold Künzli, Kurt Marti, Adolf Muschg, um einige der Bekannteren zu nennen. Interessierte würden die als Lesebuch gedachte Sammlung «wohl nur auswahl-weise nutzen», nimmt Gabriele Röwer sicher zurecht an. Wobei es lohnt, sich auch bei weniger bekannten Namen umzusehen.

Für die Neuen Wege sei eine Korrespondenz mit Leonhard Ragaz herausgepflückt. Sie war kurz und relativ heftig. Mächler hatte ihm im Januar 1945 ein Gedicht zur Beurteilung geschickt, weil er «einer der wenigen Männer» sei, denen er «einen vorurteilsfreien Blick» zutraute. Ragaz, der «dafür gerade Zeit hatte», las den Text als «eine up to date gebrachte Umschreibung» des «letzten Menschen» von Nietzsche und befand knapp: «Das ist nicht, was wir heute brauchen.» Von der mit Dank ver-bundenen Replik jedoch zeigte Ragaz sich «sehr gerührt». Vielleicht habe er etwas gar brüsk geurteilt: «Gewiss hätte ich länger und ruhiger über Ihrer Arbeit verweilen, sie wiederholt lesen und überlegen sollen.» Mächlers «ethisch-utopische Rhapsodien», merkt die Herausgeberin an, wiesen tatsächlich «nicht jene Entschiedenheit» auf, die Ragaz in seinen Tageskämpfen und «in seiner rigorosen Abwendung vom verbürgerlichten Kirchenchristentum» auszeichnete.

Noch einen Bezug gibt es: Die dem Buch vorangestellte Laudatio, mit der Robert Mächler anno 1993 von Philippe Dätwyler als ein vehementer Verfechter der Vernunft gewürdigt wird. Sie erschien im Jahr danach in den Neuen Wegen und enthielt ein «Lob auf die Unvernunft» als Antithese. Letztere brauchten wir, um «Denkgitter» zu sprengen.

Hans Steiger

Kategorie Buch
Titel «Arme Teufel sind wir alle ...»
Bild «Arme Teufel sind wir alle ...»
Autor Gabriele Röwer
Verlag Haupt
Art Gebundene Ausgabe (588)
Preis 49.00