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Heilige Vergänglichkeit, Spätsätze

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Vergänglichkeit und Zuversicht

Der bald Neunzigjährige sagt, dass «heitere Resignation» das Alter erleichtere. Er selbst aber setzt auf die Bejahung unserer Vergänglichkeit: Sie ist vom Schöpfer gewollt und deshalb: Heilige Vergänglichkeit.

Der dünne Band, in dem jeder Satz seinen eigenen Auftritt hat, beginnt mit dem Verlust der Zwiesprache. Was ist schlimmer: abends allein ins Bett zu kriechen oder morgens einsam zu erwachen? – Typisch für Kurt Marti tritt der Gedanke als Frage auf, und typisch für seine Theologie schwingt der Eros mit. In den Armen der Geliebten glaubte ich oft, dem grossen Geheimnis nahe zu sein. Ja, wir kennen viele Themen des alten Autors seit Jahren und seit vielen Büchern. Neu sind die Sätze, die den eigenen Abbau und den Umgang der Gesellschaft mit dem Alter befragen. Marti nennt sich «Rohstoff» der boomenden Altersindustrie und macht in alter Wortspiel-Gewohnheit neue Facetten sichtbar. Wer kein Heim mehr hat, geht in ein Heim. Die Notate über «Wem glauben?» fragen letztlich auch «was bleibt?». Das Rätsel Gott, die Theologie, die dem Eros nicht gewachsen ist und dem Thema Gott vielleicht auch nicht, und die «reine Lehre», die im Kern gewaltätig ist – diese Überlegungen sind Kondensate aus früheren Veröffentlichungen. Aber die Gedanken des «Greises» (für ihn ein «Ehrentitel») greifen nicht kürzer, sie verdichten nach wie vor: Ist alle Theologie vielleicht eine Flucht vor den einfachen, aber radikalen Aussagen und Aufforderungen der Bergpredigt Jesu? So wie Martis Sätze abgesetzt sind, beinahe allein – meist nur zwei auf einer Buchseite –, wird Lesen zum neuen Verflechten. Langjährige Marti-Leserinnen und Leser mögen alte Fäden neu aufgreifen. Und sicher legt man lesend innerhalb des schmalen Bandes eine eigene Spur – Reiz der Überschaubarkeit. Das Kapitel «Wem glauben?» mündet in den Satz: Ihm, Jesus, glaube ich Gott.

Wozu beten? Damit uns nichts selbstverständlich wird. Selbstverständlich ist nur das Nichts. – Die zweite Feststellung wächst aus dem Spiel mit den Begriffen und ist – ex negativo – doch eine Intensivierung. Auch das eine typische Form des Autors. Vor allem aber ist Beten nicht einfach Danken oder Bitten. Die inhaltlich scheinbar neutralere Bestimmung nimmt die Betenden in Verantwortung. – «Versuche zu verstehen» nannte Marti seine Textsammlung von 2005 im Untertitel; der Haupttitel bleibt Devise: «Gott im Diesseits».

Der alte Rücken schmerzt. Marti hockt auf einem Mäuerchen am Rand einer vielbefahrenen Strasse. Er sinniert über das Rasen – Gott hat es gefallen, ein Universum voll rasender Gestirne entstehen zu lassen. Ist kosmische Raselust auch in uns selber? – und sieht (so legt es die Abfolge der Notizen nahe) im Beet neben «Asphaltierungen und Betonierungen» einen Regenwurm. Dessen Wirken lässt eine Frage aufkommen, die wir – fünf Notate zurückschauend – komplexer und auch theologisch lesen: Wer sagt da noch, das verstehe sich doch von selbst? Ob Marti hier auch als Zeitungsleser nach dem Darwin-Jahr sinniert? Entfernte Lektüren überraschend verknüpfen – das hat immer schon zu seinem Handwerk gehört. Das gilt auch für Adam Phillips. Der Psychoanalytiker und Herausgeber der englischen Gesamtausgabe der Werke von Sigmund Freud hat in einem pointierten Essay Darwins Beobachten der Regenwürmer als Verarbeiten von Verlusten interpretiert. Faszinierender aber ist, dass Phillips die Wertschätzung für die Leistung der Regenwürmer als Bejahen der Vergänglichkeit deutet. Nochmals die Frage: Schreibt der alte Marti über seine alten Themen? Ja. Doch er, der einst verdichtete «Fragen bleiben jung, Antworten altern rasch», färbt seine Fragen neu ein und wirft noch mit Aussagesätzen Fragen auf. Still nagt die Verzweiflung am Gemüt. Da spricht die Redlichkeit. Und dann wird die Selbstbeobachtung konkret. Schlimme Entdeckung: Ich kann nicht pfeifen. Wer kann diese Notiz lesen, ohne die Lippen zu spitzen? Er, der nicht mehr pfeifen kann, denkt noch immer vom Selbst ausgehend, aber nicht selbstmitleidig, klar und verdichtend – und schenkt uns «Spätsätze» als Denkkerne und Keimsätze.

Hans ten Doornkaat

Kategorie Buch
Titel Heilige Vergänglichkeit, Spätsätze
Bild Heilige Vergänglichkeit, Spätsätze
Autor Kurt Marti
Verlag Radius-Verlag
Art Gebundene Ausgabe (45)
Preis 0.00