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Juden Narren Deutsche, Essays

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Soviel gleich vorweg gesagt: Dies ist ein verstörendes wie zum Nachdenken anregendes Buch, das die Leserin, den Leser in seinen Bann zieht.

Die «unjüdische Jüdin» Hazel Rosenstrauch widmet sich in ihrem Essayband Juden Narren Deutsche einer erstarrten, ja verwalteten Erinnerungskultur. Mit Eindringlichkeit schreibt sie gegen die Macht einer bleiern gewordenen, in Ritualen erschöpften Erinnerungskultur an. In ihren Texten lässt sie bekannte und geläufige Zusammenhänge neu bedenken und in Frage stellen «im Streit um Formen der deutschen Verbewältigung». Virtuos und selbstbewusst überschreitet sie die Grenzen des Gewohnten, wehrt sich gegen Zuschreibungen und probt das Umgehen mit Widersprüchen, «statt Widersprüche zu umgehen».

In Erinnern und erinnert werden sind es die vom Bezirksamt Schöneberg von Berlin 1993 an Laternenpfählen zum Gedenken an die vielen jüdischen BewohnerInnen des Bayerischen Viertels angebrachten Erinnerungstafeln, die in den Fokus ihrer Kritik geraten: «Die Schilder sind nicht für die Verfolgten und auch nicht für deren Nachkommen und nicht für Meinesgleichen gedacht… diese Tafeln stärken die Apartheid in den Köpfen.» Bei der gut gemeinten, anfänglich auch von ihr gut geheissenden Anbringung der Tafeln hatte man vermutlich nicht daran gedacht, «dass auch ‹Juden› an diesen Tafeln vorübergehen.» Damit fühlt sie sich und sicher auch manch andere, die dort leben, ständig an die Ausgrenzung ihrer Vorfahren erinnert, auf ihr Jüdisch-Sein reduziert bzw. festgeschrieben und als Individuum unter ein religiöses Etikett subsumiert.

Der Mode, Mahnmale zu errichten, Orte jüdischen Lebens zu markieren, Reisen zum Mitfühlen und Miterleben zu organisieren, begegnet sie mit Unbehagen an dieser Form des Gedenkens und bemerkt ironisch: «(U)m weitere Entlassungen im Bewältigungsgewerbe vorzubeugen, bieten wir auch Umschulungskurse an.» Nicht gegen die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ist sie, wie sie in ihrem Vorwort schreibt, sondern gegen das Schubladendenken, da «die Opfer-Täter-Zuordnung … Auseinandersetzungen ... vermeidet.»

Am Beispiel ihrer einst grossen Liebe zu einem «schuldgefühligen Deutschen» behandelt sie das Thema Identität: «Anders als Konvertitinnen und Konvertiten, die mittlerweile bei Juden Identität borgen, kann ich aus dem Verein nicht austreten.» Ihre Haltung bezeichnet sie selbst als eine der Unzugehörigkeit: «Ich bin Jüdin, Österreicherin, Engländerin, Historikerin, Soziologin, Kulturwissenschaftlerin, Journalistin, Autorin, Mutter, Schönebergerin, Frau natürlich (!) … Schön wäre es, ich könnte die Entscheidung darüber, wer ich bin, selbst treffen.»

Ein erschütterndes Dokument über Flucht, Vergeltung und Verantwortungs-losigkeit ist der Text Mein neuer Grossvater, ein Bericht ihrer Reise zu einer Gedenkveranstaltung in Zasavica/Serbien für die Opfer des Kladovo-Transports. Im November 1939 verliess ein Transport mit rund 1200 jüdischen Flüchtlingen Wien in Richtung Palästina. Nach einer schrecklichen Odyssee von eineinhalb Jahren wurden sie in Serbien von den Nazis eingeholt und zu Opfern faschistischer Vernichtungspolitik, unter ihnen war auch ihr Grossvater. Von ihm hatte sie den «auffallend blumigen Namen», der ihr «jahrelang eine Last war», der aber «recht spät ein Medium der Erkenntnis wurde».

Um nichts weniger als um Erkenntnis, um Vertrauen in die Aufklärung geht es Hazel Rosenstrauch in ihren Artikeln. Deswegen wendet sie sich lebhaft gegen «gefühlte Museen, gefühlte Geschichte, erfühltes Schauern» wie gegen «Fühlmale», die «zum Parcours für Touristen» werden. Die Querdenkerin Hazel Rosenstrauch, die «weder Berufsjüdin noch Fachfrau für jüdische Themen» ist, liefert keine einfachen Deutungen. Sie sucht den Dialog, weil der Dialog Bewegung ist und der Auseinandersetzung bedarf: «Es ist alles so komplex und schwierig und noch lange nicht zu Ende.»

Lisette Buchholz und ihrem persona verlag ist zu danken, dass sie diesen Essayband einer Unbequemen, der auch eine kleine Kulturgeschichte der Narren enthält, herausgegeben hat.

Christiana Puschak

Kategorie Buch
Titel Juden Narren Deutsche, Essays
Identifikation ISBN 3-924-65237-6
Bild Juden Narren Deutsche, Essays
Autor Hazel Rosenstrauch
Verlag Persona Verlag
Art Gebundene Ausgabe (157)
Preis 0.00