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Die Macht der Geldillusion - Eine buddhistische Perspektive

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Die Phänomene der Welt sind untrennbar miteinander verbunden. Deshalb besitzt Geld keine Eigenständigkeit an sich, sondern funktioniert durch Wertzuschreibung und entsprechendes Vertrauen. Brechen wir mit dieser sozialen Illusion, kann unser Denken geändert, ethisch ein-gebettet und reformiert werden – dazu könnten alle Religionen Hand bieten.

Das Geld, so scheint es, ist nur ein Ding unter anderen Dingen; Dinge, die jeweils durch eine Wissenschaft untersucht werden. Die Wissenschaft vom Geld heisst «Ökonomik». Leider findet sich aber zum Wesen des Geldes in der Ökonomik sehr wenig, weshalb sich so etwas wie eine Philosophie oder Psychologie des Geldes zusätzlich entwickelt hat. Dieses Ding «Geld» aber zusätzlich aus einer religiösen Perspektive zu untersuchen, scheint auf den ersten Blick wenig sinnvoll. Doch waren es stets die Religionen, die dabei ethische Fragen thematisierten. Ich möchte hier einige Überlegungen anstellen, die durch die buddhistische Tradition inspiriert sind und vielleicht eine etwas andere Perspektive ermöglichen.

Irreführende Denkformen Der Buddhismus ist gewiss auch eine Religion, mehr noch aber eine Philosophie des Bewusstseins. Ein wesentliches Element der buddhistischen Tradition ist eine Kritik an irreführenden Denkformen, denen anzuhängen für die Menschen nur Verblendung und Leiden nach sich zieht. Die buddhistische Ethik ist zwar in wichtigen Teilen normativ. Die Tradition betont hier fünf tugendhafte Handlungen: das Absehen von Töten, Stehlen, Lügen, sexuellem Missbrauch und der Selbstverblendung durch Rauschmittel. Doch all dies gründet auf einer Philosophie, deren Plausibilität aus einer langjährigen und systematischen Meditationspraxis erwächst. Sie führt zur kritischen Erkenntnis von Denkformen, die für die meisten Menschen ebenso «selbstverständlich» geworden sind, wie sie unaufhörlich Leiden nach sich ziehen. Ich möchte diese Zusammenhänge zunächst kurz in einer allgemeinen Form skizzieren und dann am Geld etwas genauer entfalten.

Am Anfang der buddhistischen Philosophie steht eine doppelte Beobachtung: Einerseits betrachten wir die Welt aus einer seltsamen Zentrierung, einer vermeintlich unabhängigen Ich-Perspektive. Andererseits erkennen wir bei einer gründlichen Analyse, dass alle Phänomene, alle Dinge oder Gedanken voneinander abhängen. Die Phänomene der Welt sind untrennbar verschränkt. In der abendländischen Philosophie steht dagegen am Anfang der Satz der Identität. Was ist damit gemeint? Man sagt: Alle Dinge oder Phänomene sind eben, was sie sind. Beziehungen zu anderen Dingen kommen stets nachträglich. Im Buddhismus kehrt man dieses Verhältnis um: Die Beziehung, auch zwischen Bewusstsein und Ding, geht jedem einzelnen Phänomen voraus. Aber gilt nicht zum Beispiel: «Eine Strasse ist eine Strasse, ein Auto ist ein Auto»? Erst beim Fahren treten sie zueinander in Beziehung. Autos werden aber für Strassen gebaut und umgekehrt. Ihrem Bau geht also eine Beziehung voraus, die Strassen- und AutobauerInnen in ihrem Geist haben, ehe die vermeintlich unabhängigen Dinge daraus hervorgehen.

Dennoch nehmen wir «gewöhnlich» an, dass die Dinge unabhängig voneinander existieren. Wir unterstellen uns selbst und den Dingen eine vorgängige Identität, ein Ich. Das Ich aber wird im Buddhismus als grundlegende Illusion bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass diese Illusion nicht alltäglich «funktioniert». Aber so wie Strasse und Auto aus einer aufeinander bezogenen Planung hervorgehen, ebenso bauen wir die Illusion eines unabhängigen Ichs im Minutentakt immer wieder neu auf. Wenn wir völlig mit uns identisch wären, gäbe es überhaupt keine Beziehung zu anderen Menschen und Dingen. Die Ich-Illusion lebt nur, wenn sie sich aus anderen Lebewesen und Dingen, von denen wir körperlich abhängen und diese Abhängigkeit nicht ignorieren können (wie Luft, Wasser oder Nahrung), immer wieder neu aufbaut. Die gegenseitige Abhängigkeit als wahre und wirkliche Grundlage macht sich also auch in der Ich-Illusion geltend, allerdings auf eine – wie man im Buddhismus sagt – «verblendete» Weise: Wir entfalten Gier nach anderem und sind aggressiv, bis zum Hass gegenüber Menschen und Dingen, die das Ich als Bedrohung empfindet. Ich-Illusion, Gier und Hass – so heissen im Buddhismus die drei grundlegenden Seins-Bestimmun-gen des Menschen, auch die «drei Geistesgifte» genannt. Man kann sich von den drei Geistesgiften allerdings befreien. Dies zu ermöglichen, gibt es in den buddhistischen Traditionen viele Meditationsformen und Methoden des Geistestrainings.

Geld als Maschinenöl Mit diesen Vorbemerkungen bin ich gerüstet, das Geld als Phänomen aus dieser Perspektive näher zu betrachten. Die Ökonomik – wenigstens die moderne – geht davon aus, dass die menschliche Gesellschaft, das menschliche Zusammenleben aus unabhängigen Individuen besteht. Sie beziehen sich – in dieser Denkform – nur je nachträglich durch Märkte aufeinander. Bekannt wurde dieser Gedanke durch Englands Premierministerin Margaret Thatcher, die sagte: «Ich kenne keine Gesellschaft, ich kenne nur einzelne Menschen.» Dieser Gedanke wird in der modernen Ökonomik als Dogma stets vorausgesetzt. Das Geld, so diese Auffassung, ist nur ein klug erfundenes Mittel, damit die Menschen, die auf der Grundlage privater, rein egoistischer Entscheidungen kaufen und verkaufen, auf Märkten reibungslos miteinander Handel treiben können. Die Märkte betrachtet man als grosse Wirtschaftsmaschine. Das Geld sei nur das Öl, das diese Maschine leichter laufen lasse. Zu viel von diesem Öl führe zu Inflationen, zu wenig zu Rezessionen. Was also sollte an dem so verstandenen Geld «geheimnisvoll» sein oder gar einen «Fetischismus» begründen, von dem Karl Marx sprach?

Zwar hat Marx tatsächlich den Fetischismus rund um das Geld, den Tanz um das Goldene Kalb in vielen Aspekten dechiffriert. Er blieb allerdings auf halber Strecke stecken. Marx sieht den Fetischismus des Geldes in Wahrheit in seiner gesellschaftlichen Natur. Es verknüpft die arbeitsteiligen Unternehmen und KonsumentInnen, wird aber wie ein Ding unabhängig von dieser Funktion betrachtet.

Nun kann man, aus einer buddhistischen Perspektive, durch eine Analyse der Geldprozesse dem Gedanken sofort zustimmen, dass das Geld die Menschen «vergesellschaftet». Aber das Geld «tut» hierbei nichts ohne menschliches Handeln. Es hat nur Bedeutung, nämlich «wertvoll» zu sein, weil die Menschen es wertschätzen. Marx und viele andere AutorInnen sehen im Gold die wahre Verkörperung von wirtschaftlichen Wer- ten. Werte müssten, so der Gedanke, immer auch eine materielle Form besitzen. Das Papiergeld der Gegenwart gilt deshalb für viele als vorübergehendes Phänomen, das bald, todsicher aber irgendwann zusammenbrechen wird, eben weil Papier oder Zahlen auf dem Computer keinen Wert tragen können. Und Geld sei doch verkörperter Wert.

Hier macht sich mit dem Individualismus der Glaube an die Identität aller Dinge vor ihren Beziehungen als Hemmnis der Erkenntnis des Geldes bemerkbar. Das Geld gilt als «objektive Realität». Gedanken über das Geld, psychologische Aspekte seien nur nachträglich von Interesse, eigentlich «Ideologie» oder mit Marx: «verhimmelte Nebelgebilde». Aus einer buddhistischen Perspektive, aber auch mit dem Blick der kritischen westlichen Philosophie, die weiss, dass es kein «Objekt» ohne «Subjekt» geben kann, erweist sich diese Tradition von Marxismus und moderner Ökonomik als Irrtum. Buddha sagt in einem Text der ältesten Lehrverkündigung: «Den Dingen geht der Geist voran, der Geist entscheidet.» Die abrahamitischen Religionen stimmen dem zwar zu, sagen aber: Dieser Geist ist der Geist Gottes, getrennt von dieser Welt. Im Buddhismus ist das aber der Geist aller denkenden Lebewesen, nicht getrennt von ihnen und ihrem Leben.

'''Geld ist eine Denkform' Was bedeutet das nun mit Blick auf das Geld? Die Marx’sche Einsicht kann man – befreit von allerlei materialistischem Zierrat – so ausdrücken: Geld vergesellschaftet. Im Geld stellen die Menschen ihre Gesellschaft immer wieder neu her. So formuliert, kann man diesem Gedanken unschwer folgen. Doch das Geld ist dabei kein mechanischer Vorgang (wie die modernen ÖkonomInnen meinen), noch ist es etwas, das «hinter dem Bewusstsein der Beteiligten» (Marx) diese Vergesellschaftung der Menschen vollzieht. Wir brauchen dabei nur auf unsere eigene Erfahrung zu blicken. Wie funktioniert das Geld? Dadurch, dass wir ihm erstens einen Wert zusprechen, zweitens aber im Geld rechnen. Die Pointe lautet hier: Nur dadurch, dass wir – und das massenhaft – auf einen wie immer illusionären Wert des Geldes vertrauen, hat Geld auch einen Wert – und mit ihm alle in ihm geschätzten Dinge. Geht das Vertrauen verloren, so kann sich über Nacht der Geldwert in Nichts auflösen. An den Börsen für Wertpapiere, aber auch zum Beispiel auf den Immobilienmärkten lässt sich das in jüngerer Zeit immer wieder beobachten. In China werden in spekulativer Absicht ganze Städte gebaut und – wenn die Hochhäuser mangels KäuferInnen keinen Wert haben – auch wieder einfach abgerissen. Der Glaube, dass sich Werte also verkörpern lassen (in Gold, Immobilien usw.) ist eine Illusion. Als im sechzehnten Jahrhundert immer neues Gold aus Südamerika nach Europa gebracht wurde, sank auch der Goldwert erheblich. Geld ist also zuerst und vor allem eine Denkform. Indem viele Menschen in ihm rechnen und an seinen Wert glauben, erzeugen sie erst dessen Wert – bis das Vertrauen wieder verloren geht.

Mehr noch, das Rechnen in Geld, die Eroberung von immer mehr Bereichen des menschlichen Lebens durch Märkte und Geld, hat dazu geführt, dass alle Dinge im Horizont des Geldes aus einer berechnenden Perspektive ausgelegt werden. In den Naturwissenschaften war diese Perspektive sehr erfolgreich, auch wenn ihre Herkunft aus den Rechenbüchern der frühen Händler, die damit die Herstellung von Waren als Buchführung überwachten, inzwischen gänzlich vergessen ist. Zwischenzeitlich wird alles diesem messenden und rechnenden Horizont unterworfen: Statistiken sind allgegenwärtig und legen tägliches Zeugnis für das Geld als Hintergrund, als rechnende Denkform ab.

Die Rechnung in Geld, das Vertrauen in seinen Wert bleibt dennoch eine Illusion – aber eine vielfach sozial funktionierende. Sie übt alltägliche Macht aus; nicht von aussen, sondern dadurch, dass wir alles in Geld rechnen und so seine Macht reproduzieren. Aus dem Bezug auf das Geld als Denkform hat sich ein neuer Subjekt-Typus entwickelt, den ich «das Geld-Subjekt» nenne. Es legt die ganze Welt im Horizont der Zahlen aus. Das Ich wird so zum egoistischen homo oeconomicus, wie er in der Ökonomik heisst. Auch die Gier des Ichs wird dadurch transformiert, wird zur Geldgier – diese wird sogar institutionalisiert, etwa im Zins. Man erwartet selbstverständlich, dass Geld mehr wird, dass sich das Ego-Territorium auf der Grundlage des Geldes immer mehr ausweitet. Für ganze Gesellschaften heisst dies dann «Wachstumszwang». Da sich das Geld-Ich aber im je anderen Geld-Ich gleichsam selber begegnet, entsteht daraus Ablehnung und Aggression bis zum Hass. In harmloser Form wird also das dritte buddhistische Geistesgift «Hass» in sozialer Institution zur Konkurrenz, zur Ellenbogengesellschaft, auf politischer Ebene sogar zum Krieg.

Geld ist eine soziale Illusion – doch eine, die alle Köpfe beherrscht und so scheinbar unverrückbare Wirklichkeit schafft. Doch es bleibt gleichwohl eine Denkform. Gedanken lassen sich aber ändern, ethisch einbetten und reformieren. Insofern ist die buddhistische Gelddiagnose am Ende doch optimistisch: Geld ist kein Verhängnis, sondern etwas, dessen Macht über uns wir selbst alltäglich hervorbringen. Wir können dies aber auch lassen, also gelassener dem Geld gegenüber werden. Weder die egoistische Geldgier, noch die Ellenbogengesellschaft sind angeboren. Man kann sie durch Erkenntnis und Ethik zähmen. Darüber könnten sich eigentlich alle Religionen verständigen. •

Literatur von Karl-Heinz Brodbeck: • Buddhistische Wirtschaftsethik. Berlin 2011. • Die Herrschaft des Geldes. Darmstadt 2012. • Faust und die Sprache des Geldes. Freiburg-München 2014. • Säkulare Ethik aus westlicher und buddhistischer Perspektive. Berlin 2015.